Geschichte der Familie Sally HIrsch

Vaterland und Heimatstadt Wildungen demütigen Stadtverordneten bis in den Tod

Die Familie Hirsch mit Sally (hintere Reihe, zweite Person von rechts) und Alma Hirsch (vordere Reihe, dritte Person von rechts).
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Die Familie Hirsch mit Sally (hintere Reihe, zweite Person von rechts) und Alma Hirsch (vordere Reihe, dritte Person von rechts).

Anfang 1934 wurde Sally Hirschs Geschäftsfiliale an der Georg-Viktor-Quelle geschlossen. Grund: „Störungen des Geschäftsbetriebes“ aufgrund seiner „Eigenschaft als Jude“.

Bad Wildungen – Sally Hirsch protestierte in einem Schreiben dagegen. Er war eine bekannte und geachtete Persönlichkeit in der Stadt und hatte einen tadellosen Ruf. Er war Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, wie er stolz betonte, zudem Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und Stadtverordneter der Liste „Handel und Gewerbe“. Selbst die Ortschronik der Wildunger NSDAP musste eingestehen, dass es in der Brunnenstraße 36 die besten „Weihnachtsgeschenke im anerkannt feinsten Spielwarengeschäft“ von Sally Hirsch gab. Dort konnte man auch Textilien, Glaswaren und Schirme kaufen.

Tochter Alice Hirsch im elterlichen Geschäft.

Doch all seine Verdienste galten nichts mehr. Seine Bitte um Rücknahme der Schließung scheint abschlägig beschieden worden zu sein. Eine handschriftliche Notiz besagt, dass nach Aussage des Bürgermeisters „von der Stadtverwaltung nichts unternommen werden könnte“. Vielleicht ahnte Sally Hirsch, dass sein Einspruch vergebens sein würde. Wie andere Wildunger Geschäftsleute jüdischen Glaubens war er 1933 von den Wildunger Nationalsozialisten zu einem demütigenden Marsch durch die Stadt gezwungen worden, dem sich niemand aus der Wildunger Bevölkerung entgegen stellte.

Sally Hirsch führte eines der angesehensten Geschäft in Bad Wildungen

Sally Hirsch stammte aus Wellen und heiratete Alma Bachrach aus der Badestadt. Seine Enkelin Edith Pagelson beschreibt ihn als weisen, vorausschauenden, fleißigen Mann. Das Geschäft sei auch am Sabbat geöffnet gewesen, die Familie habe aber koscher gegessen und den Neubau der Wildunger Synagoge finanziell tatkräftig unterstützt. Eine andere Enkelin, Arlene Gonter, ergänzt, viele Mitbürger einschließlich des Bürgermeisters hätten Sally Hirsch um Rat gefragt. Das Geschäft habe als einer der ersten Läden in der Stadt eine besondere Beleuchtung in Form von fluoreszierendem Licht gehabt.

Die vier Töchter des Ehepaares Hirsch im Kindesalter (von links) Flora, Herta, Alice und Sidonie.

Das Ehepaar Hirsch hatte vier Töchter: Flora und ihre Töchter Margot Suse sowie Edith überlebten die Shoa und wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA aus, wo bereits Alice Hirsch lebte. Hertha Amalie und Sidonie flohen in der NS-Zeit in die Niederlande und wurden später mit ihren Familien im KZ Auschwitz ermordet. An sie erinnern heute zwei Stolpersteine vor dem einstigen Wohnhaus in Bad Wildungen.

Ehepaar Hirsch soll binnen fünf Monaten 1938 aus Verbitterung gestorben sein

1938 starben Sally und Alma Hirsch innerhalb von nur fünf Monaten. Ihr Grab ist das jüngste auf dem jüdischen Friedhof in Bad Wildungen.

Man sagt, das Ehepaar sei aus Verbitterung über die Judenverfolgungen verstorben. Nur wenige Wochen nach dem Tod der Hirschs überzog die Pogromnacht 1938 auch in Bad Wildungen jüdische Bürgerinnen und Bürger mit Gewalt und Terror. (Johannes Grötecke)

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