Aktionsplan des Regierungspräsidiums: Von Ortsumgehung bis Schallschutz

Waldeck-Frankenberger Anwohner sollen vor Lärm geschützt werden

Eine Frau hält sich am 11.01.2013 in Hamburg vor einem nahenden Lastwagen die Ohren zu. Foto: Axel Heimken/dpa
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Eine Frau hält sich vor einem nahenden Lastwagen die Ohren zu. Foto: Axel Heimken/dpa

Ob in Twiste, Berndorf, Dorfitter, Mandern, Löhlbach oder Ernsthausen: Seit Jahrzehnten klagen Anwohner von Bundesstraßen über die hohe Lärmbelastung.

Der Kasseler Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber will diese Belastung senken, dafür hat seine Behörde einen Lärmaktionsplan vorgelegt.

Waldeck-Frankenberg hat demnach 43 „Lärmkonfliktpunkte“. Die höchste Belastung gibt es an der Bundesstraße 251 durch Willingen, es folgen Löhlbach, Mandern, Korbach, Twiste, Berndorf, Meineringhausen und Usseln.

Das Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie hat alle Straßen erfasst – gerade die mit einem Verkehrsaufkommen von mehr als drei Millionen Fahrzeugen im Jahr. Auf der Basis dieser Kartierung wurden die „Lärmkonfliktpunkte“ ermittelt.

Bei zwei Öffentlichkeitsbeteiligungen konnten Kommunen und Anwohner Verbesserungsvorschläge einreichen. Die Behörden haben sie geprüft, das Regierungspräsidium hat sie in seinen Aktionsplan eingearbeitet.

Mediziner empfehlen, den Straßenverkehrslärm unter der Marke von durchschnittlich 53 Dezibel zu halten – so laut ist eine normale Unterhaltung. Nachts sollte der Pegel unter 45 Dezibel liegen, um den Schlaf der Anwohner nicht zu beeinträchtigen.

Zum Schutz der Wohnbevölkerung sind Verkehrsbeschränkungen möglich. Sind bestimmte Lärmgrenzwerte überschritten, muss die Straßenverkehrsbehörde „im Einzelfall“ prüfen, ob Umleitungen, ein Tempolimit oder Fahrverbote etwa für Lastwagen erforderlich sind. Sie muss dabei aber berücksichtigen, dass die Verkehrssicherheit und die „funktionsgerechte Nutzung der Straße“ stets bestehen bleiben.

Außerdem gibt es „Auslösewerte“, die eine „freiwillige Lärmsanierung“ nahelegen. So werden an Bundesstraßen in Hessen Schallschutzfenster bezuschusst – es besteht aber kein Rechtsanspruch. Eine Planung für aktiven Schutz etwa durch Lärmschutzwände und -wälle ist in Arbeit.

Bei der Planung von Neubaugebieten oder Straßenerweiterungen greift die „Lärmvorsorge“: Lärmschutzwände oder Vorkehrungen wie lärmmindernde Straßenbeläge oder Rad- und Parkstreifen werden gleich mitgeplant.

In seinem Lärmaktionsplan für Nordhessen beschäftigt sich das Kasseler Regierungspräsidium vor allem mit den „Lärmkonflikten“ an Straßen. Die Lage am Schienen wird nur behandelt, wenn das Eisenbahnbundesamt sie nicht bearbeitet. Der Teilplan für Waldeck-Frankenberg erfasst 43 „Lärmkonfliktpunkte“ in elf Kommunen. Vorgeschlagen werden Vorkehrungen von der Ortsumgehung bis zum Schallschutz in Häusern. Hier der Überblick:

Bad Arolsen

In Bad Arolsen ist die Wetterburger Straße betroffen. Eine Entlastung soll die geplante Wetterburger Ortsumgehung bringen. Da mittelfristig nicht mit dem Bau zu rechnen sei, fordere die Stadt eine Deckenerneuerung, um Lärm zu senken.

In Wetterburg trifft es die Burgstraße, die zugleich die Landesstraße 3080 ist. Der Aktionsplan verweist auf die von Hessen-Mobil geplante Ortsumgehung, nach deren Bau die Burgstraße für den Durchgangsverkehr gesperrt werden soll.

In Mengeringhausen macht der Plan einen Konfliktpunkt im Westen aus, wo die Bundesstraße 252 verläuft.

