Geschichten, die der Willinger Weltcup schreibt

Die Lehmkühlers aus Duisburg: Vom Zaungast zum Free Willi

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Aus der Skispringer-Perspektive: Dagmar und Andreas Lehmkühler (rechts) aus Duisburg fühlen sich in der Familie der Free Willis pudelwohl. 

Der Lebensweg bietet manchmal Gabelungen an und kann einen in Bereiche führen, über die man vorher noch nicht einmal wusste, dass sie einen interessieren könnten. So erging es Dagmar (57) und Andreas Lehmkühler (52).

Willingen – Mit Skispringen hatte das Ehepaar aus Oberhausen nichts am Hut. Doch nach der morgendlichen Radiowerbung für den Weltcup in Willingen stellte Andreas an jenem 5. Februar im Jahr 2000 seiner Frau mittags diese Frage: „Was hältst du davon, wenn wir gleich zum Skispringen fahren?“

Da seine Frau gerade von ihrer Arbeit bei der Post zurückgekehrt war, lag das Nein näher als das Ja. Aber sie stimmte zu und das sollte das Leben des Paares punktuell enorm verändern.

Aus Zuschauern werden Helfer

Aus dem einen Tag Skispringen in Willingen wurden seither alle folgenden Weltcup-Tage und aus den Zuschauern Dagmar und Andreas Lehmkühler sind mittlerweile Weltcup-Helfer geworden.

Innerhalb dieser 20 Jahre haben die Lehmkühlers zahlreiche neue Freundschaften mit Upländern geschlossen, die teilweise so eng sind, dass sie zu Geburtstagen, ja sogar Hochzeiten eingeladen werden. Er nennt hier vor allem Ingolf Schinze, Ulrich Engelbracht oder Christoph Heerdt aus Usseln.

Ein Schnaps, und alles wird gut

 Dabei war die erste Begegnung des Paares mit einem „Free Willi“ vom Ski-Club eher unfreundlich. „Ein Ordner meinte, er müsste dauernd meine Kappe drehen, und ich sagte ihm, er solle das lassen“, erinnert sich Andreas und bot dem Kappendreher als Friedensangebot einen Schnaps an. Gesagt, getrunken. Damit machte sich das Paar bei diesem Ordner unvergesslich und sie grüßten sich von nun an, wenn sie sich über den Weg liefen.

Beim Weltcup im nächsten Jahr folgte noch eine Steigerung. Die Lehmkühlers nahmen im Festzelt bei „gefühlt drei Promille“ das Angebot an, Mitglied beim SC Willingen zu werden. Als Anmeldeformular diente ein Bierdeckel. Das war auch gleichzeitig die Eintrittskarte für den Club der Free Willis.

 „Seither sind wir fest eingeplante Mitglieder beim Team Sitztribüne, machen dort unseren Dienst von Freitag bis Sonntag und sind auch schon ein paarmal in den Genuss gekommen, früh morgens sehr viel Schnee schaufeln zu dürfen. Wir genießen es und haben seit Jahren in Willingen unseren festen Arbeitsplatz“, sagt er,

Werbeträger für den Ski-Club im Ruhrpott

Für diesen Job gibt es kein Gehalt, aber statt Geld liegt Menschliches in der Lohntüte. Sehen und gesehen werden geht in Willingen auch ohne den Roten Teppich: „Wir werden als Ordner mittlerweile von etlichen Zuschauern umarmt, die wir nicht mit Namen kennen“, erzählt der Industriemeister, der im Chemiepark in Oberhausen arbeitet.

So nebenbei sind die Lehmkühlers, die mittlerweile in Duisburg wohnen, auch gute Werbeträger für ihren Verein, denn wenn sie mit ihrer roten Weltcup-Jacke durch die Innenstadt von Duisburg oder Oberhausen gehen, werden sie ab und zu auf das Skispringen in Hessen angesprochen. Auch Arbeitskollegen oder ehemalige Mitspieler aus seinem alten Fußballverein hat Lehmkühler schon dazu animiert, den Weltcup zu besuchen.

Sechs bis sieben Wochenenden im Jahr weilen die Lehmkühlers im Upland. „Dabei kann ich noch nicht mal Skifahren“, gesteht der 52-Jährige.

Heß' Foto hängt im Schlafzimmer

Das Ehepaar hat zwar Hochachtung vor der Leistung der Skispringer, sich aber noch nie ein Autogramm von einem Sportler geholt oder mit ihnen ein Selfie gemacht.

Nur bei einem Mann wurde Dagmar bisher schwach: Reinhard Heß. Ein Foto mit dem früheren Bundestrainer musste sein, weil Heß sie an ihren verstorbenen Vater erinnerte. „Die beiden sahen sich wirklich verblüffend ähnlich“, erzählt Andreas, „und das Foto hängt seitdem bei uns im Schlafzimmer.“

Aus nahezu jedem Satz von ihm hört man die Freude heraus, ein Free Willi zu sein. Wunschlos glücklich ist er aber noch nicht. „Ein Sieg von Stephan Leyhe in Willingen wäre für uns das i-Tüpfelchen.“

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