Besondere Rolle zum Höhepunkt der zweiten Welle

Wildunger Reha-Klinik „Westend“ versorgte viele beatmungspflichtige Corona-Kranke

Die Reha-Klinik Westend in Bad Wildungen.
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Die Reha-Klinik Westend: charakteristisch mit seiner Brücke und mit besonderer Rolle bei der Versorgung schwer kranker Corona-Patienten in Nordhessen während des bisherigen Höhepunktes der zweiten Pandemiewelle.

Die neurologische Reha-Klinik „Westend“ nahm in der zweiten Welle in Nordhessen eine besondere Rolle ein. Obwohl sie kein Akut-Haus ist, versorgte sie viele beatmungspflichtiger Corona-Kranke.

  • Die Wildunger neurologische Reha-Klinik Westend versorgt während der zweiten Corona-Welle außergewöhnlich viele beatmungspflichtige Corona-Patienten.
  • Den Mehraufwand für die speziellen Hygiene-Vorkehrungen gegen Corona bekommt die Wildunger neurologische Reha-Klinik Westend nach eigenen Angaben in der zweiten Welle bislang nicht vergütet.
  • Während der ersten Corona-Welle im Frühjahr war das noch anders und die Wildunger neurologische Reha-Klinik Westend Teil des Bedarfsplans des Landes Hessen

Bad Wildungen – Intensivkrankenschwester Annett Pinkes greift auf fast 27 Jahre Berufserfahrung zurück. Doch was die langjährige Mitarbeiterin in den vergangenen Wochen während der größten Ausdehnung der Corona-Pandemie in Nordhessen an Schicksalen und Arbeitsbelastung an den Beatmungsplätzen der Wildunger Reha-Klinik Westend erlebte, sucht auch in der Laufbahn dieser erfahrenen Fachkraft seinesgleichen.

„Viele Corona-Patienten mit Organversagen, zumeist im Alter von 70 bis 75 Jahren“, erinnert sie sich. Menschen in so einem Zustand benötigen eine viel stärkere Überwachung durch das Personal. „Hinzu kommt der weit höhere, coronabedingte Hygieneaufwand, wenn wir uns an- und auskleiden“, erzählt Annett Pinkes.

Zeitweise höchste Zahl an coronakranken Beatmungspatienten in einer einzigen Klinik

„Zeitweise haben wir im Westend die größte Zahl an intensivbeatmeten Corona-Patienten in einer Klinik Nordhessens versorgt“, sagt Betriebsratsmitglied Udo Münchow. Hintergrund ist, dass es sich beim Westend um eine neurologische Reha-Klinik und kein Akutkrankenhaus handelt, die gleichwohl dazu in der Lage ist, Patienten künstlich zu beatmen.

Bei der Verteilung von Corona-Patienten in Nordhessen haben die Kliniken Kassel den Organisationshut auf. Akut-Kliniken wie sie brauchen immer auch freie Intensivbetten für andere Notfälle als Corona-Patienten. So entlastete das Wildunger Westend wieder und wieder mit den 26 Betten seiner Intensivstation das System durch die Übernahme beatmungspflichtiger Corona-Kranker, was in der zweiten Welle allerdings ein besonderes Problem mit sich bringt.

Im Frühjahr war die Klinik „Westend“ noch im Bedarfsplan des Landes Hessen

Während das Wildunger Westend im Frühjahr noch in den Bedarfsplan des Landes Hessen aufgenommen worden war und so Corona-Hilfen erhielt, gelten nun andere Regeln. Jetzt, in der zweiten Welle, kommen diese Hilfen nur Krankenhäusern zugute, die eine Notfallaufnahme oder zumindest eine internistische Abteilung aufweisen.

Diese Voraussetzung erfüllt die neurologische Reha-Klinik Westend in Bad Wildungen nicht. Mit dem Ergebnis, dass sich der erhöhte Hygieneaufwand in der Pflege beatmeter Corona-Patienten nicht in der Vergütung spiegelt. Ausgerechnet auch während des bisherigen Höhepunktes der Pandemie in der Region. Das erläutert die Geschäftsführung auf Nachfrage. Sie befinde sich wegen dieses Themenkomplexes in schriftlichem Kontakt mit dem zuständigen hessischen Sozialministerium.

Personalknappheit auf Intensivstationen schwer zu beheben

Intensivkrankenschwester Anett Pinkes und ihre Kolleginnen und Kollegen mussten zudem Personalverlust mit auffangen: bedingt durch Corona-Erkrankungen und daraus resultierende Quarantäne in den eigenen Reihen oder durch vereinzelte Abschiede aus den Teams aus Angst vor Ansteckung.

