Aktivisten besetzen Baustelle der A 49 bei Neuental

Demo auf A49: Rund 300 Radfahrer protestieren - Polizei verhaftet mehrere Aktivisten im Wald

Sie haben die Baustelle an der A 49 bei Neuental besetzt: Die Polizei zeigt am Zeltlager Präsenz. Die Polizei wird das Lager auflösen, wenn die Bauarbeiten fortgesetzt werden, so Christian Stahl, Sprecher der Polizei.
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Sie haben die Baustelle an der A 49 bei Neuental besetzt: Präsenz zeigt die Polizei, die das Lager gegebenenfalls auflösen wird, wenn die Bauarbeiten fortgesetzt werden, so Christian Stahl, Sprecher der Polizei.

Wieder haben am Samstag hunderte Radfahrer gegen den Weiterbau der A49 demonstriert. Die Autobahn war zeitweilig gesperrt. Die Polizei nahm zahlreiche Aktivisten im Wald fest.

Der Ausbau der A 49 erhitzt die Gemüter. Aktivisten besetzen seit Samstag die Baustelle der Autobahn bei Neuental. Weitere lehnten sich gegen die Rodungsarbeiten im Herrenwald bei Stadtallendorf auf. Zudem demonstrierten rund 300 Fahrradfahrer am Samstag erneut gegen den Lückenschluss. Indes machen auch A-49-Befürworter, unter ihnen Bürgermeister und Anwohner aus dem Schwalm-Eder-Kreis, mobil.

An der Anschlussstelle bei Neuental haben am Samstag wenige Demonstranten ein Zeltlager aufgeschlagen. Sie wollen damit die Bauarbeiten an der Anschlussstelle erschweren, erklären die Protestler gegenüber der HNA. Im Herrenwald mussten einen Tag zuvor 19 Personen, die sich unter anderem in Baumhäusern und in Seilen aufgehalten hatten, durch ausgebildete Kräfte sicher auf dem Boden begleitet werden. Weitestgehend sei der Einsatz friedlich verlaufen, bis am Freitagnachmittag eine größere Gruppe versuchte, in den Sicherheitsbereich des Waldes zu gelangen, bestätigt Sprecher Christian Stahl auf HNA-Anfrage. „Dabei mussten die Einsatzkräfte Schlagstöcke verwenden.“ Ohne Zwischenfälle blieb die Raddemo zwischen Gudensberg und Borken auf der A 49. Von Tausenden Teilnehmern konnte auch diesmal nicht die Rede sein. In Kassel schwangen sich etwa 100 Teilnehmer auf den Sattel, Später waren es rund 300.

Die Aktivisten auf der Baustelle der A 49 bei Neuental-Bischhausen wollen die Arbeiten stoppen. Das Foto zeigt einen der Aktivisten in einem Seil hängend. Er nennt sich Timo Schotter.

Kein Verständnis für den Protest gegen den A 49-Ausbau haben neben Anwohnern der viel befahrenen B 3 auch einige Bürgermeister. Neuentals Rathauschef Dr. Philipp Rottwilm beispielsweise sieht im Lückenschluss eine Aufwertung Neuentals und der umliegenden ländlichen Region. „Wir brauchen mehr Investitionen in gute Straßen, Bahnhöfe, ÖPNV, Glasfaser und 5G – dazu gehört auch der Lückenschluss der A 49“, erklärt Rottwilm. „Gewerbegebiete an den Autobahnen wie in Neuental, sind erforderlich, um Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen.“ Deshalb könne von einer fehlenden Wirtschaftlichkeit beim Autobahnausbau nicht die Rede sein, wie A 49-Gegner gerne argumentieren, so Rottwilm.

