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Flucht vor Ukraine-Krieg: Vertriebene von damals sehen Parallelen und Unterschiede

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Blicken in diesen Zeiten ganz intensiv an ihre eigene Flucht zurück: Edeltraud König, Wolfgang und Gisela Littmann (von links). Die drei sind Freunde und teilen viele gemeinsame Erinnerungen.
Blicken in diesen Zeiten ganz intensiv an ihre eigene Flucht zurück: Edeltraud König, Wolfgang und Gisela Littmann (von links). Die drei sind Freunde und teilen viele gemeinsame Erinnerungen. © Barbara Liese

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs fliehen Menschen aus der Ukraine. UNO-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi sagte, dass es sich hierbei um die „am schnellsten anschwellende Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“ handele. Die, die damals vertrieben wurden, fühlen mit.

„Wenn ich heute die Bilder der Frauen und Kinder sehe, die vor dem Krieg in der Ukraine fliehen, dann denke ich an meine Mutter, die mit mir und meiner Schwester unser Zuhause in Mühlenbach, heute Mlynica in der Slowakei, Hals über Kopf verlassen musste“, erzählt Edeltraud König, die der Zufall 1946 nach Nieder- Waroldern verschlagen hatte. „Der Hass gegen die Deutschen begann in unseren Regionen ja schon innerhalb des Landes kurz vor Kriegsende. Wir wurden beschimpft, bedroht und waren Freiwild. Unsere Mutter verbot uns deshalb, Deutsch zu sprechen. Wenn uns jemand erschlagen hätte, hätte das niemanden gekümmert.“

Auch für Gisela und Wolfgang Littmann sind es die Bilder der ukrainischen Frauen, die tiefe Gefühle wieder an die Oberfläche bringen. Die beiden kamen von Parchwitz, heute Prochowice in Polen, zunächst nach Warburg und bauten sich nach dem Zweiten Weltkrieg von dort aus in Bad Arolsen eine neue Existenz auf.

„Dieser Moment, wenn es klingelt und man hat noch zwei Stunden Zeit, um eine Tasche mit höchstens zehn Kilo zu packen, um sein altes Leben für immer zu verlassen – das vergisst man nicht. Wenn wir die Frauen heute mit ihren Taschen sehen, fragen wir uns immer was sie wohl eingepackt haben, um diese Zeit zu überstehen“, erzählen sie.

Tatsächlich begannen überall in den ehemaligen Ostgebieten schon vor der Potsdamer Konferenz Vertreibungen. Wie so oft in Kriegszeiten entschieden Glück und Zufall über die nächsten Monate. Edeltraud König lebte mit ihrer Schwester und Mutter 15 Monate in verschiedenen Internierungslagern. Gisela und Wolfgang Littmann und ihre Familien wurden nach Tannenberg, heute Stebark in Polen, gebracht. Dort fanden sie alle für ein Jahr Unterkunft in einem Zimmer und die Männer Arbeit in einer Mühle. Brot war ihr Luxusgut und die Garantie nicht zu verhungern.

Alle mussten im Sommer 1946 mit unterschiedlichen Zügen in Viehwagons den Weg nach Westen antreten. Es waren die gleichen Waggons, die einige Jahre vorher Millionen Menschen in den Tod gefahren hatten. Es war dunkel, die Luft stickig und nur in der Nacht, wenn die Züge auf der Strecke Halt machten, konnte man den Waggon kurz verlassen.

Der Zug, in dem die Littmanns acht Tage lang einer ungewissen Zukunft entgegenfuhren, brachte sie zunächst in das Hauptdurchgangslager Dössel bei Warburg. „Wir waren da nur kurz“, erinnert sich Wolfgang Littmann „aber schon die Entlausung bei der Ankunft war schrecklich. Abends habe ich dann neben meinem Strohlager mit einer Schere die Wanzen aus den Fugen gekratzt.“

Einige Tage später wurden die Familien in Warburg und Umgebung verteilt. Wichtig war es allen, so weit wie möglich mit Familien und Freunden zusammenzubleiben. Nicht überall waren sie willkommen und mussten sich den strengen Regeln ihrer unfreiwilligen Gastgeber beugen. Vorurteile und Ablehnung gehörten zum Alltag.

Foto aus der Zeit der Vertreibung: Giesela Littmann mit ihrer Mutter Lotte.
Foto aus der Zeit der Vertreibung: Giesela Littmann mit ihrer Mutter Lotte. © Repro: Barbara Liese

„Wir wohnten schließlich bei einer Dame im Haus, die uns offensichtlich nicht mochte und vor allem Angst um ihr Klavier hatte“, berichtet Gisela Littmann. „Das Gefühl, nicht gewollt zu sein, habe ich auch als Kind ganz deutlich gespürt. Mein Onkel hat sich trotzdem einfach hingesetzt und gespielt. Man sah, wie sie ruhiger und freundlicher wurde. Später hat sie mich sogar mit in den Garten genommen und ich durfte dort spielen.“

