Tiefflieger-Angriff: Vor 70 Jahren gerieten Ernsthäuser in Gefahr

Nach dem Angriff am 25. März 1945: Nur noch die dem Dorf zugekehrte Wand des Ernsthäuser Bahnhofs blieb stehen. Er war mit der neuen Bahnstrecke Sarnau-Frankenberg 1890 gebaut worden (kleines Bild). Repro: Völker

Ernsthausen. Vier Tage, bevor mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen für das Frankenberger Land der Zweite Weltkrieg zu Ende war, entging Ernsthausen am Rand des Burgwalds einer Katastrophe.

Mehr als sieben Stunden lang saßen die Menschen heute vor 70 Jahren in ihren Kellern und erlebten voller Angst mit, wie Wagen für Wagen eines Munitionszuges in die Luft flog. Schwere Druckwellen warfen die Wände des Bahnhofs um, viele Dächer von Häusern wurden abgedeckt, alle Fenster zersplitterten und Türen flogen aus den Angeln - doch zum Glück wurde kein Einwohner getroffen.

Man war es in diesen letzten Kriegstagen gewöhnt, dass morgens Aufklärerflugzeuge über dem Burgwald kreisten. Längst wagte kein Bauer mehr, sein Viehfutter bei Tageslicht von der Wiese zu holen - das musste noch bei Dunkelheit in aller Frühe geschehen sein, weil sich bei Tag Tieffliegerangriffe auch auf Zivilisten häuften.

An diesem 25. März 1945, am Palmsonntag vor Ostern, war es noch ganz still in Ernsthausen. Lediglich beim Personal am Bahnhof herrschte hektische Aufregung: Ein Transportzug der zwischen Frankenberg und Wiesenfeld gelegenen Munitionsanstalt („Muna“), beladen mit 10,5-cm-Panzergranaten, war in der Nacht gerade noch bis zur zerstörten Brücke bei Cölbe gekommen, sollte deshalb aber vor Tageslicht wieder zurück in den Wiesenfelder Tunnel geschoben werden.

Dort pflegte man solche Munitionstransporte tagsüber zu verstecken. Aber: Tiefflieger hatten die zur Verstärkung aus Sarnau anrollende Lok zwischen Wetter und Göttingen bereits zerstört.

Der Bahnbeamte Peter Beaupain aus Wiesenfeld erkannte die Gefahr, in der die Ernsthäuser schwebten. Nachdem gegen 7.30 Uhr das erste feindliche Aufklärungsflugzeug über dem Zug aufgetaucht war, radelte er mit dem Fahrrad ins Dorf schrie: „Bringt euch in Sicherheit, der Zug steht noch hier und die da oben kreisen!“ Daraufhin suchten die Ernsthäuser ihre für den Luftschutz vorbereiteten Kellerräume auf.

Dann fielen die ersten Bomben auf den Zug. Wagen für Wagen, eine hoch explosive Ladung nach der anderen, flog krachend bis gegen 16 Uhr in die Luft. Diese Detonationen waren weithin, auch in den Nachbardörfern, zu hören. Peter Beaupain fand Schutz im Keller eines benachbarten Hauses - laut Dienstvorschrift sollte er sich „in Bahnhofsnähe“ aufhalten.

Die Familie das Bahnhofsvorstehers Braun überlebte, nachdem sie aus ihrer Wohnung im Bahnhof geflüchtet war, wie durch ein Wunder in einem Wassergraben, in dem sie über Stunden ausharren musste.

Wie sich einer der letzten Zeitzeugen in Ernsthausen, der heute 87-jährige Friedrich Engel, an diesen schier endlosen Tag mit Detonationen und Splitterregen genau erinnert, lesen Sie in der gedruckten Mittwochsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

Von Karl-Hermann Völker

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