Bereits am Tag vor der Raddemo hatten sich stellvertretend einige Rathauschefs und Bürger in Kerstenhausen zu Wort gemeldet. Dr. Philipp Rottwilm Ernst Wilhelm, Heiko Manz, Rainer Barth, Norbert Heller und Marcel Pritsch kämpfen für den Ausbau. „Der wurde beschlossen. Die Bürger haben ein Anrecht darauf, dass die Autobahn kommt“, sagt Manz. Der Lärm an der B 3 durch Tausende vorbeifahrende Fahrzeuge sei nicht zumutbar, so Heller (Bürgerinitiative Pro A 49). „Wir stehen geschlossen hinter dem Weiterbau.“

A 49: 20 Festnahmen und 29 Platzverweise im Wald 

Etwa 80 Teilnehmer hatten sich laut Polizei am Freitagnachmittag zu einer Mahnwache am Herrenwald versammelt. „Danach versuchte eine größere Personengruppe in den Sicherheitsbereich zu gelangen, was durch den Einsatz unmittelbaren Zwangs verhindert werden konnte“, heißt es. Insgesamt gab es 20 Festnahmen. 29 Personen bekamen zudem einen Platzverweis, darunter 21 die einen Harvester am Einfahren in den Sicherheitsbereich hindern wollten. (Daria Neu und Linett Hanert)

„Schlag ins Gesicht“: Kampf für den Ausbau dauerte Jahrzehnte - A 49-Befürworter melden sich zu Wort

Die Bürgermeister der Modellregion Schwalm-Eder-West sowie zahlreiche Anwohner der B 3, die bereits seit Jahrzehnten für den Ausbau der A 49 kämpfen, kritisieren den Protest gegen den Lückenschluss scharf. Sie betonen geschlossen: Dieser Kampf richte sich nicht gegen die Klimafreundlichkeit, sondern sei wichtig für die Lebensqualität derjenigen, die sich tagein, tagaus größter Lärmbelastung an der befahrenen Bundesstraße aussetzen müssen.

Die Anwohner der B sind für den Ausbau der A 49

„Der Protest gegen den Autobahnausbau ist ein Schlag ins Gesicht für uns“, sagt Norbert Heller aus Kerstenhausen. Er gehört zur Bürgerinitiative Pro A 49. Über 30 Jahre hätten er und seine Leute für den Lückenschluss gekämpft. Verkehrszählungen hätten die dramatische Lage an der Bundesstraße unterstrichen. Für die Demonstrationen habe er daher keinerlei Verständnis.

Sonja Anding, die in Jesberg direkt an der B3 wohnt

„Der Verkehr nimmt immer mehr zu, besonders auch durch Corona“, so Sonja Anding, die in Jesberg direkt an der B3 wohnt. An manchen Tagen müsse sie zehn Minuten warten, um die Straße überqueren zu können. der So viele Wohnmobile wie in diesem Jahr habe sie noch nie passieren sehen. Ohne Dreifachverglasung der Fenster sei der Lärm nicht auszuhalten.

Die Bürgermeister stehen geschlossen hinter de Ausbau der A 49

Neuentals Bürgermeister Dr. Philipp Rottwilm befürwortet den Ausbau. „Durch den Anschluss an die A 49 werden die Einwohner an den derzeitigen Zubringern, wie in den Ortsteilen Schlierbach, Bischhausen und Gilsa endlich entlastet.“ Der Verkehr, der mitten durch diese Orte rollt, sei seit Jahrzehnten für Anwohner eine enorme Belastung.

Die große Mehrheit der Region habe sich seit Jahren für den Weiterbau ausgesprochen, so Rottwilm. „So muss es auch in Deutschland möglich sein, Infrastruktur-Großprojekte umzusetzen, wenn diese den demokratischen Prozess durchlaufen haben“, erklärt er. Gemeint ist damit das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes in diesem Jahr.

