Er will wieder nach oben: Flüchtling aus Syrien spielt Tischtennis in der Kreisliga

Tabellenführer der Tischtennis-Kreisliga: Der Syrer Rustom Sulyman (rechts) mit seinen Mannschaftskollegen vom SV Reddighausen, (von links) Ralf Müller, Arno Reitz, Gerhard Bergmoser, Dirk Wagner und Guido Juschkewitsch. Fotos:  Paulus

Frankenberg/Reddighausen. 10:0 lautet seine Bilanz: Rustom Sulyman ist einer der besten Spieler in der Frankenberger Tischtennis-Kreisliga. Und der ungewöhnlichste: Der 33-Jährige ist vor dem Krieg in seiner Heimat Syrien nach Deutschland geflohen.

Weil er sich integrieren wollte, hat Rustom Sulyman einen Tischtennis-Verein gesucht und ist beim SV Reddighausen gelandet. Er macht einen Sprachkurs und will bald arbeiten. Mit seiner Familie wohnt Sulyman mittlerweile in einer eigenen kleinen Wohnung in Frankenberg. Wir erzählen seine Geschichte.

Rustoms Frau Abeer stellt Kaffee und syrisches Gebäck auf den Tisch. „Wir hatten in Syrien Arbeit, Auto, Wohnung und Geld. Der Krieg hat uns alles genommen“, erzählt Rustom in bemerkenswert gutem Deutsch. „Ich mache seit April einen Sprachkurs. 600 Stunden schon“, erklärt er. „Deutsch zu lernen, ist wichtig, wenn wir hier bleiben wollen, und sehr wichtig für unsere Kinder.“ Die Kinder Joudi (2) und Aram (5) gehen in Frankenberg in den Kindergarten. „Sie haben schon Freunde gefunden“, sagt ihr Vater.

Rustom und seine Frau Abeer haben in Syrien studiert, er war in seiner Heimatstadt Damaskus Geschäftsführer einer Reiseagentur. Sie mussten alles hinter sich lassen, um vor dem Krieg zu fliehen. „Unser Ziel war Europa, um in Sicherheit leben und und unsere Kinder in die Schule schicken zu können.“

Am 1. Juli 2013 sind sie mit dem Flugzeug in Frankfurt angekommen. Von der Erstaufnahme-Einrichtung für Asylbewerber in Gießen wurden sie dem Landkreis Waldeck-Frankenberg zugeteilt und kamen in die Gemeinschaftsunterkunft nach Holzhausen.

Rustom Sulyman wollte sich von Beginn an integrieren. Auf einem Fest im Dorf hat er gefragt, wo er Tischtennis spielen kann. In Syrien gehörte er früher zur Nationalmannschaft. „Sport ist wunderbar“, sagt Rustom. Er habe schon viele Leute kennengelernt und könne das Deutsch aus dem Sprachkurs anwenden. „Bei meinem ersten Spiel vor einem Jahr habe ich nichts verstanden, jetzt verstehe ich alles. Die Leute in Reddighausen haben mir sehr geholfen.“

Eigentlich seien alle Menschen in Deutschland, mit denen er bisher zu tun hatte, freundlich und hilfsbereit. „Nur einmal bei einem Autokauf hatte ich Pech.“ Er könne verstehen, dass viele Deutsche Angst vor Ausländern hätten, beim Tischtennis seien aber alle nett zu ihm.

Die Mitspieler aus Reddighausen holen ihn zu den Spielen und zum Training ab. Mittlerweile trainiert der 33-Jährige auch zwei Mal in der Woche beim TSV Frankenberg. „Andere Vereine haben gefragt, ob ich bei ihnen spielen will, aber Reddighausen braucht mich, um wieder in die Bezirksklasse aufzusteigen.“ Nach sechs Spielen liegt die Mannschaft im Moment auch ungeschlagen auf Platz 1.

Familie Sulyman darf vorerst für drei Jahre in Deutschland bleiben, bis sich die Lage in Syrien möglicherweise entspannt hat. „Aber daran glaube ich nicht“, sagt Rustom. Er dürfte mittlerweile auch einen Job annehmen. „Ich habe schon Ideen, wo ich arbeiten könnte, ich will aber erst mein Sprach-Zertifikat machen“, sagt er. Neben Arabisch spricht er auch Englisch und Französisch.

Für seine Frau, die in Syrien Lehrerin war, gab es bisher noch keinen Platz in einem Deutschkurs, 2015 will sie es erneut versuchen.

Von Jörg Paulus 

Warum Rustom im Tischtennis ein unbequemer Gegner ist und wieso sich seine Mitspieler umstellen mussten, lesen Sie in der gedruckten Samstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

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