Trainer und Physiotherapeut Thomas Schmidt

Interview: Was Fußballer verlernt haben und wie viel Vorbereitung sie brauchen

Fußball, Trainingsauftakt des TuS Bad Arolsen, 06/21: Gemeinsames Auslaufen nach dem Training: Julius Müller (vorne links) und Alexander Dotz (rechts) haben offensichtlich viel Spaß. In der Mitte Christian Kraft.
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Schwitzen für eine hoffentlich komplette Saison: Die Fußballer haben mit dem Training begonnen; auch (vorne v. links) Julius Müller, Christian Kraft und Alexander Dotz mit ihren Kollegen vom TuS Bad Arolsen.

Fußball verlernt man nicht, auch wenn die Pause noch so lang ist, sagen viele altgediente Kicker. Tut man doch, sagt einer, der sich auskennt.

Thomas Schmidt ist Fußballer, Trainer und Physiotherapeut und geht im Interview mit der WLZ auf die besonderen Umstände ein, die eine so lange fußballlose Zeit wie die „Corona-Pause“ mit sich bringt. Wir lernen: Nicht ohne Grund ist der Aufbau eines Rekonvalenszenten nach langwieriger Verletzungspause so behutsam. Und: Vor dem Start in die neue Fußballsaison müssen Trainer gut überlegen, welches Maß an Vorbereitung das richtige ist.

Schmidt macht sich auch dafür stark, dass der Verband die Vereine ermuntert, die Verletzungen, die nach der Coronapause entstehen, zu dokumentieren und zu melden. „So könnte man Studien betreiben, falls man nochmals in eine solche Situation kommt.

„Acht Wochen Vorbereitung sollten es sein“, sagt Physiotherapeut Thomas Schmidt; hier (links) als Trainer der SG Höringhausen/Meineringhausen.

Was glauben Sie, in welchem Zustand sind die Amateurfußballer gerade?
Naja, manche haben seit mehr als acht Monaten weder Training noch Spiel absolviert oder anderweitig gegen den Ball getreten. Diesen Rückstand aufzuholen, ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe.

Aber viele sind immerhin reichlich gelaufen in der Pandemiezeit. Und wie Kicken geht, vergisst man ja nicht. Das ist doch eine ganz gute Grundlage für die Rückkehr auf den Platz, oder?
Selbst wenn nicht alle fleißig gelaufen sind oder ihre Übungen mit der Trainings-App gemacht haben: Fehlende Kondition lässt sich aufholen. Aber den Spielern fehlt komplett das fußballspezifische Training. Normalerweise hast du – ob Winter- oder Sommervorbereitung – sechs bis acht Wochen nicht mehr Fußball gespielt; da hast du viele Abläufe noch drin. Das sieht jetzt nach dieser langen Pause anders aus.

Was halten Sie von Online-Training via Zoom oder anderen Tools?
Wenn man das ernsthaft betreibt, kann man für den eigenen körperliche Fitnesszustand einiges tun und damit zum Beispiel den Verlust von Muskelmasse abbremsen. Gut ist es auch für psychologische Dinge wie Teambuilding. Also: Athletisch kann man viel machen. Fußballspezifisches allerdings nicht. Vieles von dem, was fehlt, lässt sich dadurch auf diese Weise nicht erarbeiten.

Was genau fehlt?
Fußball ist kein Geradeausspiel. Im Wettkampf gibt es zum Beispiel immer wieder Sprünge und schnelle Richtungswechsel. So etwas konnte man nicht trainieren, selbst das gegen den Ball treten so gut wie nicht. Die Jungs denken jetzt „Ich kann es noch“ und bolzen kräftig gegen den Ball – und schon ist womöglich der Hüftbeuger lädiert, wenn es blöd läuft. Auch die Bänder sind anfällig, weil man die Stabilisation quasi verlernt hat.

Was schließen wir daraus für die Dauer der Saisonvorbereitung im Sommer 2021?
Ich sage immer: Schwimmen lernst du auch nicht am Beckenrand. Erst jetzt mit der Rückkehr auf die Sportplätze kann vieles wieder gefestigt werden. Pässe, Abstände, Timing – das alles braucht mehr Zeit als sonst. Diese Zeit sollte der Verband den Vereinen einfach geben.

Wie viel Zeit denn?
Um die acht Wochen Vorbereitung sollte ein Trainer mit seinem Team schon haben. Ob man sich drei-, vier- oder fünfmal pro Woche trifft, muss jeder Coach für sich entscheiden, das hängt nicht nur von der Spielklasse und den sportlichen Ambitionen ab. Überhaupt muss man die Wahl des richtigen Zeitraumes für die Trainingsphase für jede Mannschaft individuell bedenken.

Bei acht, neun Wochen Vorbereitung ist es gut, wenn man sich zwischendurch auch mal eine Woche nicht sieht.“

Thomas Schmidt

Was meinen Sie damit?
Es ist doch klar, dass ich mit einer Gruppenliga-Mannschaft anders trainiere als mit einem C-Liga-Team. Und mit einer zweiten Mannschaft oder Reserve muss ich wahrscheinlich anders umgehen als mit der Ersten, denn es gibt dort Spieler, die zum Training fast gar nicht kommen, sondern nur am Wochenende zum Spiel.

Wie sieht der ideale Trainingsaufbau angesichts all dieser Umstände aus? Da spielt auch die psychologische Variante noch mit rein, oder?
Ja, sicher. Vielleicht ist es besser, erst einmal Übungen mit dem Ball oder zwangloses Kicken in den Mittelpunkt zu stellen und nicht gleich die wenig geliebte Arbeit im Bereich der Grundlagen-Ausdauer. Gelaufen sind viele in den letzten Monaten wahrscheinlich genug. Jeder Trainer kennt ja seinen Pappenheimer und kann überlegen: Bleibt mir die Hälfte weg, wenn wir gleich die Laufschuhe rausholen oder sind die Jungs bereit, von Anfang an gleich richtig zu keulen?

Und aus meiner Tätigkeit bei den Handballfrauen der Bad Wildungen Vipers weiß ich: Bei acht Wochen Vorbereitung mit mehrfachem Training wöchentlich ist es gut, wenn man sich zwischendurch auch mal eine Woche nicht sieht.

Ist es ratsam, wegen der schwierigen Umstände von vorneherein eine kürzere Saison zu planen?
Das würde ich nicht pauschal machen. Aber ich würde den Ablauf so flexibel wie möglich machen; etwa den Terminplan. Wenn man nach Mitte November noch spielen kann und will, dann sollte es auch erlaubt sein. Man muss nicht von vorneherein sagen: Ab dem ersten oder zweiten November-Wochenende ist Schluss für dieses Jahr. (schä)

Lesen Sie auch: Die ersten Termine stehen fest UND So soll der Start in die neue Saison aussehen

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