WALDSTERBEN  Aufforstung ist ein finanzieller Kraftakt

Waldeck-Frankenberg: „Die Situation ist dramatisch“

18 000 Bäume lassen Anna und Tobias Canisius (rechts) bei Goldhausen wieder pflanzen, erklärt Förster Maik Hoffmann im Beisein von Uwe Steuber, Vorsitzender des heimischen Waldbesitzerverbandes, der sich ein Bild von den Schäden macht.
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18 000 Bäume lassen Anna und Tobias Canisius (rechts) bei Goldhausen wieder pflanzen, erklärt Förster Maik Hoffmann im Beisein von Uwe Steuber, Vorsitzender des heimischen Waldbesitzerverbandes, der sich ein Bild von den Schäden macht.

Wie der Klimawandel nicht nur Baumarten gefährdet, sondern ganze Waldlandschaften und Ökosysteme, ist inzwischen an vielen Stellen in Waldeck-Frankenberg zu sehen.

Korbach-Nordenbeck – So zeigt auch der Privatwald von Tobias und Anna Canisius aus Nordenbeck enorme Waldschäden durch die Trockenheit der vergangenen drei Jahre und den Borkenkäferbefall. „Von unseren 410 Hektar Wald sind aktuell rund 80 Hektar, also etwa 20 Prozent, komplett verloren“, sagt Tobias Canisius, stellvertretender Vorsitzender des Waldbesitzerverbands Waldeck-Frankenberg.

„Bis Mitte April werden aktuell 12 000 Festmeter Holz eingeschlagen sein – wir mussten dann in vier Monaten so viel fällen, wie wir sonst in zehn Jahren ernten“, macht der Waldbauer die Dimensionen des Schadens deutlich.

Die großen freien Flächen werden sofort wieder aufgeforstet. Allein 2021 lässt Canisius 18 000 Bäume pflanzen. „Gleichzeitig versuchen wir so viel Naturverjüngung wie möglich mitzunehmen und bejagen intensiv, um ihr eine Chance zu geben“, erklärt Canisius. Da auch seine Familie aus kartellrechtlichen Gründen die Waldflächen nicht mehr von Hessen-Forst beförstern lassen kann, setzt sie seit Anfang des Jahres auf die Fürstlich Waldeckische Hauptverwaltung, die ihr Förster Maik Hoffmann zur Seite gestellt hat.

„Vorsicht vor Heuschrecken“ - CO²-Zertifikate – Verband warnt vor Fremdfirmen

Wald leistet vieles – unter anderem speichert er Kohlendioxid (CO2), eines der langlebigen, für das Klima hoch schädlichen Treibhausgase. Er leistet also sozusagen einen Beitrag dabei, CO2 in der Atmosphäre zu senken, Stichwort CO2-Senkungsleistung.

Daher kann Wald eine Rolle spielen beim Emissionshandel. Unternehmen, die Kohlendioxid produzieren und in der Atmosphäre ablagern, müssen das Recht dazu besitzen. Die „Emissionsrechte“ erhalten sie in Form von Zertifikaten: Für jede Tonne erlaubtes Kohlendioxid gibt es ein Zertifikat. Und der Bedarf an CO2-Zertifikaten ist sehr groß.

Der Waldbesitzerverband hat zum Ziel, dass die CO2-Senkungsleistung des Waldes über eine nachhaltige Bewirtschaftung in Wert gesetzt wird. In einigen Ländern sei das bereits möglich, in Deutschland sei dazu aktuell ein Standard in der Entwicklung – Wissenschaft, Recht und Politik seien eingebunden, „denn wir brauchen glaubwürdige, nachvollziehbare und seriöse Richtlinien“, erklärt Christian Raupach, geschäftsführender Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes, auf Nachfrage der Waldeckischen Landeszeitung.

„Allerdings gibt es bereits Firmen, die aktuell vor allem von kleineren Waldbesitzern CO2-Senkungsleistungen in Form von Emissions-Zertifikaten abkaufen möchten. Auf diese Weise bekommen die Kleinwald-Bauern etwas Geld in die Kasse“, erklärt Uwe Steuber, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes Waldeck-Frankenberg.

Der Waldeck-Frankenberger und der Hessische Waldbesitzerverband warnen jedoch eindringlich davor, sich auf diesen Handel einzulassen. „Vorsicht vor diesen Heuschrecken-Firmen“, sagt Uwe Steuber. „Es besteht die Gefahr, dass jede dieser Firmen ihr eigenes Konzept fährt und eine Produktvielfalt entsteht, die kein Mensch mehr überblickt“, sagt Christian Raupach auf Nachfrage. „Wir drängen darauf, dass ein Standard verifiziert und zertifiziert wird und wir ein seriöses einheitliches Angebot für die Entlohnung bieten können. So lange bitten wir um Geduld“, erklärt Raupach.

