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Waldeck-Frankenberg: Betreiber von Biogas-Anlagen bangen um Weiterbetrieb und ihre Existenz

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Von: Marianne Dämmer

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Üben Kritik an öffentlich gewordenen Plänen des Bundeswirtschaftsministeriums: Gesellschafter und Betreiber von Biogas-Anlagen in Waldeck-Frankenberg.
Üben Kritik an öffentlich gewordenen Plänen des Bundeswirtschaftsministeriums: Gesellschafter und Betreiber von Biogas-Anlagen in Waldeck-Frankenberg. © Marianne Dämmer

Die Betreiber von Biogas-Anlagen in Deutschland haben nervenaufreibende Wochen hinter sich – auch in Waldeck-Frankenberg sehen die Landwirte den Weiterbetrieb ihrer Anlagen gefährdet.

Waldeck-Frankenberg – Der Grund: Nach Informationen des Fachverbandes Biogas plant das Bundeswirtschaftsministerium, die Erlöse – also Umsätze – von Energieerzeugern rückwirkend abzuschöpfen, um damit die Strompreisbremse zu finanzieren, erklärt Friedhelm Emde vom Maschinenring Waldeck-Frankenberg. „Es gibt noch keine gesicherten Informationen, das Thema Abschöpfung scheint noch nicht vom Tisch“, sagt Friedhelm Emde. Auf Nachfrage unserer Zeitung beim Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) sagte Sprecher Stephan Gabriel Haufe: „Erlöse und Kosten werden verrechnet, Erlöse nicht abgeschöpft.“ Weitere Informationen gab er aber nicht.

Und so bangen Emde und seine Kollegen vom Biogas-Sektor weiterhin, „ob die Kostenstrukturen, denen wir unterliegen, auf Bundesebene so berücksichtigt werden, dass wir die Anlagen weiterbetreiben und auch weiterhin einen Beitrag zur Versorgungssicherheit und Energiewende leisten können“, so Emde. Denn: „Es gibt eine feste EEG-Vergütung für die Anlagenbetreiber auf 20 Jahre, die jetzt bei den hohen Produktionskosten nicht mehr ausreicht,“ sagt der Diplom-Ingenieur Arnd Osterfeld. Er arbeitet beim Maschinenring Kommunalservice in Kassel-Calden, der rund 270 Anlagen-Betreiber in Hessen und Niedersachsen betreut, und ist außerdem Regional-Sprecher des Biogas-Fachverbandes Hessen.

Osterfeld ist vergangene Woche mit rund 16 Kommanditisten, also Gesellschaftern, und Betreibern von Biogas-Anlagen, Experten des Maschinenrings sowie Vertretern der Bauernverbände und Kommunen an der Biogas-Anlage der MR Bioenergie Edertal bei Bad Wildungen zusammengekommen, um die Situation darzulegen. Seitdem bewegt sich hinter den Kulissen viel, es wird auf allen Ebenen intensiv verhandelt, die Zeit drängt, eine Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen.

„Inflation und Teuerungen nicht mehr aufzufangen“

Selbst wenn rückwirkend nicht abgeschöpft wird, so hätten die Betreiber von Biogas-Anlagen dennoch zu kämpfen, betonen sie. „Inflation und Teuerungen haben wir in den vergangenen Jahren unter anderem durch effizientere Technik aufgefangen. Doch mit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine sind auch wir von den extremen Teuerungen betroffen – die Preise für Rohstoffe und landwirtschaftliche Betriebsmittel sind so extrem angezogen, dass wir sie nicht mehr auffangen können“, sagt Arnd Osterfeld.

„Viele von uns konnten nur deshalb überhaupt weitermachen, weil wir die Mehrkosten über den Strommarkt abdecken konnten. Ich rede da gar nicht von großen Gewinnen, die wohl vermutet, der nur auf den Strompreis schaut“ so Osterfeld: „Wenn ein Betrieb durch bessere Preise vielleicht rund 180 000 Euro Mehrerlöse hatte, dann stehen dem aber gut und gerne 170 000 Euro und mehr an Mehrkosten gegenüber“.

