Weil sie Hilfe beim Einsteigen braucht

Wegen Corona-Abstandsregeln: AST-Taxi nimmt Frau nicht mehr mit

Anrufsammeltaxi: Der AST-Verkehr, hier ein Haltestellenschild, wurde vor allem für Fahrgäste eingeführt, die nicht mobil sind. In Coronazeiten werden aber Menschen, die nicht alleine ein- und aussteigen können, mancherorts nicht befördert.
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Anrufsammeltaxi: Der AST-Verkehr, hier ein Haltestellenschild, wurde vor allem für Fahrgäste eingeführt, die nicht mobil sind. In Coronazeiten werden aber Menschen, die nicht alleine ein- und aussteigen können, mancherorts nicht befördert.

Jahrelang ist die 74-jährige Burgwalderin mit dem Anrufsammel-Taxi (AST) zu Arztbesuchen nach Frankenberg gefahren. Jetzt geht das nicht mehr – wegen Coronaauflagen. Denn die Frau braucht Hilfe beim Ein- und Aussteigen.

Die 74-Jährige ist seit einem Schlaganfall vor 26 Jahren behindert, kann Arm und Bein auf der linke Seite nicht richtig bewegen. Deshalb braucht sie eine Stütze beim Ein- und Aussteigen in den Kleinbus des AST-Anbieters in Burgwald. Diese Stütze bekommt sie nun nicht mehr. Grund: „Weil während der Hilfestellung eine sehr enge körperliche Nähe notwendig ist“, erläutert Axel Voigt von den Energie Waldeck-Frankenberg (EWF), die im Landkreis den AST-Verkehr organisiert.

Als die Frau von dieser Regelung zu Beginn der Corona-Pandemie im März/April erfuhr, nahm sie dies zunächst stillschweigend hin und schwenkte auf ein privates Taxiunternehmen um. „Da kostet die einfache Fahrt von Burgwald nach Frankenberg aber 15 bis 17 Euro“, schildert die Burgwalderin. Aktuell erfordert ihr gesundheitlicher Zustand zahlreiche Arztbesuche, so dass die Fahrten ins Geld gehen.

Deshalb wollte ihr eine Nachbarin zur Hilfe kommen und wandte sich an Verantwortliche des AST-Verkehrs. Ihr Argument: „Die Corona-Beschränkungen haben sich inzwischen verändert. Es gibt die Maskenpflicht, man wird im Flugzeug befördert, Gaststätten dürfen besucht, Reisen unternommen werden.“

Es handelt sich nicht um einen Einzelfall, sondern betrifft gerade ältere, mobiliätseingeschränkte Menschen

Doch die Nachbarin kam damit nicht weiter und informierte deshalb die HNA. „Schließlich handelt es sich nicht um einen Einzelfall, sondern es betrifft gerade ältere, mobiliätseingeschränkte Menschen, also den Personenkreis, der auf AST-Angebote besonders angewiesen ist“, sagt sie.

Die HNA fragte bei der EWF nach. Die Antwort von Sprecher Voigt: „Die EWF als Aufgabenträger und die beauftragten Verkehrsunternehmen tragen eine Verantwortung für die Fahrgäste und für die Fahrer. Im AST-Verkehr lassen sich die notwendigen Abstände, die das Risiko einer Übertragung des SARS-COV-2-Virus senken, nur bedingt einhalten. Das bedeutet, dass es zu Einschränkungen im AST-Verkehr kommen kann, wenn das Übertragungsrisiko zu hoch erscheint.“

Neben der Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung sei die Anzahl der Plätze in den AST-Fahrzeugen im Zuge der Corona-Pandemie reduziert worden. In den meisten Fahrzeugen (Bus und AST) seien auch Trennvorrichtungen installiert. Da die Situationen vor Ort unterschiedlich seien, entscheide letztlich das Verkehrsunternehmen beziehungsweise der Fahrer, „ob beim Ein- und Ausstieg geholfen werden kann, ohne die Fahrgäste und sich selbst zu gefährden“.

Voigt weist darauf hin, dass die Covid-19-Fälle im Landkreis aktuell wieder ansteigen und ein Ansteckungsrisiko auch mit einer Mund-Nase-Bedeckung vorhanden sei. Es gelte, das persönliche Risiko abzuwägen. Aus diesem Grund habe das Taxiunternehmen den beiden Burgwalderinnen mitgeteilt, dass eine Beförderung mit dem AST zwar grundsätzlich möglich sei, allerdings nur, wenn eine Begleitperson beim Ein- und Ausstieg helfe.

Das ist keine Lösung für die alleinstehende Burgwalderin, die niemanden zur Last fallen will. Ihre Nachbarin kommentiert es drastischer: „Als Betroffener ist man in auswegloser Situation. Es interessiert niemanden, eine rasche, schlichte Lösung zu bieten.“ Das private Taxiunternehmen sei schließlich auch in der Lage, der 74-Jährigen beim Ein- uns Aussteigen zu helfen.

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