"Noch so eine Saison, dann ist der Tourismus hier ausgestorben."

Ein See, der nur noch eine Pfütze ist: So schlimm ist es am leeren Edersee

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Nur ein voller Edersee ist schöner Eder-"See": Diesen Satz liest man auf vielen Auto-Aufklebern. Dabei ist der Blick von der Steilküste in Rehbach auf das verbliebene Wasser auch jetzt noch sehr schön. 

So leer wie diesen Sommer war der Edersee selten. Segelboote landeten auf dem Trockenen. Manche prophezeien, dass der Tourismus dort bald tot sei. Ist es wirklich so schlimm? Eine Spurensuche.

Glaubt man den Aufklebern rund um den Edersee, ist Hessens größter See derzeit keine Reise wert. "Nur ein voller Edersee ist ein schöner Edersee", steht auf zahlreichen Auto-Aufklebern. Und so leer wie diese Saison war die Edertalsperre selten. Schon im Juni holten Segler ihre Boote aus dem Wasser, weil die Stege trockengelaufen waren. Rund um den Edersee würden Unternehmer diesen trockenen Sommer ein Umsatzminus von 30 Millionen Euro machen, rechnete Thomas Hennig von der Wassersportgemeinschaft Edersee vor, die eine Online-Petition initiiert hat.

Mittlerweile haben mehr als 16.000 Menschen den Aufruf unter dem Titel "Rettet den Edersee" unterzeichnet und damit eine Änderung beim Wassermanagement gefordert. Die bisherigen Regeln hätten dazu geführt, dass am Edersee eine Wasserfläche von 11,8 Quadratkilometer geopfert werde, "um einen Wasserstand an der Oberweser zu halten, der dann doch nicht sinnvoll genutzt wird", wie es in der Petition heißt.

Doch wie schlimm ist es am Edersee wirklich, der zwar derzeit mit 75 Millionen Kubikmetern nur zu 38 Prozent gefüllt ist, aber immer noch unzählige Freizeitmöglichkeiten auf und neben dem Wasser bietet - von der Sommerrodelbahn in Nieder-Werbe über den Tierpark bis zum Nationalpark Kellerwald-Edersee? Viele Ferienwohnungen sind trotz des Niedrigwassers ausgebucht. Hotelier Karl-Harald Hesselbein aus Nieder-Werbe und Vorsitzender der Fördergesellschaft Edersee etwa sagt: "Unsere Auslastung ist in Ordnung. Solange Ferien sind, sind auch Gäste da." Wir haben uns rund um den Edersee auf Spurensuche begeben.

Der Surflehrer

So einen Sommer wie diesen hat Lars Kreh noch nie erlebt. Der 52-Jährige stammt aus Kassel und ist in Bringhausen mit Blick auf den Edersee aufgewachsen, der für ihn "der schönste See Deutschlands" ist. Seit 27 Jahren betreibt er in der dortigen Bucht die Surfschule. Doch kurz vor den Sommerferien war so wenig Wasser im See, dass er wenig später nach Rehbach umziehen musste, wo die Surfbretter nicht auf Grund liefen.

Bis zu 60 Prozent Umsatzeinbußen, schätzt Kreh, musste er diesen Sommer hinnehmen. Mittlerweile gibt er wieder in Bringhausen Surfunterricht, wegen der Regenfälle Anfang August hat sich die Situation etwas entspannt. Die Saison ist für ihn dennoch gelaufen. Potenziellen Kunden für September hatte er vor einigen Wochen abgesagt, denn dass der Pegel des Edersees im Hochsommer steigt, ist so wahrscheinlich wie ein Anwachsen von Alpengletschern durch den Klimawandel.

Kreh erinnert sich an früher: "Als ich Kind war, sind die Pfeiler der versunkenen Brücke in Bringhausen auch schon mal aus dem Wasser gekommen. Aber das war Ende September und nicht im Juli." Noch so eine Saison, prophezeit er, und der See wird im übertragenen Sinn untergehen: "Dann ist der Tourismus hier ausgestorben. Mit Radlern und Wanderern kann man das nicht kompensieren."

Der Kapitän

Schiffsführer Thorsten Meyer in Waldeck

Thorsten Meyer will vom aussterbenden Tourismus am leeren Edersee nichts hören. "Der Edersee ist niemals leer", sagt der Betriebsleiter und Kapitän der Personenschifffahrt Edersee. Mit den beiden Schiffen, dem "Stern von Waldeck" und dem "Edersee Star", ist er von April bis Ende Oktober von Waldeck aus auf dem Edersee unterwegs. Ist der See voll, fährt er von der Staumauer bis nach Herzhausen im Westen. Doch vor einigen Wochen konnten die Passagiere nicht einmal auf der Halbinsel Scheid und in Bringhausen aussteigen.

Meyer ist sichtlich unzufrieden mit dem Pegelstand des Sees und den Ablassmengen: "Wenn man so viel ablässt, ist es wie mit der Badewanne. Sie hat irgendwann kein Wasser mehr." Noch unzufriedener ist er aber, dass die Leute den mehr oder weniger leeren Edersee bei "Spiegel Online" und bei Instagram sehen und dann darüber reden. "Schreiben Sie nicht alles so negativ", sagt der 50-Jährige, sonst würden die Leute denken: "Da brauchst du nicht mehr hinfahren." Es ist ja noch Wasser in der Badewanne.

Die auf dem Trockenen sitzen

Camp-Manager Knut Stolle zwischen Asel-Süd und Harbshausen

Zwölf Kilometer westlich von Waldeck ist der See längst verschwunden. Zwischen Asel-Süd und Harbshausen liegt das Sportcamp des Landessportbunds Hessen, eine moderne Anlage mit 144 Betten, einem Sportplatz, einer Kletterwand und einem Swimmingpool. Hier möchte man sofort auf Klassenfahrt gehen und von den Balkonen der Häuser, die auf Stelzen in einen Hang gebaut sind, auf den Edersee schauen.