Dabei möchten die Waldeck-Frankenberger noch einen Schritt weiter gehen und die Wertschöpfung aus dem heimischen Wald auch im eigenen Landkreis belassen, blickt Steuber auf eine Idee von Carl-Anton Prinz zu Waldeck und Pyrmont, Präsidiumsmitglied des Hessischen Waldbesitzerverbandes: „Wir möchten die Wirtschaft unserer Region mit ins Boot holen, wenn es um die CO2-Senkungsleistung geht, um dadurch wenigstens einen Teil der nötigen Wiederaufforstung vor Ort zu finanzieren“. md            

Dabei sei die Aufforstung ein finanzieller Kraftakt, trotz Zuwendungen, sagt Canisius. „Die Preise für Holz sind im Keller. Kamen bis vor drei Jahren beim Leitsortiment Fichte B 2b bis zu 95 Euro pro Festmeter in die Kasse, sind es jetzt noch rund 35 Euro“. Bei Industrieholz seien die Preise noch schlechter, da werde ein Minus eingefahren angesichts der Aufarbeitungskosten in Höhe von 18 bis 20 Euro pro Festmeter. Das Geld fehle für die Wiederaufforstung.

„Unser Betrieb kann das Minus noch aus der Landwirtschaft auffangen und in den Forst investieren. Kleine Waldbauern können das nicht, sie stehen alleine da“, sagt Canisius. Dabei sei Aufforstung besonders wichtig und sollte so rasch wie möglich geschehen.

Kleine haben das Nachsehen

Besonders schwer treffe das Los derzeit die kleinen Waldbauern, erklären Uwe Steuber und Tobias Canisius vom Waldbesitzerverband Waldeck-Frankenberg.

Unternehmen, die fällen und rücken, seien derzeit so gefragt, dass die Preise deutlich gestiegen seien und nur die größeren Waldbesitzer bedient würden. „Damit fallen die Kleineren hinten runter, sie bekommen das Holz weder geschlagen, noch verkauft“, erklärt Tobias Canisius.

Bei Holz, das nicht erstklassig ist, würden die Aufarbeitungskosten den Holzwert zudem klar übersteigen. Dann fehle schlichtweg auch das Geld für eine rasche Wiederaufforstung.

„Viele kleinere Betriebe sind finanziell am Ende“, erklärt Uwe Steuber. Daher würden sie die Bäume oft einfach stehen lassen – zum Leidwesen von Waldbesitzer-Nachbarn, die noch intakte Waldbestände besitzen: „Borkenkäfer können sich so viel leichter weiter verbreiten“, sagt Uwe Steuber. Stehen die Bäume an Wegen oder Straßen, sei es auch eine Frage der Verkehrssicherung.            

Rasch aufforsten

Viele Standorte würden sich über Naturverjüngung nicht mehr bewalden lassen. „Ist die Fläche erst einmal vergrast oder verbuscht, wird es finanziell immer schwieriger, neue Pflanzen zu setzen und groß zu bekommen“, sagt Waldbäuerin Anna Canisius. „Außerdem müssen wir sehen, dass sich das Klima nicht noch weiter verschlechtert. Wir erleben hier vor Ort hautnah die Auswirkungen des massiven CO2-Ausstoßes durch Industrie, Luft- und Autoverkehr“, sagt Tobias Canisius und schaut auf Drohnenbilder, die eine große abgeholzte Fläche seines Betritts zeigen, wo bis vor kurzem Aberhunderte von Bäumen standen.

Canisus sagt: „Wir glauben an die multifunktionale Forstwirtschaft, an die Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion des Waldes. Um das Klima zu retten, wird die CO2-Speicherungsleistung des Waldes immer wichtiger“.  

Waldbewirtschaftung stehe nicht im Widerspruch zum Klimaschutz, „sondern durch die nachhaltige, intensive Beförsterung erhalten wird einen stabilen Wald – das ist ein Bollwerk der ersten Instanz gegen den Klimawandel“, ist Waldbauer Tobias Canisius überzeugt. So sieht das auch Maik Hoffmann: „Waldfläche nicht zu bewirtschaften, senkt die C02-Belastung nicht. Beim Zersetzungsprozess von Holz wird CO2 freigesetzt – auf einer großen Fläche eine große Menge. Wird Holz hingegen als Bauholz genutzt, wird CO2 gebunden“, erklärt der Förster der Fürstlich Waldeckischen Hauptverwaltung.

Die Freiflächen „bringen wir mit einem breiten Mix aus Nadel- und Laubbaumarten wieder in Kultur – je nach Standortfaktoren sind das etwa Eiche, Douglasie, Lärche und Bergahorn“, erklärt Förster Maik Hoffmann. Ein besonderer Blick liege auf heimischen Baumarten. Die Bäume sollten „intensiv forstwirtschaftlich aufwachsen, um einen hohen Mengenzuwachs zu erreichen, der viel CO2 aufnimmt. Dabei setzen wir auf relativ enge Pflanzenverbände, um wertvolles Holz zu schaffen und Verluste besser verkraften zu können.“

Es gebe nach wie vor einen hohen Käferdruck und entsprechend viele Kalamitäten. „Auch der Grundwasserspiegel hat sich im Winterhalbjahr nicht ausreichend erholt,“ ist Hoffmanns Ausblick verhalten. Ähnlich sieht das Uwe Steuber, Vorsitzender des Waldbesitzerverbands Waldeck-Frankenberg: „Die Situation ist dramatisch.“ Von Marianne Dämmer

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