Komplikationen nach Operation

Behandlungsfehler: Witwe verklagt Stadtkrankenhaus Korbach

Nachdem ihr Mann offenbar durch Komplikationen nach einer Operation gestorben ist, hat eine Witwe das Stadtkrankenhaus Korbach wegen eines Behandlungsfehlers verklagt.

Im Zivilprozess am Landgericht Kassel sprach ein Gutachter von einer „grob fehlerhaften Operation".

Das ist passiert: Im August 2009 hatte ein Chirurg des Korbacher Stadtkrankenhauses dem unheilbar an Krebs erkrankten Mann einen sogenannten Port unter die Haut eingepflanzt: eine kleine Kammer mit einem Katheter, einem drei bis vier Millimeter dünnen Schlauch, der in eine herznahe Vene mündet. Über den Dauerzugang sollte die Chemotherapie verabreicht werden.

Doch bei der Operation kam es offenbar zu folgenreichen Schwierigkeiten. Ein Gutachter rekonstruierte den Vorgang vor Gericht: Beim Einbringen des Ports stieß der Chirurg auf eine anatomische Verengung in der Vene, der dünne Schlauch ließ sich nicht weiter schieben. Mit einem Führungsdraht versuchte der Mediziner, den Port weiter vorzuschieben, doch ohne Erfolg. Der Chirurg entschied, den Port so zu belassen, obwohl er noch nicht an der vorgesehen Position war, um dem Patienten die Chemotherapie trotzdem zu ermöglichen.

Laut Gutachter war das eine „grob fehlerhaft durchgeführte Operation, ein Behandlungsfehler.“ Ebenso sei eine Röntgenaufnahme mit Kontrastmittel nach der OP ausgeblieben: „Die Implantation hätte man so nicht machen dürfen, und dann ist sie noch nicht einmal überprüft worden.“ Über den nicht korrekt liegenden Port hätte schließlich auch keine Chemotherapie gegeben werden dürfen. Dennoch erhielt der Mann in den folgenden Monaten die Medikamente über den Zugang. Mit fatalen Folgen: Laut Gutachter hatte der Chirurg mit dem Führungsdraht den Port-Katheter und die Vene durchlöchert, so dass über Monate jeweils wenige Milliliter der Zytostatika ins Gewebe eindrangen. Für den Gutachter war die Sachlage klar - trotz „dürftiger Dokumentation“ des Stadtkrankenhauses, die er und der Richter bemängelten: „Es gibt viele Dinge, die man nicht erklären kann, aber das hier kann man relativ leicht erklären.“

Die fehlgeleitete Chemotherapie zeigte zeitverzögert Wirkung: Erst sei es zu Rötungen am Hals gekommen, dann zu einer deutlich sichtbaren Hautveränderung, berichtete die Witwe: „Wie ein pechschwarzes Ei am Hals.“ Der Gesundheitszustand des Mannes verschlechterte sich zusehends. Doch erst im Januar 2010 stellten Ärzte einen schweren Infekt am Portzugang fest, unter anderem auch mit multiresistenten Keimen (MRSA). Der Port wurde daraufhin entfernt. Im Dezember 2010 starb der Mann mit 70 Jahren. Ohne den Behandlungsfehler hätte der Mann noch eine Lebenserwartung bis etwa 2018 gehabt, berief sich der Anwalt der Witwe auf eine Aussage einer Flensburger Klinik. Zweifel daran äußerte der Richter: „Sicherlich wäre der Mann nicht im Dezember 2010 gestorben, doch was über diesen Zeitraum gewesen wäre, ist spekulativ.“

In dem Zivilprozess einigten sich beide Parteien zunächst auf einen Widerrufsvergleich: Die Klinik zahlt der Witwe 40.000 Euro - wenn nicht innerhalb einer Frist eine der beiden Parteien den Vergleich widerruft. Geschieht letzteres, so läuft das Verfahren weiter, als hätte es nie einen Vergleich gegeben. Umgekehrt wird der Vergleich erst verbindlich, wenn kein Widerruf erfolgt. (lb)

Rubriklistenbild: © dpa

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