„Ersatz zu finden, ist nicht einfach. Wenn jemand intensivmedizinische Ausbildung und Erfahrung hat, dauert die Einarbeitung vielleicht eine Woche, doch wenn nicht...“, schildert Anett Pinkes. Bei jemandem frisch aus der Weiterbildung müsse man sechs Monate bis zu einem Jahr der Einarbeitung rechnen. Und um gänzlich neue Fachkräfte heranzubilden, braucht es drei Jahre Ausbildung der Gesundheits- und Krankenpflege mit anschließender, zweijähriger Weiterbildung in Intensiv- und Anästhesiepflege.

Gute Erfahrungen gemacht seit Einführung eines Tarifsystems vor Jahren

Umso mehr Vorteile für die Wildunger Reha-Klinik Westend und Beschäftigte bringt aus Sicht des Westend-Betriebsrates und der Gewerkschaft ver.di die seit Jahren laufende Zusammenarbeit von Arbeitnehmervertretung und Geschäftsleitung beim Ausgestalten eines Tarifsystems.

So zahlte das Westend seinen Beschäftigten auch die Corona-Prämie von 500 Euro. Gerade langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitierten von den tariflichen Regelungen, betont der zuständige ver.di-Sekretär Florian Dallmann: „Das hilft der Klinik, ihre erfahrenen Fachkräfte zu halten, gerade in einer Lage wie der aktuellen.“

Sonderstellung der Wildunger Reha-Klinik Westend in doppelter Hinsicht

Das Wildunger Westend nimmt in doppelter Hinsicht eine nicht alltägliche Stellung unter den Reha-Kliniken in Bad Wildungen ein. Zum einen trägt die Klinik nicht zuletzt mit ihrer 26 Betten zählenden, neuen Intensivstation der Tatsache besonders Rechnung, dass Reha-Patienten heutzutage mit viel größerem, medizinischen und fachpflegerischen Versorgungsbedarf in die Reha kommen als früher: Folge der Einführung des „DRG-Systems“ der Fallpauschalen in Akut-Krankenhäusern vor vielen Jahren – je kürzer der Aufenthalt, desto wirtschaftlich günstiger für das Akut-Haus. „Gerade in der Corona-Pandemie kann unser Gesundheitssystem froh sein, über Reha-Kliniken mit solchen Fähigkeiten zu verfügen“, meint Florian Dallmann von ver.di.

Die zweite Sonderstellung fußt auf einem Tarifsystem. „Die meisten Reha-Kliniken haben keins“, sagt Dallmann. Wegen des Fachkräftemangels bewegten sich inzwischen zwar die Einstiegsgehälter bei Häusern mit und ohne Tarif in den gleichen Ebenen. Aber eine gezielte Weiterentwicklung mit Lohnsteigerungen und verbesserten Arbeitsbedingungen besonders für langjährige Beschäftigte „gibt es nur mit Tarif“, meint Dallmann. Ihm pflichten Betriebsratsmitglieder aus dem Wildunger Westend bei und nennen zwei Beispiele: Vor Zeiten des Tarifs verdiente eine Physiotherapeutin in der Endstufe (16 Jahre Betriebszugehörigkeit) 2360 Euro monatlich. Ein knappes Jahrzehnt später seien es heute 3200 Euro. Der erfahrenen Intensivkrankenschwester würden heute mehr als 4000 Euro gezahlt im Vergleich zu 2600 Euro damals. Weiteres Beispiel: das Einführen von Einspringprämien und Sonderzahlungen.

„Wicker Gesundheit und Pflege“: Zwei Reha-Kliniken, fünf Pflegeeinrichtungen, ein Gästehaus

Die „Wicker Gesundheit und Pflege“ von Trägerin Tanja Wicker-Carciola ist nicht zu verwechseln mit der ebenfalls in Bad Wildungen beheimateten Wicker-Klinikgruppe. Zu „Wicker Gesundheit und Pflege“ gehören neben der Inselberg-Klinik im thüringischen Bad Tabarz in Bad Wildungen: die neurologische Reha-Klinik Westend sowie das Pflegezentrum Laupark, das Seniorenzentrum Goeckestift, das Pflegezentrum Kaiserhof, das Seniorenzentrum Waldeck, die Tagespflege Waldeck und das Gästehaus Windhuk. (Matthias Schuldt)

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