Brief an Bundesbildungsministerin

Verärgert über Homeschooling: Wie ein zweites Abitur für die Eltern

Eine Mutter hält das Lateinbuch ihres Sohnes in der Hand. Der Sitz am Laptop und soll Hausaufgaben machen.
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Englisch, Französisch, Latein und Mathe: Mütter wie Stefanie Zahn müssen beim Homeschooling tatkräftig mit einsteigen. Das fühlt sich an wie die Vorbereitung auf ein zweites Abitur.

Als Krankenpflegerin und Mutter von drei Kindern ist Stefanie Zahn einiges gewöhnt. Sie hält sich für zäh und belastbar. Der aktuelle Lockdown aber und vor allem die Schließung der Schulen fordern ihr eine Menge ab und lassen sie am Schulsystem zweifeln.

Bad Arolsen - Weil die Schulen geschlossen haben, verbringt die Mutter viel Zeit mit der schulischen Betreuung ihres jüngsten Sohnes.

Sein großer Bruder studiert in Paderborn. „Da laufen die Online-Vorlesungen reibungslos. Aber die Berufsschule meiner Tochter in Kassel hat einfach dichtgemacht. Die haben die Schulphase für beendet erklärt und alle Auszubildenden in die Betriebe zurückgeschickt“, berichtete die Mutter und wundert sich über das Vorgehen der beamteten Pädagogen: „In meinem Beruf hätte das Konsequenzen, wenn ich nicht zur Arbeit erscheinen würde.“

Wie sollen das Eltern ohne Abitur schaffen?

Bleibt also noch der Jüngste auf dem Arolser Gymnasium. Sie wolle nicht pauschal schimpfen. Es gebe durchaus Lehrer, die einen respektablen Distanzunterricht anböten, es gebe jedoch auch das genaue Gegenteil.

Wie dem auch sei: Ihre Aufgabe sei es nun im Lockdown, den Heranwachsenden täglich zum Lernen motivieren. Das fange beim geregelten Tagesablauf an. Aufstehen wie zur regulären Schulzeit, dann lernen, Hausaufgaben.

Englisch, Französisch, Latein und Mathe: Stefanie Zahn beherrscht das Lernpensum ihrer Kinder recht gut. Schließlich hat sie vor Jahren auch ein Lehramtsstudium begonnen. Doch sie fragt sich, wie Eltern ohne Abitur und ohne Sprachkenntnisse das schaffen können.

Aus erstem Lockdown nur wenig gelernt

In einem vierseitigen Brief an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek beschreibt die Bad Arolser Mutter und Krankenschwester Stefanie Zahn die seit Monaten anhaltenden Doppelbelastung als Mutter und Homeschooling-Lehrerin. Und sie beklagt, dass die Schulen aus dem ersten Lockdown scheinbar so wenig gelernt hätten.

Aus ihrer Sicht sei im ganzen Schulsystem viel Zeit verschlafen worden: „Man hätte doch den Sommer nutzen müssen, um ein brauchbares Online-Lernsystem aufzubauen“, klagt sie. Stattdessen hapere es immer noch an der Ausstattung der Schulen. Mal fehlten WLAN-Zugänge für die Lehrer, mal die passenden mobilen Endgeräte für die Schüler. Und oft gebe es nicht mal schnelles Internet.

Es wird viel zu viel Zeit verplempert

In ihrem Brief an die Bundesbildungsministerin schildert die verärgerte Mutter auch ihre Erfahrungen mit Lehrern, die scheinbar über Wochen und Monate abtauchten und ihren Schülern nur eine lange Bücherliste mit Hinweisen auf Lernvideos im Internet hinterlassen.

All das sei doch sehr tragisch, sorgt sich Stefanie Zahn: „Jede Woche, die so verplempert wird, fehlt doch am Ende. Mich ärgert diese bequeme Arbeitseinstellung.“

Dabei komme der Lockdown und der Wechsel zum Distanzunterricht doch nicht überraschend: „Das war im Sommer alles abzusehen. Da hätte man sich drauf einstellen und die richtigen Vorkehrungen treffen müssen.“

Jetzt müssen gute Lösungen für die Schulen her

Sie wolle wirklich nicht alle über einen Kamm scheren, wiederholt die verärgerte Mutter, es gebe auch durchaus sehr engagierte und technisch versierte Lehrer. Ihre Sorge sei nur, dass durch die Schulschließungen so viele Schüler auf der Strecke bleiben.

Nun ist Stefanie Zahn gespannt auf eine Antwort aus dem Bundesbildungsministerium. Und diese Antwort müsse sich in Taten niederschlagen, so ihre Forderung: „Bei über zehn Millionen Schülern plus Studenten und Berufsschülern und einem nicht absehbaren Ende dieses Lockdowns warten viele Familien auf Lösungen.“  (Elmar Schulten)

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