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Wegen Inzucht in kleinen Wildtiergebieten: Der Rothirsch ist bedroht

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Von: Bea Ricken, Philipp Daum

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Der Rothirsch röhrt: Die Waldeckische Jägerschaft sorgt sich ebenfalls um das Rotwild. 
Der Rothirsch röhrt: Die Waldeckische Jägerschaft sorgt sich ebenfalls um das Rotwild.  ©  Gerhard Kalden (Archiv)

Wildbiologen und Jäger sorgen sich um den Bestand des Rotwildes. Ursache ist ein Inzucht-Problem, weil der genetische Austausch unter den Tieren zu gering ist.

Das liegt einerseits an ausgewiesenen Rotwildbezirken: Verlässt ein Tier dieses Gebiet, darf es abgeschossen werden. Zum anderen wird das Wild durch das wachsende Straßen- und Autobahnnetz sowie die Zersiedelung der Landschaft eingeengt.

In Waldeck-Frankenberg ist das Rotwild zwar nicht so stark vertreten wie in anderen Regionen Hessens. Allerdings gibt es auch hier Gebiete – zum Beispiel am Edersee – in denen sich Rotwild befindet. „Die Tiere halten sich vor allem im Gebiet der Hegegemeinschaften in Lichtenfels, Vöhl und Frankenberg auf“, sagte Sandra Bergmann, Vorsitzende der Waldeckischen Jägerschaft auf Anfrage unserer Zeitung. Auch im Upland, in Hatzfeld und in Burgwald sei immer mal wieder Rotwild gesichtet worden.

Besonders stark betroffen ist das Rotwildgebiet Wattenberg-Weidelsburg, das sich über den Altkreis Wolfhagen und den östlichen Teil von Waldeck-Frankenberg erstreckt. „Das Inzucht-Problem dort ist enorm“, sagt Klaus Lötzerich, Vorsitzender der zuständigen Hegegemeinschaft. Einen deutlichen Beleg für diese These fanden die Mitglieder bei Altenhasungen: Ein Hirschkalb, das erlegt wurde, wies eine Missbildung des Kiefers auf. Ein klarer Hinweis auf Inzucht.

Ein weiteres Zeichen für Inzucht seien Fehlgeburten. „Davon bekommen wir aber leider selten etwas mit, weil die Frühgeburten von anderen Tieren gefressen werden“, so Lötzerich. Die Mitglieder der Hegemeinschaft sehen den Bestand in der Region erheblich bedroht. Darin bestätigt werden sie von der Uni Gießen. Deren Prognose: Bereits in zehn Jahren könnten ganze Populationen nicht mehr lebensfähig sein.

Die Hegegemeinschaft Wattenberg-Weidelsburg hat Ideen, wie das Inzucht-Problem gemildert werden kann: „Es müssen Korridore zwischen den Rotwildgebieten geschaffen werden, auf denen ein Abschuss verboten ist“, so Lötzerich. Außerdem schlägt die Hegegemeinschaft vor, Grünbrücken über Autobahnen und stark befahrenen Straßen zu schaffen, damit das Wild sicher in andere Bereiche wechseln kann. Bisher bleibt der sogenannte Platzhirsch Alleinherrscher im Bezirk und pflanzt sich auch mit seinen Kindern fort. Wegen der Abschussgenehmigung schaffen es Junghirsche nicht zu wechseln.

20 Rotwildgebiete in Hessen

20 Rotwildgebiete gibt es in Hessen. Über zwei Jahre hat ein Forscherteam um Prof. Gerald Reiner von der Uni Gießen deren Situation untersucht. Das Ergebnis: Einige Rotwildgebiete – wie Wattenberg-Weidelsburg – sind weitgehend isoliert, der Knüll westlich der A7, der Odenwald und der Reinhardswald in Bezug auf die übrigen hessischen Rotwildgebiete sogar vollständig isoliert. Die Autobahnen A5, A7, A44, A45 und A49 werden als Hauptbarrieren genannt.

„Wir brauchen artenreiche Wildtierbestände“

Das Problem der Einengung des Rotwildes und der damit verbundenen Inzucht sieht auch Sandra Bergman, Vorsitzende der Waldeckischen Jägerschaft. „Wir befinden uns in Waldeck-Frankenberg ja nicht in einem US-amerikanischen Nationalpark. Stattdessen haben wir hier überwiegend kleinteilige Jagdbezirke, die mitunter durchtrennt sind von Straßen oder Autobahnen.“

Daher seien Grünbrücken oder Korridore sinnvoll, um den Tieren dabei zu helfen, zwischen den Gebieten der jeweiligen Hegegemeinschaften zu wechseln.

Sandra Bergman, Vorsitzende der Waldeckischen Jägerschaft
Sandra Bergman, Vorsitzende der Waldeckischen Jägerschaft © Stefanie Rösner (Archiv)

Grünbrücken trügen dazu bei, dass das Wild trichterförmig über stark befahrene Verkehrswege gebracht werde. „Das funktioniert sehr gut. Es geht hier am Ende auch nicht nur um das Rotwild“, sagt Sandra Bergmann. Grünbrücken könnten von allen Wildarten problemlos genutzt werden, um zwischen den Bezirken zu wechseln. „Es ist wichtig, dass Junghirsche dadurch für eine Blutauffrischung sorgen, so dass die Bestände erhalten bleiben.“

Auch so genannte Wildtierkorridore tragen nach Auskunft der Vorsitzenden der Jägerschaft zum genetischen Austausch zwischen verschiedenen Wildtierpopulationen bei. „Hierbei geht es um die Schaffung größerer Flächen zwischen den Gebieten der Hegegemeinschaften, auf denen ein Abschuss nicht erlaubt ist. Das Wild könnte gefahrlos durchziehen“, erklärt Sandra Bergmann. Der Jägerschaft sei es ein wichtiges Anliegen, das Rotwilds zu schützen. „Wir brauchen im Sinne einer biologischen Vielfalt artenreiche Wildtierbestände“, betont Sandra Bergmann.

Dass das Rotwild durch das Auffressen der jungen Triebe ein großes Problem bei der Wiederbewaldung darstellt, sieht Sandra Bergmann in diesem Ausmaß nicht. Schließlich habe es schon immer Schalenwild zusammen mit der Maßnahmen zur Wiederbewaldung gegeben.

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