Spitze Zacken, warmes Weihnachtsleuchten

Herrnhuter Sterne erinnern in Frankenberg an gesamtdeutsche Geschichte

Erinnerung an Frankenberg/Sachsen: Von dort brachten Gerda Albrecht und Heinz Müller von einer Partnerschaftsfahrt vor über zwei Jahrzehnten diesen Herrnhuter Stern mit. Auch dieses Jahr strahlt er wieder zum Weihnachtsfest in ihrer Diele im Amselweg.
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Erinnerung an Frankenberg/Sachsen: Von dort brachten Gerda Albrecht und Heinz Müller von einer Partnerschaftsfahrt vor über zwei Jahrzehnten diesen Herrnhuter Stern mit. Auch dieses Jahr strahlt er wieder zum Weihnachtsfest in ihrer Diele im Amselweg.

Herrnhuter Sterne verbreiten mit ihrem Licht auch im Waldeck-Frankenberger Land eine ganz besonders schöne Weihnachtsstimmung. Für die Stadt Frankenberg haben sie sogar eine spezielle partnerschaftliche Bedeutung mit Blick nach Sachsen.

Frankenberg - Als vor zwei Jahren abends die ersten Sterne mit den viereckigen und dreieckigen Spitzen über der Frankenberger Fußgängerzone leuchteten, gab es begeisterte Zustimmung über diese geschmackvolle Dekoration ganz in Weiß. „Das sind doch die ‚Herrnhuter Sterne’, die wir früher gern von unseren Freunden in der DDR zu Weihnachten geschickt bekamen und dann selbst zusammenbauen mussten“, erinnerte sich spontan eine alte Frankenbergerin.

„Die Beleuchtung macht eine so schöne Stimmung in der Stadt, sodass wir beschlossen haben, sie bis Anfang Februar hängen zu lassen“, meldete sich daraufhin aus dem Rathaus auch Bürgermeister Rüdiger Heß.

Kein austauschbarer Glitzerkram, wie er sonst winterliche Einkaufsmeilen aufdringlich schmückt, sondern ein Stück erlebte gesamtdeutsche Geschichte sind die Herrnhuter Sterne auch für Gerda Albrecht und Heinz Müller. In der Diele ihres Hauses im Amselweg 6 hängt ein rotgelber Papierstern, den sie Ende der 1990er-Jahre aus der Partnerstadt Frankenberg/Sachsen mitbrachten.

„Er erinnert uns an Johannes Roßberg, der in vierter Generation in Frankenberg/Sachsen eine Druckerei betrieb und zu den Mitbegründern unserer Städtepartnerschaft gehörte“, erzählt Heinz Müller. In den Regalen seiner kleinen Schreibwarenhandlung entdeckte das Paar damals zwischen Erzgebirgs-Engeln auch die Kartons mit den Originalsternen aus Herrnhut in der Oberlausitz.

Herrnhuter Sterne in Frankenberg: Das Foto entstand in der Ritterstraße am oberen Eingang zur Fußgängerzone. 

„Schon der Aufbau unseres Herrnhuter Sterns war ein Ritual“, berichtet Gerda Albrecht. „Die viereckigen und dreieckigen Zacken aus Papier mussten damals noch mit Musterklammern zusammengesteckt werden, dann kam die Beleuchtung dran – für das komplizierte geometrische Gebilde haben wir die Aufbauanleitung genau beachten müssen.“

Aber alle Mühe sei vergessen gewesen, als der Stern erstmals sein mildes Licht im Hausflur verströmte. „Wir bewahren ihn jetzt immer komplett zusammengebaut das Jahr über im Keller auf.“

Für Heinz Müller, der 1990 als Hauptabteilungsleiter in der Stadtverwaltung die Verschwisterung mit Frankenberg/Sachsen selbst vorbereiten half, bedeutet das leuchtende Erinnerungsstück aus Roßbergs Druckerei in diesem Jahr auch: 30 Jahre Partnerschaft mit vielen menschlichen Begegnungen, „ein Jubiläum, das coronabedingt leider nicht gefeiert werden konnte“, wie er bedauert.

Geschichte des Sterns: Trost gegen das Heimweh

Nicht einfarbig weiß wie in der Frankenberger Fußgängerzone, sondern rot-weiß waren vor rund 200 Jahren die ersten Herrnhuter Sterne. Die Farben symbolisierten die Reinheit und das Blut Christi, so wollten es die pietistischen Männer der „Erneuerten Brüder-Unität“, denen Nikolaus Graf von Zinsendorf 1727 sein Gut Berthelsdorf bei Herrnhut zur Verfügung gestellt hatte. Von dort aus gingen sie als Missionare in die Karibik, nach Grönland, West-Indien und Südafrika.

Für ihre Kinder gab es in Deutschland Internatsschulen mit humanistischem Anspruch und gutem Ruf. Im Alter von sechs Jahren wurden sie dorthin geschickt, während ihre Eltern fern am Einsatzort blieben.

Sternebasteln gegen Heimweh: Kinder von Missionaren im Auslandsdienst, fernab von ihren Angehörigen, fertigten die Papiersterne während der Adventszeit in Herrnhuter Internatsschulen.

Das bedeutete jahrelange Trennung. Ein hartes Los, das diese Kinder bis weit ins 20. Jahrhundert ertrugen. Es wurde Brauch, mit dem Basteln solcher Sterne die Adventszeit einzuläuten – für die heimwehgeplagten Missionskinder, weit weg von ihren Eltern, ein tröstliches, gemeinschaftsstiftendes Ereignis.

Dem Buchhändler Pieter Hendrick Verbeek kam 1894 in Herrnhut die geniale Geschäftsidee: Er konstruierte Modellbogen für einen stabilen Papierstern mit 25 Zacken. 1898 wurden im Handel zwei Größen und fünf Farben angeboten, ab 1899 sorgte die „Herrnhuter Sternenmanufaktur“ für die weltweite Vermarktung.

In der DDR wurde die Stern-GmbH zunächst verstaatlicht, 1968 an die Brüder-Unität zurückgegeben, aber mit planwirtschaftlichen Vorgaben. Auch wenn die Sterne beliebter Devisenbringer im Westen waren – es fehlte oft an Papier.

Nach der Wiedervereinigung wurde der Vertrieb der Sterne komplett neu organisiert. Sie werden nach wie vor in Handarbeit gefertigt, verkünden ihre frohe Weihnachtsbotschaft längst weltweit nicht nur in Kirchen und Wohnstuben, sondern leuchten in wetterfestem Kunststoff auch über Plätzen, im Berliner Dom, im Bundeskanzleramt und eben auch in strahlend schlichtem Weiß in der Frankenberger Fußgängerzone.

Mathematisch ein Rhombenkuboktaeder

Streng geometrisch betrachtet ist der Herrnhuter Stern ein „Rhombenkuboktaeder“, der zu den archimedischen Körpern zählt. Auf acht gleichseitige Dreiecke und 18 Quadrate werden Pyramiden, die Sternspitzen, aufgesetzt. Ob damit den Herrnhuter Internatsschülern wohl damals der Mathematikunterricht anschaulich gemacht werden sollte?

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