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Wenn Menschen verschwinden: So arbeitet die Polizei bei Vermisstenfällen

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Von: Julia Janzen

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Eine Lupe vergrößert die Wörter vermisste Person
Fünf Kinder wurden bislang in diesem Jahr in Waldeck-Frankenberg als vermisst gemeldet. Die Aufklärungsquote liegt bei 100 Prozent. © Jens Büttner/dpa

Jeden Tag werden in ganz Deutschland 200 bis 300 Fahndungen nach Vermissten neu erfasst, teilte kürzlich das Bundeskriminalamt (BKA) mit. Doch wann gilt eine Person als vermisst? Wie sucht die Polizei nach ihnen? Und wie sollten Eltern reagieren, wenn ein Kind verschwindet? Dirk Richter, Sprecher der Polizeidirektion in Waldeck-Frankenberg, gibt Auskunft.

Wann gilt eine Person als vermisst?

Es gibt Unterschiede bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen. Minderjährige, also Personen unter 18 Jahren, gelten als vermisst, „wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthaltsort unbekannt ist. Bei ihnen muss grundsätzlich von einer Gefahr für Leib und Leben ausgegangen werden, solange Ermittlungen oder andere Erkenntnisse nichts Anderes ergeben“, sagt der Kriminalhauptkommissar.

„Ein weitverbreitetes Missverständnis liegt darin, dass die Polizei erst 24 Stunden nach einer Vermisstenmeldung aktiv wird“, so Richter über vermisste Erwachsene. „Die Polizei fahndet aber immer dann, wenn eine Vermisstenanzeige aufgegeben wurde und die polizeilichen Kriterien einer vermissten Person erfüllt werden.“ Diese seien erfüllt, wenn jemand seinen gewohnten Lebenskreis verlassen habe, der Aufenthaltsort unbekannt sei und für die Person eine Gefahr für Leib und Leben angenommen werden kann, beispielsweise als Opfer einer Straftat, einem Unglücksfall, bei Hilflosigkeit oder Selbsttötungsabsicht.

Wie oft werden Kinder in Waldeck-Frankenberg als vermisst gemeldet?

Das Thema vermisste Kinder habe in der Öffentlichkeit einen hohen Stellenwert, sagt Richter. Im Landkreis gibt es allerdings wenige Fälle. 2018 wurden 13 Kinder als vermisst gemeldet, 2019 und 2020 jeweils fünf, 2021 waren es laut Polizeistatistik zehn. „Die Tendenz ist für 2022 wie im Vorjahr, bisher gab es fünf Vermisstenanzeigen bei Kindern.“ Die Aufklärungsquote dieser Fälle liegt bei 100 Prozent. Das bedeutet: Entweder kamen die Kinder von allein zurück oder sie wurden bei der Suche durch die Polizei oder Sorgeberechtigte gefunden.

Alle in den Jahren 2018 bis 2022 vermissten Kinder waren zwischen 10 bis 13 Jahren alt. Auffällig sei, dass ein Großteil von ihnen aus Kinder- und Jugendeinrichtungen verschwunden war. „In den wenigstens Fällen wurden die Kinder aus dem elterlichen Umfeld als vermisst gemeldet.“

Was sind Gründe für Kinder, abzuhauen?

Diese seien vielfältig. „Die Polizei ist bestrebt, die Gründe zu hinterfragen, wenn die Kinder wieder da sind“, sagt Dirk Richter. Bei diesen Gesprächen werde auch geklärt, ob die Kinder eventuell Opfer einer Straftat geworden sind. „Von den genannten Vermissten im Landkreis Waldeck-Frankenberg seit 2018 war keiner Opfer einer Straftat geworden.“

Bei den Kindern aus Einrichtungen wie Heimen oder Wohngruppen gehe es oft um die familiäre oder soziale Situation. Häufig werde ausgerissen, um zu den Angehörigen zu gelangen, so der Polizeisprecher. „Die Gründe des Verschwindens sind gelegentlich auch Ärger in der Schule oder mit den Eltern, häufiger aber Abenteuerlust oder pubertäre Probleme.“

Wie oft kommt es zu Entführungen oder Kindesentziehungen?

In Waldeck-Frankenberg habe es seit dem Jahr 2000 keine Kindesentführungen durch Fremde gegeben. „Kindesentziehungen gab es seit 2018 in insgesamt neun Fällen, die alle geklärt werden konnten.“ In diesen Fällen war es so, dass ein Elternteil das gemeinsame Kind dem anderen Elternteil vorenthalten habe.

Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind verschwunden ist?

Eltern sollten dies so schnell wie möglich bei der Polizei anzeigen, sagt Dirk Richter. „Gerade bei Kindern kommt es auf schnelles Handeln an. Anders als bei verschwundenen Erwachsenen geht die Polizei bei vermissten Kindern grundsätzlich von einer Gefahr aus.“ Das bedeutet: Die Polizei nimmt sofort die Ermittlungen nach dem Aufenthaltsort oder möglichen Gefahren auf.

Ein Mann
Dirk Richter, Sprecher der Polizei in Waldeck-Frankenberg © Privat

Eltern sollten ruhig bleiben und darüber nachdenken, wo das Kind sein könnte, rät der Sprecher. „Mögliche Aufenthaltsorte sollten sie überprüfen und bei der Suche auch Verwandte, Freunde und Bekannte einbinden. Alle möglichen Kontaktpersonen der Kinder sollten angerufen und befragt werden.“ Das Aufschreiben der möglichen Aufenthaltsorte und der Kontaktpersonen könne bei einer Vermisstenanzeige helfen. Ebenso sollten Eltern für diese Anzeige mehrere aktuelle Fotos heraussuchen und sich einen Überblick verschaffen, welche Sachen das Kind mitgenommen habe. Bei eigenen Suchmaßnahmen solle bedacht werden, dass immer jemand Zuhause sei, falls das Kind wieder auftaucht.

Wie geht die Polizei bei der Suche nach Vermissten vor?

Zunächst würden Angehörige und mögliche Kontaktpersonen befragt und bekannte Aufenthaltsorte überprüft. Je nach Gefährdung, die abhängt vom Alter der vermissten Person und den Umständen des Verschwindens, „kann es dann zu größeren Suchmaßnahmen kommen, bei denen auch Feuerwehr, Rettungsdienst oder Rettungshunde angefordert und eingesetzt werden“. Vorher gebe es Nachfragen bei den Rettungsleitstellen und örtlichen Krankenhäuser.

Größere Suchaktionen nach Kindern seien im Landkreis eher die Ausnahme, häufiger komme dies bei vermissten älteren und orientierungslosen Menschen vor, die zum Beispiel aus einem Seniorenheim verschwunden seien, so Richter.

Wann wird öffentlich nach einem vermissten Kind gesucht?

Eine Öffentlichkeitsfahndung sei ein geeignetes Mittel, um Gefahren für das Kind schnellstmöglich abzuwehren oder auch ausschließen zu können. „Sie erfolgt immer unter gründlicher Abwägung der Persönlichkeitsrechte des Betroffenen und der anzunehmenden Gefahr sowie unter Einbeziehung der Angehörigen.“ In Fällen, bei denen keine dringende Gefahr anzunehmen ist, würden zunächst alle Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft, bevor eine öffentliche Suche infrage komme. jj

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