Von dort blickt man jedoch nur noch aufs Grün, wo mittlerweile eine Art Heide blüht. Kanutouren müssen abgesagt werden, der Badeurlaub fällt aus. Aus dem "Camp Edersee", wie die Einrichtung beworben wird, ist ein Camp am Trockenen geworden.

Für Leiter Knut Stolle ist das nichts Neues. Fast jeden Spätsommer verabschiedet sich der See hier als erstes: "Dass das so früh im Jahr passiert, ist krass." Er rechnet mit 15 Prozent weniger Übernachtungen. Die Besucher, die trotzdem kommen, loben zwar das 2006 eröffnete Camp, sagen aber: "Ohne See kommen wir nächstes Jahr nicht wieder." Stolle will darum noch mehr Programme mit Sport im Gelände anbieten.

Alternativen wünscht sich auch Sascha Köppenkastrop aus Plattenberg im Sauerland. Seit vier Jahren verbringt der Dauercamper mit seiner Frau und zwei Kindern zwei Monate im Jahr auf dem Campingplatz Asel-Süd. "Eigentlich hängen wir nur im Wasser ab", sagt der 41-Jährige. Ostern seien hier 4000 Menschen gewesen. Längst aber ist die Aseler Brücke aufgetaucht, die normalerweise in zwölf Metern Wassertiefe liegt. "Alle, die sehen, dass der See weg ist, hauen wieder ab", sagt Köppenkastrop. Campingplatz-Betreiber Otto Wilhelmi schätzt, dass er diese Saison 40 Prozent weniger Gäste haben wird. Den Fährbetrieb hat er längst eingestellt. Die Tagesbesucher, die das Edersee-Atlantis bestaunen wollen, essen vielleicht etwas in seiner Gaststätte, aber das kann den Wegfall der Urlauber nicht ausgleichen.

Die Bürgermeister

Edersee-Atlantis, sagt Vöhls Bürgermeister Matthias Stappert, "ist kein Ersatz für den See". Der parteilose Rathauschef findet: "Ein See, der leer ist, ist kein See." Wie gut, dass der Schiffsführer Meyer das nicht hören kann. Aber im westlichen Zipfel ist der Edersee oft verschwunden. Einmal im Jahr ist eben Ebbe, nur dauert die Ebbe diesmal ewig.

Weitere Themen rund um unser Monatsmotto "Heimat - willkommen zu Hause" findet ihr hier.

Stappert prophezeit, dass "wir künftig mehr solche Sommer haben werden". An der Gesamtsituation werde auch ein Vorstau bei Rehbach nichts ändern können, den die FDP im Kreistag ins Spiel gebracht hat, glaubt Stappert. Sein Edertaler Amtskollege Klaus Gier wird sich darum an diesen Anblick gewöhnen müssen. Der parteilose Politiker wohnt in Bringhausen unweit des Fünf-Seen-Blicks. Von dort oben sieht es bei Vollstau aus, als gäbe es nicht einen See, sondern fünf. Derzeit aber muss man schon den einen mit dem Fernglas suchen. Gier sorgt sich um das Image der Region: "Der Edersee ist das blaue Auge des Landkreises und ein Standortfaktor." Ohne den See gäbe es bei jungen Familien nicht so eine große Nachfrage nach Bauland.

Die Amtsleiterin

Wer wissen will, wie es mit dem blauen Auge weitergeht, muss mit Katrin Urbitsch in Hann. Münden sprechen. Von vielen wird die Leiterin des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt für den leeren Edersee verantwortlich gemacht. Urbitsch sagt aber nicht Edersee, sondern Edertalsperre. Der Edersee ist für sie kein See, in dem immer ungefähr die gleiche Menge Wasser drin ist, sondern eine Talsperre, die vor mehr als 100 Jahren gebaut wurde, um die Schifffahrt auf der Oberweser zu ermöglichen. So etwas gibt es für keinen anderen deutschen Fluss.

Der Hauptvorwurf der Menschen am Edersee lautet: Urbitsch würde sich an Richtlinien zur Wasserabgabe orientieren, die 100 Jahre und älter seien. Das stimme nicht, sagt die Amtsleiterin, die Betriebsvorschriften seien erst 2011 geändert worden. Durch die Triggerlinie, mit der in Hann. Münden nur noch ein Pegel von 1,15 statt 1,20 Meter angesteuert wird, habe man jetzt schon weniger abgelassen, als man gemusst hätte. Die Saison sei für beide Seiten verlängert worden. Urbitsch formuliert es so: "Wir haben leider nur das Elend verlängert."

Auto-Aufkleber eines Edersee-Anwohners

Würde man nun etwa die Pegeluntergrenze von 40 auf 70 Millionen Kubikmeter heraufsetzen, ab der nur noch das Minimum abgegeben wird, wäre die Lage an der Weser noch dramatischer. Dort werden jedes Jahr zwischen Rinteln und dem Mittellandkanal 500.000 Tonnen Kies transportiert. Für Peter Köhnemann von der Firma Sand- und Kies-Vertrieb-Weser ist das Ganze jetzt schon "an der Grenze der Wirtschaftlichkeit".

Urbitsch sieht im Moment keinen Spielraum, Ablassmengen zu ändern. Wie der Sommer 2018 wird, weiß auch sie nicht. Sie könne den "Regen nicht herbeizaubern". Nur eines ist wohl sicher: Es wird in den nächsten Jahren noch viel Wasser die Eder runterlaufen, ohne dass sich etwas grundlegend ändert.

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