Dauerleihgabe für den Geschichtsverein

Modell des Atlantis-Dorfs Berich am Waldecker Burgmuseum aufgestellt

Im Edersee versunken: Die Museumsführer Irina Halinichenko und Arnd Petri, Richard und Helge Franz als Nachfahren des Modellbauers sowie Dr. Albrecht Lückhoff, Thomas Kraft und Günter Engemann vom Waldeckischen Geschichtsverein (von links) am Modell des Dorfs Berich im Vorraum zum Burgmuseum.
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Im Edersee versunken: Die Museumsführer Irina Halinichenko und Arnd Petri, Richard und Helge Franz als Nachfahren des Modellbauers sowie Dr. Albrecht Lückhoff, Thomas Kraft und Günter Engemann vom Waldeckischen Geschichtsverein (von links) am Modell des Dorfs Berich im Vorraum zum Burgmuseum.

Im Burgmuseum „Hinter Schloss und Riegel“ wird der Strafvollzug nebst schaurigen Folterinstrumenten dokumentiert. Im Vorraum steht neuerdings das Modell des untergegangenen Dorfs Berich.

Waldeck – Bevor die Besucher die Schwelle zur Ausstellung über den Waldecker Strafvollzug von 1734 bis 1868 treten, rückt ein ganz anderes Exponat in den Blick – das Dorf Berich im Miniaturformat.

Helge und Richard Franz übergaben das Modell im Maßstab 1:200 im Namen ihrer Familie als Dauerleihgabe an den Waldeckischen Geschichtsverein (WGV). Vater Kurt habe in den 1990-er Jahren mit Unterstützung der Familie zahlreiche Fotos, Postkarten und Zeichnungen zusammen getragen, um das Dorf nachzubilden, erläuterte Helge Franz.

In Sichtweite zu den Ruinen des Atlantis-Dorfs

Berich versank nach dem Bau der Talsperre vor über 100 Jahren im Edersee. Zeitzeugen wurden vor 30 Jahren befragt für die Rekonstruktion der Häuser, Höfe und des reichen Obstbaumbestands. „Die Topografie wurde exakt nachgebildet“, berichtet der Sohn. Das Modell stand zuletzt im Pensionshaus der Familie Franz, nach Verkauf der Immobilie wurde ein neues Domizil gesucht und gefunden. Es steht in der Burg, in Sichtweite zum untergegangenen Dorf, dessen Ruinen bei Niedrigwasser wieder aufgetaucht sind.

Aufgestellt an prominentem Standort

Dr. Albrecht Lückhoff, der das Burgmuseum für den Geschichtsverein betreut, sprach vom „prominentesten Standort der Region in einem der meist besuchtesten Museen in ganz Nordhessen“. Das aus Pappe und Sperrholz gefertigte Modell dokumentiert Heimatgeschichte an der Eder. Erinnerungen an Alt-Berich hatte in 1963 der Lehrer Heinrich Schreff niedergeschrieben (Bericht folgt in einer unserer nächsten Ausgaben).

WGV-Vorsitzender Günter Engemann freute sich, dass das Modell nun öffentlich zugänglich ist. Es wurde mit ausführlicher Beschreibung versehen. Den Unterbau mit Glasvitrine hat eine Ober-Werber Schreinerei gefertigt. Zu den Kosten in Höhe von 3500 Euro hat der Geschichtsverein einen Förderantrag über den Kellerwaldverein gestellt.

Museum „Hinter Schloss und Riegel“ 1999 eröffnet

Im Jahr 1999 wurde das Burgmuseum „Hinter Schloss und Riegel“ in Trägerschaft des Waldeckischen Geschichtsvereins (WGV) eröffnet. Margarete Lückhoff, damals stellvertretende Vorsitzende des WGV, leitete das Museum bis zu ihrem Tode. Die Ausstellung in der Burg nimmt einen außergewöhnlichen Abschnitt der Waldeckischen Landesgeschichte auf.

Thema ist der Strafvollzug in Waldeck von 1734 bis 1868. In dieser Zeit wurde der alte, aufgegebene Grafensitz als Zucht- und Arbeitshaus genutzt. Ziel bei der Einrichtung des Burgmuseums: Authentische Darstellung an authentischem Ort.

Eindrücke von Zuchthausalltag und Lebensbedingungen

Umfangreiche Recherchen waren nötig für dieses Kapitel Waldeckischer Geschichte. „Als wahre Fundgrube erwies sich dabei der einschlägige Aktenbestand im Staatsarchiv Marburg“, erinnert sich Dr. Albrecht Lückhoff. Der frühere Bad Wildunger Bürgermeister unterstützte seine Frau beim Aufbau des Museums tatkräftig,

Im Staatsarchiv forschten die beiden Eheleute gemeinsam an über 40 Tagen, korrespondierten darüber hinaus mit Archiven in anderen Bundesländern und besichtigten verschiedene Einrichtungen in Ludwigsburg, Bruchsal und Kaisheim.

Das ausgewertete Quellenmaterial vermittelte Eindrücke vom Zuchthausalltag und beschrieb die Lebensbedingungen der damaligen Bevölkerung in jenen von verbreiteter Armut geprägten Jahrzehnten.

Drillhaus, Schandpfahl und Prügelbank

„Als sehr hilfreich erwies sich schließlich eine enge Kooperation mit den Werkstätten der JVA Schwalmstadt, die Nachbildungen von damals im Strafvollzug in Waldeck üblichen Exponaten anfertigte“, sagte Lückhoff.

In nachgebauten Zellen wird der Zuchthausalltag in Waldeck verdeutlicht. Pranger, Drillhaus, Schandpfahl, aber auch Prügelbank und Prügelbock zeigen, wie Strafen vollzogen wurden.

Von Brot und karger Suppe zu geregelten Mahlzeiten

Ein besonderes Anliegen der Museumsleiterin war es auch, die allmählichen Fortschritte im harten Lebensalltag der Gefangenen darzustellen: von Brot und karger Suppe zu geregelten Mahlzeiten und von stupidem Sägen Giebringhäuser Marmors zu sinnvoller Beschäftigung in inzwischen eingerichteten Werkstätten.

Hervorgehoben werden aber auch die deutlichen politischen Fortschritte, die sich mit dem Revolutionsjahr 1849 verbinden. Lückhoff: „Das unter Fürstin Emma (1802 - 1858) von klugen Ratgebern formulierte und erlassene, von ihrem Nachfolger und Sohn Georg Viktor ( 1831 - 1893) freilich wieder suspendierte Staatsgrundgesetz vom 23.05.1849, erwies sich als eine der fortschrittlichsten Verfassungen im damaligen deutschen Reich: Trennung von Justiz und Verwaltung, Unabhängigkeit der Gerichte, Abschaffung der Todesstrafe, Untersagung von Pranger, Prügeln und Brandmarkung.

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