Einführung der neuen Währung vor 20 Jahren

„Wahnsinn an den Kassen“: So kam der Euro 2002 nach Waldeck-Frankenberg

Ein 20-Mark-Schein und ein Euro-Starterkit. Vor 20 Jahren hat der Euro die D-Mark abgelöst.
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Ein 20-Mark-Schein und ein Euro-Starterkit. Vor 20 Jahren hat der Euro die D-Mark abgelöst.

20 Jahre Euro: Am 1. Januar 2002 wurde die neue Währung in zwölf EU-Staaten eingeführt. Zum 20. Geburtstag erinnern wir an den Start in Waldeck-Frankenberg.

Waldeck-Frankenberg – „Der Euro rollte noch nicht überall“, lautete die Schlagzeile am 2. Januar 2002 in unserer Zeitung. Seit dem Jahreswechsel um Mitternacht konnten die Menschen damals die neue Währung bekommen. Am 1. Januar, dem Neujahrsfeiertag, zunächst nur am Geldautomaten, ab dem 2. Januar auch an den Schaltern der Banken und Sparkassen. Im Großen und Ganzen verlief die Einführung des Euro in Europa ohne große Probleme. Im Kleinen nicht überall.

Manche Geldautomaten in Waldeck-Frankenberg waren am 1. Januar 2002 schon nach wenigen Stunden leer. „Außer Betrieb“ stand auf einem Schild in der Filiale der Sparkasse in der Uferstraße in Frankenberg. Erst gegen Mittag war der Geldautomat wieder aufgefüllt. „Die Geldautomaten haben bei uns bis zum 31. Dezember 2001 um 23.30 Uhr DM-Scheine ausgegeben, ab dem 1. Januar 2002 um 0.30 Uhr dann Euro-Scheine“, erzählt Dirk Paulus von der Frankenberger Bank, der damals Auszubildender in der Filiale in Hatzfeld war.

Auch die eine oder andere Tankstelle hatte noch Startschwierigkeiten mit der neuen Währung. Kassen waren außer Betrieb, Preise, die noch nicht mit Euro ausgezeichnet waren, mussten von Hand umgerechnet werden.

Starter-Kit: Beutel mit neuen Euro-Münzen im Wert von 10,23 Euro wurden Mitte Dezember 2001 an die Bevölkerung ausgegeben. Gegenwert: 20 D-Mark. archiv

Bereits zum Ende des alten Jahres konnte jeder in Deutschland bei seiner Bank ein Euro-Starterkit mit Münzen im Wert von 10,23 Euro bekommen – umgerechnet 20 D-Mark. Scheine waren erst nach der offiziellen Euro-Einführung erhältlich.

Als die Banken am 2. Januar, dem ersten Werktag im neuen Jahr, ihre Schalter öffneten, gab es einen großen Ansturm. „Wahnsinn an den Kassen“, schrieb unsere Zeitung. Unzählige Menschen wollten ihre D-Mark in Euro tauschen, in einigen Banken standen die Kunden bis nach draußen auf die Straße in der Schlange. „So einen Ansturm habe ich zuletzt vor 30 Jahren als Lehrling beim Weltspartag erlebt“, sagte damals Günther Jarzina, der bei der Sparkasse Waldeck-Frankenberg den Geschäftsbereich Frankenberg leitete.

Lange Schlangen bildeten sich in vielen Banken in Waldeck-Frankenberg.

Wartezeiten entstanden auch deshalb, weil nicht bar gegen bar getauscht werden durfte. Das schrieb das Geldwäschegesetz vor, erklärte Jarzina damals. Die Kunden mussten also an einem Schalter ihre D-Mark einzahlen und sich an einem zweiten Schalter Euro von ihrem Konto auszahlen lassen.

