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Waldeck-Frankenberg: Feuerwehren brauchen mehr Freiwillige, um Hilfsfrist einzuhalten

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Von: Stefanie Rösner

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Feueralarm am frühen Morgen: 40 Einsatzkräfte löschten im November einen Wohnungsbrand in Sachsenhausen. In der Gemeinschaft anderen zu helfen ist es, was viele zu dem Ehrenamt motiviert.
Feueralarm am frühen Morgen: 40 Einsatzkräfte löschten im November einen Wohnungsbrand in Sachsenhausen. In der Gemeinschaft anderen zu helfen ist es, was viele zu dem Ehrenamt motiviert. © Foto: Feuerwehr Stadt Waldeck/pr

Der Landesfeuerwehrverband fordert, dass das Ehrenamt bei der Feuerwehr attraktiver werden müsse. Anlass ist der aktuelle Kommunalbericht des Landesrechnungshofes, demzufolge die Hilfsfrist von zehn Minuten bis zur Einsatzstelle nicht immer eingehalten wird.

Waldeck-Frankenberg - Auch in Waldeck-Frankenberg werde die gesetzlich angestrebte Hilfsfrist nicht immer eingehalten, bestätigt der Erste Kreisbeigeordnete Karl-Friedrich Frese als Dezernent für den Brand- und Katastrophenschutz. „In den Dörfern ist es tagsüber schwierig, genügend Einsatzkräfte schnell vor Ort zu haben, weil viele in den Städten arbeiten, wo die Betriebe sind“, erklärt Karl-Friedrich Frese. Dagegen sei es nachts einfacher, die Hilfsfrist einzuhalten.

In Waldeck-Frankenberg gebe es 172 Einsatzabteilungen. In fast jedem Ort gibt es also eine Freiwillige Feuerwehr. 4600 Menschen engagieren sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit bei den Wehren und setzen sich somit in Notfällen für Andere ein, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen. Sie rücken zu jeder Tages- und Nachtzeit aus. Ihre Arbeit ist unerlässlich. Der Landesfeuerwehrverband sieht es daher als besonders wichtig an, dass diese Tätigkeit attraktiver wird, damit die Einsatzfähigkeit – retten, bergen, löschen, schützen – gesichert ist.

In wie vielen Fällen und in welchen Orten die Hilfsfrist nicht eingehalten werden, darüber gebe es keine Statistik beim Landkreis, sagt Frese. „Wie schnell die Feuerwehr am Einsatzort ist, hängt von verschiedenen Faktoren wie dem Wochentag, der Tageszeit und der Witterung ab. Außerdem von der Distanz.

Die Ortsfeuerwehren seien so wichtig, weil sie sich in ihrem eigenen Ort am besten auskennen und beim Einsatz zunächst die Lage erkunden können. Beispiel Wohnhausbrand: „Sie wissen, wo Hydranten sind und wie viele Bewohner im Haus sein müssten“, so Frese.

Der Kreisjugendfeuerwehrwart Markus Potthof ist zuversichtlich, was die Mitgliederzahlen der Freiwilligen Feuerwehren in Waldeck-Frankenberg angeht. Jedes Jahr wechseln ihm zufolge bis zu 120 Jugendliche in die Einsatzabteilungen. „Wenn das so bleibt, haben wir stabile Zahlen bei den Einsatzkräften.“

Feuerwehr-Ehrenamt attraktiver machen: Fragen und Antworten

Die Feuerwehr soll für Ehrenamtliche attraktiver werden, damit es bei Einsätzen immer genügend Freiwillige gibt. Das fordert der Landesfeuerwehrverband. Wie interessant ist dieses Ehrenamt für Einsatzkräfte in Waldeck-Frankenberg, und was kann besser werden?

Gibt es genug Freiwillige bei den Feuerwehren im Landkreis?

Zurzeit gebe es viele Ehrenamtliche in den Einsatzabteilungen, sodass kein Grund zur Sorge bestehe, erklärt Kreisjugendwart Markus Potthof. Allerdings sei der demografische Wandel eine Herausforderung für die Freiwilligen Feuerwehren. „Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen uns.“

Wie können Menschen für dieses wichtige Ehrenamt begeistert werden?

„Wir müssen nicht nur neue Freiwillige rekrutieren, sondern auch die, die schon dabei sind, bei der Stange halten“, sagt der Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbandes, Gordon Kalhöfer. Gute Ausbildungsdienste, gemeinsame Veranstaltungen und eine ausgeprägte Kameradschaft seien die Voraussetzungen dafür, um Mitglieder zu gewinnen und zu halten.

Wie genau kann dieses Ehrenamt „attraktiv“ gestaltet werden?

Die Wehrführer und ihre Teams müssten „spannende Übungen“, im besten Falle gemeinsame Übungen mit Nachbardörfern anbieten, meint der Kreisbrandinspektor Gerhard Biederbick. Die Einsatzkräfte sollten in ihren Übungen „nicht nur die Scheune waschen“. Möglichst realitätsnahe, herausfordernde Übungen in Zusammenarbeit mit anderen Dörfern steigere die Motivation und die Gemeinschaft, die im Ernstfall ohnehin notwendig seien. Karl-Friedrich Frese, Dezernent für den Brand- und Katastrophenschutz: „Gemeindebrandinspektor und Wehrführer brauchen gute Ideen.“

Was fasziniert die vielen Jugendlichen, die Feuerwehrleute werden wollen, an dieser Tätigkeit?