Hessen Mobil schätzt, dass nach dem Lückenschluss täglich bis zu 38 000 Fahrzeuge auf der A 49 fahren werden. Die bessere Erreichbarkeit von Mittel- und Südhessen würde in Zukunft dazu führen, dass sich die Pendelstrecken reduzieren. So könne der ländliche Raum als attraktiver Lebensraum mit guter Mobilität eine Antwort auf die Wohnungsnot in den Ballungszentren sein, erklärt Rottwilm. Rottwilm sieht im Ausbau eine Steigerung der Lebensqualität in Neuental und der Region. „Das beobachten wir auch schon bei der steigenden Nachfrage nach gewerblichen und privaten Bauland.“

Ähnlich sieht es auch Jesbergs Bürgermeister Heiko Manz zu. „Alle politischen Gremien waren dafür, die Bürger haben nun ein Anrecht auf den Ausbau. Mit dem Ergebnis müssen jetzt alle leben.“ Die Wohn- und Lebensqualität sei durch den Verkehrslärm enorm eingeschränkt, so Manz. Auch das Rathaus liegt direkt an der Bundesstraße. Geöffnete Fenster? Fehlanzeige. Manz: „Dann kann man hier vor Lärm nicht arbeiten.“

Aus wirtschaftlicher Sicht käme die Autobahn schon 30 Jahre zu spät, doch auch jetzt erhoffe sich Jesberg von der A 49 durch das neue interkommunale Gewerbegebiet bei Bischhausen Arbeitsplätze. Manz sagt: „Ganz ohne Auto kommen wir hier auf dem Land noch nicht aus. Und wenn wir Leute hier halten wollen, brauchen wir Arbeitsplätze.“

Marcel Pritsch, Bürgermeister in Borken, betont, dass jeder natürlich ein Recht auf Demonstrationen habe. „Was derzeit aber im Dannenröder Forst passiert, ist nicht zu akzeptieren.“ Wenn sich Polizisten in Gefahr bringen müssen, habe er dafür kein Verständnis. Zudem sei er der festen Meinung, der Lückenschluss werde die Lebensqualität der anliegenden Kommunen verbessern.

„Wir wollen nicht gegen etwas, sondern vor allem für die Entlastung der Bürger sein“, bestätigt Rainer Barth, Rathauschef in Gilserberg. Es handele sich nicht um eine Entscheidung zwischen der A 49 und der Rettung des Klimas. Dies müsse zwingend differenziert betrachtet werden.

A 49 - Baurecht besteht seit 2021

Für den Ausbau der A 49 besteht Baurecht. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat im Juni über die letzte offene Klage gegen das Baurecht entschieden. Rechtlich ist der Kampf gegen das Baurecht für die Autobahn 49, das seit immerhin 2012 besteht, damit beendet. Der BUND hatte gegen den Weiterbau der A 49 geklagt und war gescheitert. Das Bundesverwaltungsgericht die Klage des BUND Hessen ab. Der wollte erreichen, dass der Planfeststellungsbeschluss so lange außer Vollzug gesetzt wird, bis ein ergänzendes Verfahren zur Trinkwasserversorgung in Hessen durchgeführt ist und so womöglich eine große Projektverzögerung der A 49 zu erreichen.

Zwischenzeitlich ausgedünnt: Nur zu Spitzenzeiten waren rund 300 Radfahrer auf der Autobahn unterwegs.

Protest auf der A 49: Radfahrer und Aktivisten machen sich gegen den Ausbau stark

„Diese Politik geht an den Menschen vorbei – der Verkehr wird explodieren und die Belastung der Anlieger in der Schwalm durch Lärm wird deutlich steigen“, ist Günther Schumann überzeugt. Der Edermünder ist einer von rund 300 Teilnehmern, die sich am Samstag zur zweiten Fahrrad-Demonstration in Gudensberg treffen. Erneut demonstrierten weniger als von den Umweltaktivisten erwartet – unter den Radfahrern sind junge Erwachsene, Familien mit Kindern, Rentner. Sie alle wollen ein Zeichen setzen, dass sie den Lückenschluss der Autobahn bis Gießen für Irrsinn halten.

