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Volkstrauertag in Waldeck-Frankenberg: Ukraine-Krieg im Fokus

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Von: Jörg Paulus, Marianne Dämmer, Gerhard Meiser

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Dekanin Petra Hegmann sprach sich für Demokratie und Frieden aus.
Dekanin Petra Hegmann sprach sich für Demokratie und Frieden aus. © Meiser, Gerhard

Der Volkstrauertag in Deutschland hat in diesem Jahr durch den Krieg in der Ukraine eine besondere Bedeutung und Aktualität bekommen. Das wurde auch in Reden von Vertretern aus Politik, Kirchen und Bundeswehr am Sonntag auf vielen Friedhöfen und an Ehrenmalen in Waldeck-Frankenberg deutlich.

Waldeck-Frankenberg – Anders als in den vergangenen Jahren wurde nicht nur an die Opfer der beiden Weltkriege sowie von anderen Kriegen, Gewaltherrschaft, Vertreibung und Verfolgung erinnert – der russische Angriff auf die Ukraine stand besonders im Fokus der Gedenkveranstaltungen, die jedes Jahr zu Frieden, Versöhnung und Verständigung mahnen sollen.

„Der Volkstrauertag 2022 ist anders“, predigte Petra Hegmann, die Dekanin des Kirchenkreises Eder, am Sonntagmittag bei der zentralen Gedenkfeier des Landkreises auf dem Friedhof in Frankenberg. „77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt“, sagte Landrat Jürgen van der Horst.

„Im Jahr 2022 müssen wir Bilder sehen, von denen wir gehofft hatten, dass sie sich auf unserem Kontinent niemals wiederholen“, sagte Oberstabsfeldwebel Sven Sommerlad in seinen einleitenden Worten auf dem Friedhof in Frankenberg. „Der Krieg liegt nicht 80 Jahre hinter uns, sondern ist uns ganz nahe“, machte der Bundeswehrsoldat aus der Burgwaldkaserne deutlich. Deshalb müsse man sich aktiv für den Frieden einsetzen.

„Krieg ist nicht mehr etwas, was war, sondern was ist.“

Pfarrer Steffen Blum, Korbach

„Wir dürfen menschlichem Leid gegenüber nie gleichgültig sein und müssen dort mutig einschreiten, wo Mitmenschen unsere Hilfe brauchen.“ Es sei eine Verpflichtung, dem Bösen in unserer Welt stets genügend Gutes entgegenzusetzen, sagte der Oberstabsfeldwebel. „Krieg ist nicht mehr etwas, was war, sondern was ist“, sagte Pfarrer Steffen Blum bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Korbacher Nikolaikirche. „Viele kommen zu uns, um Schutz zu suchen, vor allem seit dem 24. Februar 2022.“

„Wir leben in einer schwierigen Welt“, sagte Korbachs Bürgermeister Klaus Friedrich in Korbach. „Gerade in der heutigen Zeit, die uns herausfordert wie keine der letzten Jahrzehnte, gilt es für uns alle, wachsam zu sein für haarfeine Risse im Zusammenleben, wehrhaft gegen Feinde dieser Gesellschaft, friedfertig im Umgang miteinander und solidarisch mit den Bedrohten“, führte Friedrich aus. Der Volkstrauertag sei ein Tag des Gedenkens, aber auch ein Tag der Mahnung.

„Der Volkstrauertag in diesem Jahr fällt in eine geopolitische Lage, von der niemand gedacht hätte, dass sie sich in Europa noch einmal auf diese Weise entwickeln könnte“, sagte Landrat Jürgen van der Horst in seiner Ansprache bei der zentralen Gedenkfeier auf dem Friedhof in Frankenberg. Zu den Klängen des Frankenberger Posaunenchors und den Liedern des Männergesangvereins Frankenberg/Schreufa gedachten dort etwa 100 Menschen insbesondere an den „Krieg und die Toten eines Kriegs mitten im Herzen von Europa“, so Oberstabsfeldwebel Sven Sommerlad von der Burgwaldkaserne.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte eingeladen

Zu der Kundgebung hatte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeladen, unter den Teilnehmern waren auch Bürgermeister Rüdiger Heß, Oberstleutnant Daniel Renkl, Kreistagsvorsitzender Rainer Hesse, Dekanin Petra Hegmann und der katholische Pater Bonifatius. Für die Menschen in der Ukraine und alle Menschen, die von diesem Krieg betroffen sind, sprach der Pater ein Gebet.

