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Ukraine-Flüchtlinge von Breslau nach Kassel in Sicherheit gebracht

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Von: Cornelia Höhne

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Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft: Rolf Schild (links) und Sam Stawinski bringen zwei Frauen und zwei Kinder aus der Ukraine von Breslau nach Kassel.
Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft: Rolf Schild (links) und Sam Stawinski bringen zwei Frauen und zwei Kinder aus der Ukraine von Breslau nach Kassel. © Privat

Zwei Männer aus Bringhausen und Bad Emstal brachten vier Flüchtlinge aus der Ukraine von Breslau nach Kassel. Kurz nach Ausbruch des Kriegs boten sie im Internet ihre Hilfe an – mit Hilfsbedürftigen in Kontakt zu kommen war aber alles andere als leicht.

Edertal-Bringhausen – „Es war eine spontane Reaktion auf die Nachrichten“, erinnert sich Rolf Schild: der Impuls zu helfen angesichts des Kriegsleids in der Ukraine, „eine Mischung aus Wut, Angst und Hoffnung.“ Die Idee: an die polnisch-ukrainische Grenze zu fahren, um Menschen, die vor dem Krieg fliehen, eine Zuflucht in Bringhausen anzubieten.„In einem gemeinsamen Projekt mit unseren Nachbarn“, erzählt Schild, Jahrgang 1959.

Hauptberuflich arbeitet er für das Kinderhilfswerk Stiftung Global Player in Fritzlar. In seiner Freizeit macht der gläubige Christ Musik. „Wir Musiker sind sehr gut untereinander vernetzt“, sagt er, und über dieses Netz suchte er nach Unterstützung und nach Hinweisen, wie man am besten helfen kann.

Sein Freund Sam Stawinski aus Bad Emstal besitzt einen Camper-Van. Darin machten sich die beiden Männer auf den Weg Richtung Polen. „Und wenn wir einfach nur eine Mitfahrgelegenheit für Geflohene anbieten“, beschreibt Schild seine Gedanken. Denn es war unklar, ob sie tatsächlich und wenn ja, wie, Hilfe leisten könnten. Schild hatte die Frage verschiedenen Stellen vorgelegt, ohne eine eindeutige Antwort zu erhalten. Er rief unter anderem bei der Bundespolizei an oder bei der Bahnhofsmission in Görlitz.

Schild verlegte sich auf die Sozialen Netzwerke und Kontakte zu Musikern. Einer von ihnen stammt aus der Ukraine und gab ihm Namen von Menschen, die bald an der polnisch-ukrainischen Grenze eintreffen wollten. „Aber daraus wurde nichts, denn sie kamen gar nicht durch.“

Schild gelangte an eine ukrainische Unternehmerin, die in Berlin lebt und an der Grenze Hilfesuchende und Helfer zusammenbringt. Der Bringhäuser meldete sich in verschiedenen Telegram-Kanälen an. Während sein Freund Sam das Fahrzeug steuerte, sichtete er die Nachrichten. „Die waren oft auf Russisch oder Ukrainisch geschrieben und wir mussten sie uns übersetzen lassen.“

Die Botschaften überschlugen sich, von Menschen, die um Hilfe baten, von Menschen, die davon berichteten, wie sie es nicht schaffen, zur Grenze durchzukommen. Bis zuletzt war unklar, wen sie mitnehmen würden in Sicherheit Richtung Deutschland. Kontakte brachen ab, weil Handy-Akkus keinen Strom mehr hatten oder das Guthaben aufgebraucht war.

Schließlich meldete sich eine Frau, die am nächsten Tag eine Fahrgelegenheit ab Breslau suchte. Um weitere Flüchtlinge mitzunehmen, fuhren die Männer jedoch zunächst weiter zur Grenze. Die Lage war erschütternd, skizziert Schild – Flüchtlinge mit Rucksäcken und weinende Kinder, dazu eisige Kälte. Während der Fahrt traf die Nachricht ein, dass eine Familie ebenfalls in Breslau gestrandet war und zu Bekannten nach Deutschland wollte. Schild und Stawinski kehrten um, ließen die beiden Frauen miteinander telefonieren, um alles Weitere zu klären.

Um 13 Uhr stoppte der Camper-Van in Breslau. Eine 40-jährige Frau aus dem Donbass war dankbar für die Hilfe. Olga, eine alleinstehende Programmiererin, sprach gut Englisch, wollte weiter nach zu einer Freundin nach Düsseldorf mit Aussicht auf einen Job in einer IT-Firma.

Sichtlich traumatisiert war eine 30-jährige Frau aus Charkow mit elf und 14 Jahre alten Kindern. „Ihr Blick ging völlig ins Leere“, beschreibt Schild, „große Angst und extreme Anspannung waren zu spüren“. Die Einladung zu seiner Familie nach Bringhausen, wo eigentlich eine Übernachtung geplant war, schlugen die Frauen aus.

Auf ihren Wunsch hin buchte Schild kurzerhand zwei Hotelzimmer in Kassel. Als sie um 22 Uhr das Ziel erreichten, war die Erleichterung groß. „Wir haben die Damen noch mit Reisegeld ausgestattet.“ Die Männer fuhren am Ende 4000 Kilometer, um zwei Frauen, zwei Kinder, eine Katze und einen Hund in Sicherheit zu bringen. Sie reisten am nächsten Tag weiter zu Freunden. Inzwischen ist die Bahnfahrt in ganz Deutschland für Ukrainer kostenlos und erleichtere den Weg in eine – wenn auch ungewisse – Zukunft.

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