Schwerer Anfang für die Glaubensflüchtlinge

Vor 300 Jahren: Hugenotten in Wetter-Todenhausen mit Äxten empfangen

Traditionsbewusstes Todenhausen: Die französische Bibel, hier zwischen Waldensertrachten präsentiert von Hans-Werner Müller, stammt noch aus der Siedlungszeit der französischen Glaubensflüchtlinge in Todenhausen.
+
Traditionsbewusstes Todenhausen: Die französische Bibel, hier zwischen Waldensertrachten präsentiert von Hans-Werner Müller, stammt noch aus der Siedlungszeit der französischen Glaubensflüchtlinge in Todenhausen.

Als die Hugenotten, Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, vor 300 Jahren bei Todenhausen (Stadtteil von Wetter im Landkreis Marburg-Biedenkopf) ankamen, hatten sie es schwer. Die Bewohner empfingen sie mit Äxten.

An diesem Wochenende (27./28.Juni) hätte die 1720 gegründete französische Hugenotten- und Waldenserkolonie Todenhausen im Burgwald gern ihr 300-jähriges Bestehen gefeiert. Angesichts der Corona-Pandemie mit ihren Versammlungs-Einschränkungen musste das Fest aber, wie so viele andere, abgesagt werden.

„Das tut weh. Aber: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“ sagt hoffnungsvoll Ortsvorsteher Ralf Funk. Die Schwesterkolonie Wiesenfeld (Gemeinde Burgwald, Landkreis Waldeck-Frankenberg), in die 1755 aus dem zu eng gewordenen Dorf Todenhausen 13 Familien umsiedelten, könnte ihr 300-jähriges Bestehen im kommenden Jahr feiern. Aber auch da werden Feierpläne nur ganz behutsam angegangen.

Dabei bleibt es wichtig, an Zeiten zu erinnern, in denen aus dem katholischen Frankreich etwa 200 000 Glaubensflüchtlinge unter Lebensgefahr nach Deutschland flohen, wo weitsichtige und tolerante Landesfürsten etwa in Brandenburg oder Hessen-Kassel ihnen Glaubensfreiheit, Land und Steuerprivilegien boten. Diese Regierenden erkannten neben dem kulturellen Impuls vor allem den wirtschaftlichen Gewinn für ihr Land durch die französischen Migranten, unter ihnen bedeutende Wissenschaftler, Theologen, hoch spezialisierte Handwerker und auch einfache Bauern.

Aber ganz ähnlich wie in der jüngsten Migrationsgeschichte der Bundesrepublik wurden diese – nicht etwa moslemischen, sondern protestantischen – Asylsuchenden von der Bevölkerung nicht überall mit geöffneten Armen aufgenommen. Den Glaubensflüchtlingen, denen der hessische Landgraf Karl am 5. Februar 1720 die Ansiedlung in Todenhausen bei Wetter genehmigte, bot man neben den relativ guten Riedwiesen auch verschiedene wüste Flächen an, schlechtes Land also, um nicht den Neid der zehn Familien zu wecken, die in der bereits bestehenden, später „Deutsch-Todenhausen“ genannten Siedlung wohnten. Sämtliche Einwohner von Amönau forderten mit einer Eingabenliste, die 40 Einwandererfamilien doch lieber nach Thalhausen bei Rosenthal zu schicken und dort anzusiedeln.

Als die „40 refügierten französischen Familien“ sich auf den Riedwiesen niederlassen wollten, hat sie „die gantze Gemeinde zu Amönau mit Axten, Gabeln, Beylen und dergleichen geräthen... unter vielen Scheltworten, auch Droh- und Schmähworten mit Gewalt hinausgejagt und vertrieben“. Rat Jacob Albrecht Scheffer sah in diesem Verhalten ein „höchst sträfliches vorgehen und tumultuoses unternehmen“ und forderte die Bestrafung der fremdenfeindlichen Rädelsführer.

Proteste gegen die Landverteilung

Es gab Proteste gegen die Landverteilung. Den Zugezogenen wurden von fast 1000 zugeteilten Ackern 700 wieder weggenommen. Bauern der Nachbargemeinden Wetter, Simtshausen und Mellnau rodeten plötzlich wüst liegendes Land, um das sich früher keiner mehr gekümmert hatte. Die zehn Hugenottenfamilien aus Daubhausen und Greifenthal, die 1721 an der im Bau befindlichen Kolonie Todenhausen vorbeizogen, erwartete bei Wiesenfeld ebenfalls nur „eine Wüstung zwischen Ernsthausen und Bringhausen im Burgwald“. Auch hier erregten plötzlich längst verwilderte Landflächen wieder den Neid von Nachbarn.

Erst 1724 freuten sich in Todenhausen endlich die Kolonisten, „daß alle Häuser des Dorfes durch die Barmherzigkeit und große Freigiebigkeit seiner allergnädigsten Durchlaucht so gut gebaut sind... Es sind die schönsten und bequemsten - solche gibt es keine an einem anderen Ort“. Die wirkliche Integration der französischen Migranten hat noch Generationen gedauert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.