Beim Volkstrauertag auf dem Friedhof in Frankenberg haben unter anderem Vertreter von Politik, Kirchen und Bundeswehr Kränze am Hochkreuz niedergelegt.
Beim Volkstrauertag auf dem Friedhof in Frankenberg haben unter anderem Vertreter von Politik, Kirchen und Bundeswehr Kränze am Hochkreuz niedergelegt. © mjx

Bei den Gedenkveranstaltungen seit Anfang der 1950er-Jahre sei ausgehend vom Zweiten Weltkrieg immer der Kriegstoten und der Opfer der Gewalt gedacht worden, erinnerte Dekanin Hegmann. Gleichzeitig seien Kriege immer weit weg gewesen, Krieg, Gewalt und Verletzungen der Menschenrechte habe man aus sicherer Entfernung beobachten können. „Das hat sich gewandelt“, sagte Hegmann mit Blick auf die Ukraine und auch in dem Bewusstsein, dass „Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen weltweit zunehmen“. Als Beispiele nannte sie den Krieg auf dem Balkan, die Annexion der Krim und frühere bewaffnete Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine.

„Das Leben ging dennoch weiter. Aber spätestens seit dem 24. Februar dieses Jahres ist es vorbei mit manchen Selbstverständlichkeiten“, machte die Dekanin des Kirchenkreises Eder deutlich: „Der Krieg in der Ukraine betrifft auch uns – durch drohende oder bereits spürbare wirtschaftliche Folgen und auch durch die Frage, was dieser Krieg für Frieden und Demokratie in unserem Land und in Europa bedeutet“. Die Dekanin appellierte daher daran, füreinander einzutreten und die Würde von Menschen zu schützen. „Demokratie und Frieden brauchen unseren Einsatz, heute vielleicht mehr denn je.“

Landrat van der Horst: „Wir alle spüren die Folgen“

„Wir alle spüren die Folgen der russischen Aggression gegen die Ukraine und wir leben in einer Ungewissheit darüber, wie sich der Krieg noch entwickeln und ausbreiten kann“, sagt Landrat Jürgen van der Horst. Inzwischen seien rund 2900 Ukraine-Flüchtlinge im Landkreis aufgenommen worden. Van der Horsts Dank galt daher allen Ehrenamtlichen, die helfen, „diese Herausforderung zu meistern“.

Dass in Russland der Krieg wieder als Mittel der Politik eingesetzt werde, liege wohl daran, dass die schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit dort schon wieder verwischt seien, meinte der Landrat. Der Volkstrauertag habe daher die Aufgabe, die Gesellschaft immer wieder zu mahnen, dass Krieg die schlimmste aller Optionen sei. „Wenn die Zeitzeugen fehlen, müssen die Jüngeren gewarnt und ermahnt werden.“

Zur Kranzniederlegung der Abordnungen von Volksbund, Stadt und Landkreis, Eloka-Bataillon 932, Reservistenkameradschaft und Feuerwehr am Hochkreuz spielte der Posaunenchor das Stück „Ich hatt’ einen Kameraden“.  

Volkstrauertag seit 1919

Der Volkstrauertag wurde durch den 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Gedenken an die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt. 1934 bestimmten die nationalsozialistischen Machthaber den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und nannten ihn Heldengedenktag. Nach Gründung der BRD wurde der Volkstrauertag erneut 1950 erstmals mit einer Feierstunde im Bundestag begangen. Termin ist immer zwei Sonntage vor dem 1. Advent.

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