Totschlag-Prozess: Neuer Verteidiger hat neue Beweisanträge gestellt

Marburg. Das Urteil gegen den 24-jährigen Marburger, der am 30. Mai 2014 seine Schwiegermutter in der Wohnung seiner damaligen Ehefrau erstochen hat (HNA berichtete), ist erneut vertagt worden.

Ein neuer Verteidiger will beweisen, dass das 51-jährige Opfer „aktiv und freiwillig in die Stichbewegung“ hineingelaufen sei.

Angeklagt ist der 24-Jährige wegen Totschlags. Er hat eingeräumt, seine Schwiegermutter mit einem Keramikmesser getötet zu haben. Danach hatte er in der ehelichen Wohnung den Bruder seiner damaligen Frau mit dem Messer verletzt und die Frau bis in die Nachbarwohnung verfolgt, wo er auf sie einstach. Die Geschwister kamen mit nicht lebensgefährlichen Verletzungen davon. Das Gericht hat darauf hingewiesen, dass auch eine Verurteilung wegen Mordes möglich ist.

Zehn Tage vor der Tat hatte ein Familiengericht den Angeklagten nach häuslichen Gewalttätigkeiten aus der ehelichen Wohnung gewiesen und ein Kontaktverbot verhängt. Daraufhin hatte der 24-Jährige im Internet gegenüber einem Freund eine Bluttat gegen die Ehefrau für den 30. Mai angekündigt. Auch von einem danach wahrscheinlichen Gefängnis- oder Psychiatrieaufenthalt hatte er gesprochen.

Die bisher zwei Verteidiger hatten in Beweisanträgen versucht, eine Affekttat zu belegen und der inzwischen geschiedenen Frau, mit der der Angeklagte zwei Kinder hat, Provokationen des Anklagten zu unterstellen. Alle daraufhin gehörten Zeugen bestätigten die Annahmen aber nicht.

Erneut wurde ein nunmehr nachbearbeitetes Video von rund 30 Sekunden Länge gezeigt, dass der Bruder der Frau während der Tat mit seinem Handy aufgenommen hatte. Zu sehen sind nur Türen und kurz der Angeklagte, zu hören sind die Frau, die „Hör auf, hör auf“ ruft, sowie der Schrei des Opfers. Anhaltspunkte für eine Provokation des Täters ergaben sich nicht.

Die psychiatrische Gutachterin hatte dem Angeklagten eine geplante und kontrollierte Tat bescheinigt. Hinweise auf eine psychische Erkrankung hätten sich ebenso wenig ergeben wie Hinweise auf eine Affekttat. „Er hat seine Gewalttätigkeit auch vorher schon ausgelebt“, sagte die Gutachterin. Auch eine Beeinflussung durch Psychopharmaka schloss sie aus, allerdings wiesen ihre Tests darauf hin, dass der Angeklagte eine psychische Erkrankung vorzutäuschen versuche.

Am gestrigen Prozesstag präsentierten die Eltern des Angeklagten überraschend einen dritten Verteidiger, der sieben Beweisanträge stellte. Unter anderem vertrat er die These, das 51-jährige Opfer habe sich „aktiv und freiwillig in die Stichbahn meines Mandanten hineinbegeben“. Sechs der neuen Anträge wies Staatsanwalt Nikolai Wolf als bereits behandelt oder bedeutungslos zurück. Die Anwältinnen der Frau und des Bruders wiesen darauf hin, dass vom Verteidiger genanntes angebliches Beweismaterial durch illegales Eindringen in den E-Mail-Account der Exfrau beschafft worden sei.

Richter Carsten Paul will am 13. April die Entscheidung des Gerichts über die neuen Anträge verkünden, die Verhandlung soll am 4. Mai fortgesetzt werden.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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