Neues Geld kam mit Lkw und Polizeischutz

Um den Ansturm bewältigen zu können, hatten die Banken und Sparkassen ihr Personal für die ersten Euro-Tage aufgestockt. Pensionäre, Studenten und Mitarbeiterinnen im Mutterschutz halfen aus. Die Euro-Einführung war insgesamt eine große Herausforderung, erinnert sich Karsten Schindler, heute Hauptkassierer der Frankenberger Bank: „Die Anlieferung erfolgte in großen Kisten mit Lkw und Polizeischutz. Es ging ja – anders als bei regulären Geldbestellungen – um eine Erstversorgung der Bevölkerung mit Euro-Geld in großer Menge.“

Elektronische Münzzähler waren am 2. Januar 2002 im Dauereinsatz.

Für die Banken und Sparkassen sind die ersten Januartage Schwerstarbeit, die besonders in den Tresorräumen geleistet werden muss. Wo der Platz fehlt, muss schweres Gerät herbei, wie Wilfried Schnautz sich erinnert. Er ist damals der Organisationsleiter in der Waldecker Bank und heute im Ruhestand: „Mich beeindruckt immer noch die Anlieferung der Euro-Münzen, die in Containern von jeweils mehreren hundert Kilo Gewicht angeliefert wurden und mit einem LKW-Kran in das Kellergeschoss abgelassen und gehoben werden mussten.“

Da zu dem Zeitpunkt der Platz in den Tresoren meist nicht ausreicht und auch die gewichtigen Geldboxen sich nur schwerlich durch die Geschäftsräume bugsieren lassen, sind vielerorts Umbauten im Vorfeld und Muskelkraft gefordert. Gleichzeitig fallen nun Tonnen von Markstücken und Pfennigen an, die aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Da es zu der Zeit noch eine Geschäftsstelle der Bundesbank in Korbach gab, waren die Wege dorthin relativ kurz.

Umrechnungstabellen und Taschenrechner

Einzelhandel, Hotels, Restaurants und die Freizeiteinrichtungen wurden schon im Vorfeld mit Wechselgeld ausgestattet. Am 2. Januar 2002 dominierte im Einzelhandel in Waldeck-Frankenberg aber noch deutlich die alte Währung: Zwischen 60 und 80 Prozent der Kunden, so damals eine Recherche unserer Redaktion, zahlten am ersten Einkaufstag nach der Euro-Einführung noch mit Mark. Umrechnungstabellen und Taschenrechner durften in keinem Geschäft fehlen.

Bei Edeka-Feinkost Ochse in der Frankenberger Fußgängerzone lief die Umstellung zum Euro „nahtlos“, erinnert sich Inhaberin Lydia Ochse. „Ich hatte fast gar keine Probleme“, sagt die 69-Jährige. „Den Umrechnungskurs 1,95583 habe ich noch bis heute genau im Kopf.“

Umrechnungstabellen waren in den ersten Euro-Tagen ein wichtiges Hilfsmittel.

„Es war schon aufregend am Anfang“, sagt Lydia Ochse. „Wir mussten das Geld in D-Mark annehmen und in Euro umrechnen.“ Sie erinnert sich noch, dass von Anfang an eine „Euro-Kasse“ da sein musste. „Ich meine, dass wir zwei Kassen hatten: eine mit D-Mark und eine mit Euro. Ich musste dann eine Zeitlang auch zwei Kassenabschlüsse machen.“ Die Umstellung sei aber sehr zügig erfolgt, sagt Ochse: „Hier wollten die Leute relativ schnell keine D-Mark mehr.“

Zwei Monate lang, bis zum 28. Februar, konnte man noch mit D-Mark bezahlen und D-Mark gegen Euro umtauschen. Auch heute noch rechnen manche Menschen in D-Mark. Und der eine oder andere hat sich sein Euro-Starterkit als Andenken aufgehoben.

„Es kommt immer mal wieder vor, dass Kunden DM abgeben, aber nicht nennenswert“, berichtet Dirk Paulus von der Frankenberger Bank. Die Einreichung erfolge mittlerweile auch nicht mehr bei der Bank vor Ort, sondern bei der Bundesbank. „Das muss der Kunde selbst organisieren, dafür gibt es ein Formular auf der Homepage der Bundesbank.“

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