Ausweg aus existenzbedrohender Situation statt Almosen

Schausteller in Waldeck-Frankenberg leiden unter Corona-Krise

Der Pfingstmarkt in Frankenberg – hier ein Archivbild – musste in diesem Jahr wegen Corona ausfallen.
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Der Pfingstmarkt in Frankenberg – hier ein Archivbild – musste in diesem Jahr wegen Corona ausfallen.

Wie andere Berufszweige hat die Coronakrise auch das Schaustellergewerbe hart getroffen. Da bis mindestens Ende Oktober in Deutschland keine Großveranstaltungen stattfinden dürfen, fehlen den Besitzern der „fliegenden Unternehmen“ nun schon seit Mitte März die Einnahmen.

Auch Max Wagner, der Veranstalter des Frankenberger Pfingstmarktes, und die Frankenberger Schausteller-Urgesteine Ursula und Jonny van Elkan kämpfen ums geschäftliche Überleben. Die Soforthilfe des Bundes vor einigen Monaten in Höhe von 10 000 Euro habe nur für etwa sechs Wochen gereicht, sagen sie. Jetzt fordern sie Lockerungen der Corona-Beschränkungen.

„Das ist eine ganz schwere Zeit. Wenn nicht etwas passiert, ist die Schausteller-Branche dem Ende nah“, sagt Max Wagner. „Die Freizeitbranche kommt wieder ins Laufen, das Schaustellergewerbe aber nicht. Wir wollen genauso behandelt werden wie beispielsweise die Freizeitparks“, formuliert er seinen Unmut.

„Während die Fußgängerzonen voll sind und sogar Freizeitparks öffnen dürfen, traut man uns Schaustellern keine Hygienekonzepte zu. Dieses Berufsverbot macht uns wütend“, sagt auch Dennis Ruppert, der an diesem Wochenende als Schausteller beim Wildunger Viehmarkt eigentlich sein „Frisbee“ aufgebaut hätte. Doch das Fahrgeschäft steht seit Monaten zusammengeklappt auf dem Hof des Familienunternehmens.

Mit den frühen Absagen von Münchener Wiesn und Cannstatter Wasen hätten Bayern und Baden-Württemberg deutschlandweit auch kleineren Volksfesten im Sommer 2020 den Weg verstellt, ist Seniorchef Konni Ruppert überzeugt: „Eine Lockerung für kleinere Feste war politisch nicht mehr durchsetzbar.“ Doch seien Massenveranstaltungen in Festzelten nicht mit einem Ereignis wie dem Wildunger Viehmarkt vergleichbar, findet Sohn Dennis.

Nach einem Aufsehen erregenden Protestzug der Schausteller-Branche Anfang Juli durch Berlin wollen die nordhessischen Schausteller nun beweisen, dass Volksfeste unter Corona-Bedingungen möglich sind: Ab 21. August planen sie auf dem Festgelände am großen Kreisel in Kassel für sechs bis zehn Wochen einen „temporären Freizeitpark“. „Die Gespräche mit der Stadt Kassel laufen. Wir haben ein Hygienekonzept erstellt“, sagt Konni Ruppert, der seit Jahren Vorsitzender des Schaustellerverbandes Kassel/Göttingen ist.

„Wir fordern keine Almosen“

Die Schausteller-Familien Wagner und van Elkan sind wie ihre Berufskollegen schon seit Mitte März zum Nichtstun verdammt. Wegen der Corona-Pandemie und der Absage von Volksfesten und anderen Veranstaltungen stehen ihre Geschäfte still.

Max Wagner kann und will sich mit der aktuellen Situation allerdings nicht abfinden. Unter dem Motto „Das Karussell muss sich weiterdrehen“ nahm er Anfang Juli mit seiner Frau Annabell an einer rollenden Schaustellergroßkundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin teil. Max Wagner ist der 2. Vorsitzende des Schaustellerverbandes Mittelhessen mit Sitz in Gießen.

Max Wagner, Organisator des Frankenberger Pfingstmarktes.

1600 Schaustellerfahrzeuge fuhren bei dieser Großdemo auf, mit Schildern, Bannern und Stimme machten sie die Politiker auf ihre Nöte aufmerksam. „Wir wollen keine Almosen, wir fordern nur, dass wir wieder arbeiten dürfen wie die anderen“, hieß es bei der acht Kilometer langen Demo, zu der der Deutsche Schaustellerbund aufgerufen hatte. Wenn die Kinder wieder gemeinsam im Planschbecken sitzen dürften, müsse es möglich sein, dass auch wieder Volksfeste stattfinden. Die Menschen an den Straßenrändern erklärten sich mit den Schaustellern schnell solidarisch: „Wir vermissen euch“, hieß es aus der Bevölkerung.

