Welttag der Gehörlosen: Der vierjährige Julius kam ohne Hör-Nerven auf die Welt

Autofahrer aufgepasst: Die Schilder rund um das Haus der Familie Zölzer kennt der gehörlose Julius Zölzer genau, auch wenn er nicht weiß, was darauf steht. Foto: Linke

Willershausen. Der vierjährige Julius Zölzer aus Willershausen kann weder hören noch sprechen, er wurde ohne Hör-Nerven geboren. Zum Internationalen Tag der Gehörlosen erzählen wir seine Geschichte.

Herannahende Autos hören, die Stimmen seiner Eltern wahrnehmen oder aussprechen, was ihn bewegt oder was er gerade braucht: All das kann Julius Zölzer aus Willershausen nicht. Der Fernseher ist stumm, die Türen fallen dafür umso lauter ins Schloss, wenn Julius sie zuschlägt. Auch wenn er den Knall nicht hört, spürt er doch die Vibration.

„Unser Alltag ist eigentlich ganz normal. Wir müssen auf unseren Sohn nur noch mehr aufpassen als andere Eltern auf ihre Kinder“, sagt Rebecca Zölzer, Mutter von Julius. Wenn ihr Sohn beispielsweise wegläuft, könne sie nicht einfach hinterherrufen, er solle zurückkommen.

Es müsse immer Blickkontakt herrschen, um sich mit der Gebärdensprache verständigen zu können. Die lernt Julius im integrativen Kindergarten Wolkenland in Gemünden, in den ihn ein Dolmetscher jeden Tag begleitet. Allerdings bleibt dieser nur vier Stunden am Vormittag, Julius ist jedoch bis nachmittags in der Kita.

Wie wichtig der Übersetzer für den kleinen Julius ist, zeigt ein Vorfall: „Einmal kam er ganz erbost nach Hause“, erinnert sich Rebecca Zölzer. Julius war an jenem Tag in einer anderen Kindergartengruppe als gewöhnlich. Er hatte Durst, hat den ganzen Nachmittag jedoch nichts getrunken. Da ihm die Umgebung nicht vertraut war, hat er sich nicht getraut, nach einem Glas Wasser zu fragen.

Im Kindergartenalltag sei der Junge dennoch gut integriert. Wenn gemeinsam gesungen wird, übersetzt der Dolmetscher für Julius den Text in die Gebärdensprache. Die Kinder wissen, dass sie wiederum den Dolmetscher ansprechen müssen, um mit Julius in Kontakt zu treten. Außerdem hilft ihm ein Computer im Alltag, sich auch ohne Dolmetscher zu verständigen. Mithilfe von Symbolen kann Julius zeigen, ob er satt ist, Hunger hat oder spielen möchte.

Auf Geburtstage wird Julius laut seiner Mutter jedoch wenig eingeladen. „Die Gehörlosigkeit macht ihn zum Teil einsam und zum Außenseiter“, sagt Rebecca Zölzer. Oft erwarte Julius Antworten von seinen Mitmenschen, wenn er ihnen etwas mitteilt. „Ein einfaches Nicken reicht ihm dann nicht mehr aus“, sagt sie.

Auch im Auto möchte sich Julius mitteilen, zeigt mithilfe der Gebärdensprache, dass er zum Beispiel Kühe auf einer Wiese sieht. „Wenn er dann nicht sofort eine Antwort bekommt, wird er ungeduldig“, sagt seine Mutter. Doch eine Antwort nach hinten ins Auto rufen, geht nicht.

Rebecca Zölzer wünscht sich für ihren Sohn, dass er nach dem Kindergarten auf eine Regelschule in Rosenthal gehen kann. Die Alternative wäre eine Schule in Homberg/Efze mit den Förderschwerpunkten Hören, Kommunikation und Sehen. „Ich möchte meinem Sohn die einstündige Busfahrt jeden Morgen allerdings gerne ersparen.“ Ob das klappt, stehe jedoch noch nicht fest.

Dass Julius nichts hören kann, ist Fluch und Segen zugleich. „Andere Kinder starren ihn oft an oder sagen verletzende Worte“, sagt Rebecca Zölzer. Das könne Julius zum Glück nicht hören.

Von Miriam Linke 

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