Bad Wildungen

In Altwildungen ist die Kreisstraße 40 mit Giflitzer Straße, Gemeindestraße, Friedrich-Ebert-Straße und Riesendamm ein Punkt. Die Stadtverwaltung lasse die Lärmbelastung berechnen, eine Entscheidung über eine Geschwindigkeitsbeschränkung sei nicht bekannt.

In Mandern ist die Bundesstraße 253 ein Konfliktpunkt. Anwohner hätten einen neuen Fahrbahnbelag gefordert, mehr Grün und einen festen „Blitzer“ – den die Stadt ebenso ablehne wie Tempo 30 nachts. Hauseigentümer können bei Hessen-Mobil prüfen lassen, ob der Einbau von „passivem Schallschutz“ mit Fenstern und Belüftung gefördert wird.

Wega hat seinen Konfliktpunkt an der Bundesstraße 253. Da nur drei Häuser betroffen sind, scheidet das geforderte Tempolimit nachts aus. Den zweiten Punkt bilden die Landesstraßen 3086/3218. Da die Grenzwerte unterschritten sind, ist die vorgeschlagene Verlagerung des Lkw-Verkehrs auf die Bundesstraße 485 vom Tisch. An beiden Punkten wäre „passiver Schallschutz“ zu prüfen.

Für die ganze Stadt hätten Einwohner Tempo 30 vorgeschlagen, was die Stadtverwaltung nicht befürworte. „Der Vorschlag wird daher nicht weiter verfolgt.“

Frankenberg

In Frankenberg ist die Kreisstraße 126 mit der Rodenbacher Straße, Röddenauer Straße und Bahnhofstraße ein Konfliktpunkt, die Ruhrstraße ein zweiter und die Ederstraße ein dritter. In Kassel seien „keine Lärmminderungsvorschläge“ der Stadt oder der Betroffenen eingegangen, heißt es im Plan.

Korbach

In Korbach gibt es in der Innenstadt gleich 19 Konfliktpunkte: Arolser Landstraße, Heerstraße, Nordwall, Hinter dem Kloster, Briloner Landstraße, Feldstraße, Hopfenberger Weg, Bahnhofstraße, Bergstraße, Flechtdorfer Straße, Auf Lülingskreuz, Märker Breite, Am Tuchrahmen, Strother Straße, Nordring, Hannoversche Straße, Berliner Straße, Westring und Wildunger Landstraße. Auch da seien in Kassel keine Vorschläge eingegangen. Der Plan schlägt vor, „passiven Schallschutz“ zu prüfen.

In Meineringhausen liegt an der Bundesstraße 251 der stärkste Lärmkonfliktpunkt der Stadt. Das von den Planern angeregte Tempolimit von 30 Stundenkilometern habe die Stadt schon 2015 abgelehnt, es sei daher nicht weiterverfolgt worden.

Allendorf/Eder

In Allendorf ist die Bundesstraße 236 in Richtung Bromskirchen ein Konfliktpunkt. Der Grenzwert für eine „Lärmsanierung“ wird aber unterschritten. Ein geforderter Schutzwall sei unverhältnismäßig wegen der hohen Kosten im Vergleich zu wenigen Betroffenen.

In Rennertehausen ist der Konfliktpunkt die Bundesstraße 253, die am Dorf und am Süden Allendorfs vorbeiführt. Auch da seien Lärmschutzwälle für Hessen-Mobil unverhältnismäßig.

Battenberg

In Berghofen werden an der Bundesstraße 236 nach Münchhausen nachts an drei Häusern die „Auslösewerte“ für eine „freiwillige Lärmsanierung“ überschritten. Betroffene können bei Hessen-Mobil eine „passiven Schallschutz“ prüfen lassen.

In Laisa sind nachts neun Anwohner der Bundesstraße 253 vom „Lärmkonfliktpunkt“ betroffen, Grenzwerte für Schutzvorkehrungen werden aber unterschritten.

Edertal

In Giflitz sind 28 Betroffene nachts vom Verkehr auf der Bundesstraße 485 beeinträchtigt. Der Aktionsplan geht von einer weiteren „Abnahme der Verkehrsbelastung“ aus, Tempo 30 habe nur „geringe Erfolgsaussichten“.