Nach den Erfahrungen von Markus Potthof ist es zum einen die Feuerwehrtechnik, die begeistert und fasziniert. „Viele motiviert vor allem die Hilfsbereitschaft und das Gemeinschaftserlebnis.“ Ein Antrieb sei auch die Leistungsspange, bei der die Nachwuchskräfte auf die Einsatzabteilung vorbereitet werden. Denn dabei können die jungen Menschen im Team gemeinschaftlich eine Prüfung bestehen.

Wie gelingt es, Nachwuchs zu gewinnen?

Die Feuerwehren in Waldeck-Frankenberg sind emsig, was die Nachwuchsarbeit betrifft. So beispielsweise in Usseln mit 29 Jugendlichen in der Jugendfeuerwehr, um die sich ein Jugendwart und fünf Betreuer kümmern. Nach Auskunft von Kreisjugendwart Markus Potthof haben die Jugendfeuerwehren in ganz Hessen einen recht starken Zulauf. „Gerade während der Corona-Zeit zeigt sich, dass es einen großen Bedarf nach Gemeinschaft gibt.“

Wichtig sei schon die Brandschutzerziehung in den Kindergärten und Grundschulen. Außerdem spielten die Eltern eine Schlüsselrolle. Wenn Eltern sich ehrenamtlich engagieren, seien Kinder auch eher bereit dazu.

Inwieweit haben Arbeitgeber Verständnis, wenn der Alarm geht?

„Die Arbeitgeber wissen die sozialen Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter, die bei der Feuerwehr sind, zu schätzen. Feuerwehrmitglieder unter den Arbeitnehmern haben meistens ein hohes Ansehen bei ihren Arbeitgebern“, sagt Karl-Friedrich Frese. „Es gibt keinen Arbeitgeber, der seine Leute nicht zu Einsätzen fahren lässt“, sagt Gerhard Biederbick. Gordon Kalhöfer meint dazu: „Feuerwehrleute lernen Skills wie Teamfähigkeit und handwerkliches Geschick, die auch an der Arbeit wichtig sind.“

Welche Vorteile werden den Ehrenamtlichen vonseiten der Kommunen gewährt?

Immer wieder werden die Ehrenamtlichen in den Mittelpunkt gestellt. Sie erhalten Auszeichnungen, werden für ihre Einsätze geehrt und erhalten kleine Anerkennungsprämien. In manchen Gemeinden erhalten Freiwillige Vergünstigungen, etwa beim Eintritt ins Schwimmbad oder ins Fitnessstudio. Auch ein Kino-Event des Kreisfeuerwehrverbandes ist ein Beispiel dafür, wie die Ehrenamtlichen etwas mehr Wertschätzung erhalten.

Welchen Belastungen sind Einsatzkräfte ausgesetzt?

Feuerwehrleute werden immer häufiger während der Einsätze angepöbelt, berichtet Gordon Kalhöfer, der lange Wehrführer war. Viele Menschen verstehen nicht, warum bei einem Feuer Straßen gesperrt werden müssen, oder sie fühlen sich durch den Lärm des Martinshorns belästigt, sagt Gerhard Biederbick. „Der Egoismus in der Bevölkerung hat zugenommen“.

Andererseits genieße die Feuerwehr nach der Erfahrung von Gordon Kalhöfer in der deutschen Gesellschaft überwiegend „höchstes Ansehen“.

Wie stark sind die psychischen Belastungen?

„Man erlebt auch Negatives“, sagt Kalhöfer. „Doch das überblendet das Positive nicht.“ Falls schlimme Erfahrungen bei Verkehrsunfällen oder Bränden die Psyche stark belasten, können die Einsatzkräfte verschiedene professionelle Hilfsangebote annehmen. Hier habe sich die Einstellung geändert; die Einsatzkräfte seien heute eher bereit, sich psychologisch betreuen zu lassen. Gordon Kalhöfer: „Über Erlebnisse im Einsatz mit Kameraden zu sprechen, hilft schon viel. Das hat man früher nicht gemacht. Dabei ist das so wichtig, weil in der Gemeinschaft vieles bewältigt werden kann. Und wir wissen: Eine Träne im Auge ist keine Schwäche.“

Warum sind nach wie vor wenige Frauen in den Feuerwehren aktiv?

„Der Feuerwehrdienst ist für alle gleich“, sagt Gerhard Biederbick. Die körperlich anstrengende Arbeit möge manche Frauen abschrecken. Nur wenige Mädchen wechseln aus der Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung. In Waldeck-Frankenberg sind nur acht Prozent der Aktiven weiblich. Biederbick betont aber: „Es gibt Aufgaben für jeden.“ Die Wehren bräuchten zuverlässiges Personal, und da seien auch Frauen gefragt. (Stefanie Rösner)

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