Schumann wohnt in Holzhausen am Hahn, dort geht die Autobahn mitten durch den Ort. Menschenfreundlich sei das nicht, auch in der Schwalm hätte es intelligentere Lösungen ohne Lückenschluss geben können, sagt er. Es ist Feiertag, der 30. Tag der deutschen Einheit, und noch länger als die Wiedervereinigung beschäftigt die Menschen in der Region der Bau der Autobahn. Doch für die Teilnehmer ist das Verkehrskonzept mittlerweile aus der Zeit gefallen. „Wir fühlen uns von der Autobahn und dem steigenden Verkehr massiv bedroht“, so Oliver Steyer aus Haldorf.

Sie fuhren von Gudensberg nach Borken über die A  49: Jutta und Günther Schumann aus Holzhausen/Hahn sind gegen den Ausbau der Autobahn. 2

Günther und Jutta Schumann radeln gemeinsam mit den Umweltaktivisten rund um ihren Sprecher Simon Volkers voran. Bereits um 9 Uhr sind die meisten von ihnen in Kassel gestartet, viele zuvor aus Gießen und Göttingen mit dem Zug angereist. Knapp vier Stunden ist die Autobahn in Richtung Süden gesperrt. Ab Gudensberg haben die Demonstranten bei schönstem Sonnenschein die Autobahntrasse bis Neuental für sich.

Die Laune ist gut, die Lage ernst: Wegen des Weiterbaus können die Demonstranten diesmal nur bis Borken auf der Autobahn fahren. Ein Großaufgebot an Polizei begleitet die Demonstration. „Warum machen so wenig Leute mit?“, fragt sich einer der Polizisten. Auf dem Weg bis Dannenrode, wo am Abend eine Abschlusskundebung geplant ist, dünnt sich die Menge immer mehr aus, die ersten Familien mit Kindern fahren bereits in Fritzlar ab.

Auch Jutta und Günther Schumann sind nicht mehr dabei, als die Umweltaktivisten eskortiert von der Polizei über Kerstenhausen, Niederurff und Bischhausen über Schlierbach bis Treysa und Dannenrode weiter fahren.

Wollen die Bauarbeiten an der A 49 stoppen: Die Aktivisten nennen sich Lotta, Conti und Cuca.

Eine überraschende Aktion der Gegner folgt dann am Samstagnachmittag: Am Ende der A 49 haben Aktivisten ein Zeltlager aufgeschlagen. Mit Barrikaden wollen sie den Zugang zu ihrem Lager erschweren. Plakate und Banner drücken ihren Unmut über den Weiterbau der A 49 aus. Wie viele Aktivisten insgesamt Teil der Besetzung sind, bleibt unklar.

„Wir bekommen noch Unterstützung aus dem Wald“, sagt Timo Schotter, wie er sich selbst nennt, gegenüber der HNA. Er ist zu diesem Zeitpunkt einer von vier Protestlern auf der Baustelle. Die Gruppe um Timo, Cuca, Conti und Lotta will so lange auf der Baustelle bleiben, „bis wir hier weggetragen werden.“ Sie seien auch bereit, sich an Seile zu hängen, um den Einsatzkräften das Auflösen der Protestaktion so schwer wie möglich zu machen. „Solche Aktionen wie die Baustellenbesetzung hier, das Herabseilen an der A 5 oder das Besetzen der Hessischen Landesverwaltung in Berlin sollen weitere Beschlüsse über Straßen- und Autobahnbauten erschweren“, sagt Cuca, die nach eigenen Angaben schon im Hambacher Forst aktiv war. Wenn die Bauarbeiten am Montagmorgen weitergingen, werden sie bereit sein, so die Gruppe.

Aktivisten haben Barrikaden auf der Baustelle der A 49 bei Neuental-Bischhausen aufgestellt.

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