Haina

In Löhlbach ist die Bundesstraße 253 ein Konfliktpunkt. Ein von der Gemeinde Haina gewünschtes Tempolimit nachts hat der Kreis nach Geschwindigkeitsmessungen abgelehnt. Weil es 48 Überschreitungen der „Auslösewerte“ gibt, können Anwohner „passiven Schallschutz“ bei Hessen-Mobil beantragen.

Twistetal

In Twiste belastet die Bundesstraße 252 die Anwohner. Zur Entlastung ist eine Ortsumgehung in Planung, die ab 2030 etwa 90 Prozent des Verkehrsaufkommens aus dem Dorf fernhalten soll. Derzeit läuft das Planfeststellungsverfahren. Anwohner können zunächst „grundsätzlich“ einen „passiven Schallschutz“ beantragen.

In Berndorf sorgt die Bundesstraße 252 ebenfalls für einen Konfliktpunkt. Anwohner und Gemeinde fordern vehement eine Ortsumgehung. Auch da wäre zunächst „grundsätzlich“ ein „passiver Schallschutz“ zu prüfen.

Vöhl

In Dorfitter soll die in Bau befindliche Ortsumgehung die Anwohner vom Lärm der Bundesstraße 252 entlasten.

In Thalitter gibt es nachts 35 Betroffene an der Bundesstraße 252. Von Anwohnern und der Gemeinde sei nichts eingegangen, heißt es im Aktionsplan, der keine eigenen Vorschläge vorsieht.

In Herzhausen sind nachts 40 Anwohner der Bundesstraße 252 vom Lärm betroffen. Der Aktionsplan sieht auch da keine Vorschläge vor.

Willingen

In Willingen führt die Bundesstraße 251 über die Waldecker und Briloner Straße durchs Dorf. Da Richtwerte der Lärmschutzrichtlinie nicht überschritten werden, kommt ein Tempolimit nicht in Frage. In mehr als 20 Häusern sind aber die Werte für eine „Lärmsanierung“ überschritten. Daher können Eigentümer einen „passiven Schallschutz“ beantragen.

In Usseln führt die Bundesstraße 251 über die Hochsauerland- und die Korbacher Straße und bildet einen Konfliktpunkt. Aber auch da werden laut Hessen-Mobil Richtwerte nicht überschritten, es gibt keine Empfehlungen.

Hauptbelastung entlang der Bundesstraßen

Mehr als drei Millionen Fahrzeugbewegungen im Jahr weisen im Kreis vor allem Bundes- und Landesstraßen auf:

Die Bundesstraße 251 quert den Kreis von Freienhagen im Osten über Korbach bis nach Willingen.

Die Bundesstraße 252 durchzieht den gesamten Kreis von Rhoden im Norden bis Ernsthausen im Süden. Für Lastwagen gilt ein Nachtfahrverbot von 22 bis 6 Uhr.

Die Bundesstraße 253 führt von Battenberg über Allendorf und Frankenberg nach Bad Wildungen und weiter zur Autobahn 49.

Die Bundesstraße 485 verläuft von Sachsenhausen nach Bad Wildungen.

Das Land hat für seine Lärmaktionsplanung freiwillig alle Straßen mit Verkehrszahlen kartiert. So konnte erstmals untersucht werden, ob auch außerhalb von Hauptverkehrsstraßen Lärmkonfliktpunkte vorhanden sind. Dabei kam heraus, dass sich in Diemelstadt, Frankenau, Gemünden, Hatzfeld, Lichtenfels, Rosenthal, Volkmarsen, Waldeck, Bromskirchen, Burgwald und Diemelsee keine Hauptverkehrsstraßen oder keine Lärmkonfliktpunkte befinden.

Europäische Richtlinie fordert Schutzpläne

Lärm macht krank. Deshalb hat die Europäische Union schon 2002 eine Richtlinie erlassen: Die Mitgliedsländer müssen den Umgebungslärm erfassen und Pläne ausarbeiten, um ihn zu mindern. Das betrifft vor allem Straßen und Schienenwege.

Die hessische Landesregierung hat 2007 mit seiner Lärmaktionsplanung begonnen. 2012 folgte die zweite Stufe, 2017 die dritte. Die drei Regierungspräsidien arbeiten die konkreten Aktionspläne mit Vorschlägen zur Lärmreduzierung aus.

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