„Punktgenau Strom liefern“

Ein großes Plus der sogenannten „flexiblen Biogas-Anlagen“: Sie können punktgenau dann Strom liefern, wenn am meisten gebraucht wird – dann ist er aufgrund der großen Nachfrage allerdings auch am teuersten. „Die Anlagen stehen zu den Hochpreisphasen am Strommarkt zur Verfügung und können damit Erdgas in der Strom- und Wärmeerzeugung ersetzen. Wir stärken den Markt und wirken preisdämpfend mit dem, was wir tun“, erklärt Gerhard Buckert, der in Fürstenberg eine Biogas-Anlage betreibt und stellvertretender Vorsitzender des Maschinenrings Waldeck-Frankenberg ist.

„Der Umstand, dass wir auch zu den Hochpreisphasen liefern, mag dafür gesorgt haben, dass der Biogasbranche unterstellt wird, sie würde in der Krise über die Maßen verdienen. Doch anders herum wird ein Schuh draus. Gerade in die hochflexiblen Anlagen mussten die Betreiber in den vergangenen Jahren Millionen meist über Kredite investieren, um sie für den Strommarkt fit zu machen. Außerdem sind zu den Spitzenzeiten auch die Kosten etwa für die Substrate besonders hoch. Und der Betreiber einer solch hoch spezialisierten Anlage hat deutlich mehr Aufwand durch die ständigen Start- und Stoppvorgänge – höherer Verschleiß, höherer Personalaufwand“, beschreibt Buckert die Strukturen.

In Waldeck-Frankenberg werden 26 Biogas-Anlagen mit einer Jahresleistung von insgesamt rund 78 Millionen Kilowattstunden betrieben. „In der Regel sind an den Anlagen ein bis drei Familienbetriebe beteiligt, bei den großen bis zu 16 Gesellschafter. Wenn wir die Leistung um 25 Prozent erhöhen dürften, könnten wir bis zu 130 000 Einwohner im Landkreis durchweg mit Strom versorgen“, erklärt Friedhelm Emde vom Maschinenring die Dimensionen.  (md)

„Aufgrund der Situation haben schon zwei Biogas-Anlagenbetreiber in Niedersachsen aufgegeben und ihre Anlagen an große Netzbetreiber verkauft“, erklärt Osterfeld. „Die können Strom über ihre eigenen Netze an Stromsäulen verkaufen und damit Top-Strompreise erzielen. Es ist traurig, dass den großen Netzbetreibern der Weg geebnet wird und die sicheren, dezentralen Strukturen auf dem Lande zerschlagen werden“, sagt Osterfeld.

„Dabei haben die Anlagen eine wichtige Bedeutung für ein stabiles Stromnetz, sie tragen dazu bei, die Energieversorgung in Deutschland zu sichern“, sagt Christian Grünhaupt aus Helmighausen, Sprecher der Anlagenbetreiber für Hessen. Biogas sei grundlastfähig, könne also – ungleich Windkraft oder Sonne – immer Strom produzieren, die Produktion dabei auch noch flexibel hoch oder herunter fahren, je nach Nachfrage. Einige Anlagen sind sogar in der Lage, Strom zu speichern.

„Kostenstrukturen berücksichtigen“

Ja, es gebe auch die Diskussion „Tank oder Teller“ – konkret geht es da um die Frage, inwieweit es angesichts der weltweiten Nahrungsmittelknappheit sinnvoll ist, Energiepflanzen wie Raps, Mais oder Zuckerrüben anzubauen, um Agrosprit herzustellen oder Biogasanlagen zu füttern. „Wir arbeiten daran, das zu verbessern“, sagt Emde.

Und so hoffen die Anlagen-Betreiber, dass die Kostenstrukturen berücksichtigt werden. Gehe es zurück zu den alten EEG-Leistungen, könne die Versorgung nicht gesichert werden. (Von Marianne Dämmer)

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