„Die Schausteller-Branche hat eine 1200-Jahre alte Tradition. Die Volksfeste dürfen nicht sterben“, sagt Max Wagner, der 2012 die Organisation des Frankenberger Volksfestes von seiner Großmutter Brunhilde Wagner übernommen hatte. In diesem Jahr hätte sein Unternehmen „60 Jahre Frankenberger Pfingstmarkt“ feiern können, doch das größte Volksfest im Altkreis Frankenberg musste wegen Corona ausfallen.

Quasi ein Berufsverbot für Schausteller

Das öffentliche Leben wegen Corona runterzufahren, sei vollkommen verständlich gewesen, sagt der 36-Jährige, „aber dass jetzt alles wieder aufmachen darf, nur wir nicht, das ärgert uns sehr“, bringt Wagner seine Enttäuschung und seinen Frust auf einen Nenner. Feiern und Gottesdienste könnten wieder stattfinden – „und wir bekommen nicht einmal die Gelegenheit, uns zu präsentieren“. Das entspreche quasi einem Berufsverbot für Schausteller. „Das verstehen wir nicht.“ Aktuell stünden wegen der Pandemie sogar schon die Karnevalsveranstaltungen 2021 zur Diskussion: „Das macht uns Angst“, so Max Wagner.

Zusammen mit der Stadt Frankenberg werde er aber dafür kämpfen, dass der Pfingstmarkt 2021 wieder stattfinden kann. „Das Frankenberger Volksfest hat für uns oberste Priorität“, sagt Wagner. Dabei ist sich der Pfingstmarkt-Organisator sicher, auch die entsprechenden Hygienekonzepte umsetzen zu können, um für die Menschen wieder für Vergnügen sorgen zu können. „Es gibt ein Grundkonzept, das wir auf jedes Volksfest anpassen können“, erklärt Wagner. Und außerdem fänden die Volksfeste ja immer im Freien statt, wo die Ansteckungsgefahr nicht so hoch sei wie in geschlossenen Räumen.

Sorge um die Weihnachtsmärkte

„Wir stehen still, wir dürfen nicht raus. Aber wir kämpfen weiter, wir sind ein Familienunternehmen“, erklärt die 73-jährige Ursula van Elkan. Schon 1898 drehte sich in der Schausteller-Dynastie das erste Karussell, Jonny und Ursula van Elkan betreiben das Unternehmen nun schon in der dritten Generation.

Auch die van Elkans haben vom Bund eine Corona-Soforthilfe in Höhe von 10 000 Euro bekommen, das Geld reiche aber nicht einmal für die laufenden Kosten wie Versicherungen, Gewerkschaft und Steuern.

„Die ganzen Saisoneinnahmen sind weggefallen“, klagt Ursula van Elkan: „Wir sind froh, dass wir Rente bekommen.“ Schon seit 48 Jahren ist sie mit Ehemann Jonny verheiratet, seit 48 Jahren gehört sie zu den fahrenden Schaustellern. Ihr Schaustellerfuhrpark ist derzeit in einer Halle in Burgwald untergebracht.

Der nahen Zukunft traut Ursula van Elkan nicht über den Weg: „Ich gehe davon aus, dass es auch keine Weihnachtsmärkte geben wird“, befürchtet die 73-Jährige. Auch sie hofft auf weitere finanzielle staatliche Hilfen: „Die brauchen wir, um überleben zu können.“

„Wir brauchen die Weihnachtsmärkte“

Zweimal verlängerte Deutschland das Verbot für Großveranstaltungen auf nun 31. Oktober. „Das darf auf keinen Fall länger andauern. Wir brauchen unbedingt die Weihnachtsmärkte, die inzwischen einen großen Schwerpunkt unserer Branche bilden. Wir passen uns an die Hygieneregeln an“, sagt Dennis Ruppert. Im dritten Jahr plant er für Wildungen eine mobile Eisbahn, sein Bruder Sebastian betreibt die Eisrutsche in der Kasseler Treppenstraße über die Adventszeit.

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