Der Zug mit Edeltraud König, ihrer Mutter und Schwester brachte sie, nach einer Zwischenstation in Korbach, nach Mengeringhausen. Der Empfang dort war überwältigend. Mit gedeckten Tischen und Blumenschmuck empfingen die Mengeringhäuser die neuen Bürger in der Stadthalle. „Das habe ich den Menschen nie vergessen“, sagt Edeltraud König. „In der Stadthalle hatten wir unser Strohlager oben rechts hinten. Immer, wenn ich später zu einem Fest in der Stadthalle war, habe ich im Ballkleid dort hingeschaut und gedacht: Lieber Gott, es ging mir schon schlechter.“

Kinder in Kriegszeiten: Edeltraud König und ihre Schwester Elfriede.
Kinder in Kriegszeiten: Edeltraud König und ihre Schwester Elfriede. © Repro: Barbara Liese

In den folgenden Tagen wurden die Menschen auf verschiedene Dörfer verteilt. So kam Edeltraut König mit ihrer Familie nach Nieder-Waroldern. Sie wurden bei Emmi Schieferdecker, der Nichte des Bürgermeisters, untergebracht. Ein Glücksfall für alle.

„Wir gehörten von Anfang an dazu. Hatten sogar zwei Zimmer. Das war für uns der Himmel auf Erden. Emmi hat uns immer umsorgt, auch später noch bis zu ihrem Lebensende. Heute, in der fünften Generation, haben wir noch immer Kontakt. Ihre Urenkel sind auch meine Urenkel.“

„Das geht nicht mehr weg“

Familie König und Familie Littmann: Die Geschichte ihres Lebens ist ein Lehrstück über Politik und Gesellschaft, Kriegszeiten sowie bei Vertreibung, Flucht und Wiederaufbau – ein Lehrstück, das die Kinder von damals bis heute prägt. „Das ist in uns und geht nicht mehr weg“, sagen sie.

Parallelen zum Angriffskrieg in der Ukraine sind offensichtlich. Freunde werden zu Feinden. Männer und Väter müssen für den Kampf ihre Familien verlassen, Frauen und Kinder fliehen. Angst, Ungewissheit und Not bestimmen den Alltag.

Vieles ist gleich und doch ist alles anders. Die Flüchtlinge und Vertriebenen von damals hatten keine Wahl. Sie mussten ihre Heimat verlassen. Sie sprachen die Sprache der westlichen Deutschen. Ob protestantisch oder katholisch: sie hatten einen Gott und trugen gemeinsam das Schicksal eines verlorenen Krieges. Deutschland war zerstört und zerschlagen, acht Millionen Menschen waren obdachlos – sie froren, hungerten und wurden von den Alliierten regiert.

Die Flüchtlinge von heute erleben ein Deutschland im Wohlstand, dass sie umsorgt, ihnen hilft. Die Spendenbereitschaft ist überwältigend. Die politische Unterstützung ist groß. „Man kann das nicht vergleichen“, sind sich Familie Littmann und König einig „Wir haben durch Zwang unsere Heimat für immer verloren und alles andere auch. Eine Chance zur Rückkehr hatten wir nie. Wir standen vor dem Nichts und kamen in ein Deutschland, das selbst ums Überleben kämpfte. Der gemeinsame Wille zum Wiederaufbau hat uns zusammengebracht“, sagt Wolfgang Littmann.

Krieg und Flucht bedeuten laut Edeltraud König immer Trennung, Abschied, Trauer und Schmerz. „Wir wissen, wie sich das anfühlt und helfen, wo wir können. Aber wenn Politiker sich nicht einig werden, was sollen wir tun? Wir beten jeden Tag für uns alle, dass die Verantwortlichen und die Nato Verantwortung übernehmen und nichts Unüberlegtes tun“, sagt sie.

Hintergrund: Vertriebene und Flüchtlinge

Mit dem Bundesvertriebenengesetz von 1953 wurde eine einheitliche Begriffsbestimmung eingeführt. Im Gesetz wird zwischen Vertriebenen einschließlich der Aussiedler, Heimatvertriebenen und Sowjetzonen-Flüchtlinge unterschieden. So ist ein Vertriebener, wer als deutscher Staats- und Volkszugehöriger seinen Wohnsitz in den Ostgebieten des Deutschen Reiches oder außerhalb der Grenzen in dessen Gebietsstand vom 31. Dezember 1937 hatte und diesen durch Flucht, Vertreibung und Ausweisung verloren hat. Ein Heimatvertriebener ist laut Gesetz ein Vertriebener, der am 31. Dezember 1937 oder bereits einmal vorher seinen Wohnsitz im Gebiet desjenigen Staates hatte, aus dem er vertrieben worden ist. Sowjetzonenflüchtling bezieht sich auf Personen aus der Sowjetischen Besatzungszone, die in die Bundesrepublik geflüchtet sind.

Heute definiert Artikel1 der Genfer Flüchtlingskonvention einen Flüchtling „als Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz hat, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann“. bl

Von Barbara Liese

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