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„Der Wald insgesamt schwächelt“: Jana Ballenthien von „Robin Wood“ über den Zustand des Walds

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Von: Christina Zapf

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Wie hier im Wald bei Bad Zwesten gibt es auch in anderen Gebieten große Schäden an den Bäumen – insbesondere an Fichten.
Wie hier im Wald bei Bad Zwesten gibt es auch in anderen Gebieten große Schäden an den Bäumen – insbesondere an Fichten. © Christina Zapf

In Bad Zwesten findet am Freitag die Fachtagung „Waldzukunft/Zukunftswald – Welche Zukunft hat unser Wald? statt.

Bad Zwesten – Experten aus ganz Deutschland diskutieren am Freitag in Bad Zwesten über die Zukunft der heimischen Wälder. Martin Häusling (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Europäischen Parlaments, hat sie zu der Fachtagung „Waldzukunft/Zukunftswald – Welche Zukunft hat unser Wald?“ eingeladen. Es gibt noch genug freie Plätze. Teil der Experten-Runde ist Jana Ballenthien, Fachreferentin Wald bei der Naturschutzorganisation „Robin Wood“ mit Sitz in Hamburg. Wir haben vorab mit ihr über den Wald, seine Aufgaben, seinen Zustand und seine Zukunft gesprochen.

Frau Ballenthien, ist der Wald noch zu retten? Wir sind an einem zuvor noch nicht erreichten Punkt angelangt. Der Wald insgesamt schwächelt. Aber noch würde ich sagen: ja. Satellitenbilder zeigen jedoch das Ausmaß der vorhandenen Schäden: Allein 500 000 Hektar Wald sind seit 2018 durch die Dürresommer weggetrocknet. Von unten ist auch die kontinuierlich zunehmende Kronenverlichtung sichtbar, die jährlich erhoben wird und zeigt, wie schlecht es den Bäumen geht. Der Zustand ist heute schlechter als in den 80er-Jahren, als der Begriff des Waldsterbens in aller Munde war. Man darf den Wald deshalb eigentlich nur noch achtsam nutzen, um seine Zukunft zu gewährleisten.

Das ist jedoch vielerorts nicht der Fall. Der Wald bewegt sich in einem Spannungsfeld aus funktionierendem Ökosystem mit Zukunft und Ressourcenlieferant. Aktuell gibt es Überlegungen, den Bausektor vorwiegend auf Holz umzustellen. „Robin Wood“ hat nichts gegen ein einzelnes Holzhaus, aber: Wo soll das Holz für eine ganze Branche herkommen? Die Wälder können das nicht leisten. Die Energiekrise hat bereits zu einem Boom bei Brennholz geführt – nicht nur im privaten Sektor. Es gibt auch die Idee, Kohlekraftwerke auf Holz umzurüsten. In einigen EU-Ländern wie Dänemark oder der Niederlande ist das schon der Fall. Eine solche Entwicklung auch in Deutschland wäre fatal. Sie würde einen unsäglichen Ausverkauf der Wälder darstellen.

Was muss sich verändern, damit es dem Wald besser geht? Momentan sind wir noch an dem Punkt: Der Waldeigentümer verkauft sein Holz und sichert damit sein Einkommen. Davon müssen wir wegkommen. Es muss monetarisiert werden, wenn der Wald schonend und achtsam behandelt wird, um seine Funktion als Ökosystem zu erhalten. Wir müssen uns nicht nur fragen „Ist der Wald noch zu retten?“, sondern auch „Ist das Klima noch zu retten?“.

Es gibt also einen nicht zu unterschätzenden Zusammenhang? Wir müssen den Wald als CO2-Senke schützen und erhalten. Ein gesunder Wald ist ein Klimaschützer auf vielen Ebenen: Er filtert Wasser, speichert Wasser und CO2. Außerdem kühlt er die Umgebung und produziert Sauerstoff. Es ist nicht zu verleugnen: Das Ökosystem Wald beeinflusst das Wetter und damit auch das Klima. Ein intakter Wald mindert Klimaextreme. Und: Wald und Klima haben Auswirkungen auf die Artenvielfalt. Da kommt noch eine Welle auf uns zu, die wir nicht im Blick haben, denn das momentane rasante Artensterben ist genauso tödlich für uns wie der Klimawandel.

Wie viel Zeit haben wir noch, um den Wald zu retten? Naja, es ist rein theoretisch möglich, auch in Steppen neue Wälder anzupflanzen. Und der vorhandene Wald ist zumindest noch so weit intakt, dass wir ihn noch retten können – auch unter den Vorzeichen der nächsten Dürrejahre. Deren aktuelle Häufung ist ein großes Problem.

Wie sieht aus Ihrer Sicht der Zukunftswald aus? Derzeit haben wir einen übernutzten Wald. Viele denken aber, wenn wir jetzt anfangen, nachhaltig zu wirtschaften, dann wird es schon klappen. Problem: Diese Rechnung geht nicht auf. Ein Grund sind die derzeitigen Bedingungen, mit denen die Bäume kämpfen. Die Trockenheit sorgt dafür, dass neu gepflanzte Setzlinge schon im Folgejahr vertrocknet sind. Damit junge Bäume eine Chance haben, sollte man mehr Totholz im Wald belassen, insbesondere auf Schadholzflächen. Die abgestorbenen Bäume spenden Schatten für Setzlinge und schützen diese auch vor Verbiss durch Wild. Und wichtig ist jetzt nicht noch schnell die Sahnestückchen aus dem Wald rauszuholen, denn dann fehlt der Schatten der großen Bäume. Damit schlägt man den Wald heiß, da dessen kühlendes Binnenklima zerstört wird. Und: Beim Zukunftswald sollte man die Finger von fremden Baumarten wie der Douglasie oder der Küstentanne lassen. Diese wachsen zwar schneller, haben aber Auswirkungen auf das hiesige Ökosystem, das sie nicht daran angepasst sind. Sie mindern sogar die vorhandene Artenvielfalt.

Wie kann man Wälder vor Schäden durch Wild schützen? Die Entwicklung der Landschaft hat zu dem hohen Wildbestand geführt und natürliche Feinde, die die Wildbestände regulieren, gibt es nicht mehr. Auch wenn es keine zufriedenstellende Problemlösung ist, sollte man versuchen, die Bäume vor Wildverbiss und Schälschäden zu schützen. Zäune sind hierbei schlecht, weil sie die Landschaft zerschneiden und wartungsintensiv sind. Wir sind aber auch gegen Plastikhüllen um Baumstämme. Man muss erfindungsreicher sein. Beispielsweise gibt es inzwischen Rhododendronhüllen, die mit der Zeit verrotten und keinen Müll hinterlassen. Zum Thema Jagd hat „Robin Wood“ keine einheitliche Meinung.

Sie sind Fachreferentin Wald: Was sind Ihre Aufgaben bei „Robin Wood“? Mit unseren Aktiven gemeinsam entwickele ich Kampagnen zum Erhalt und Schutz bestehender Wälder in Europa, den Karpaten und Skandinavien. In internationalen Bündnissen setzen wir uns für mehr Waldnaturschutz in der EU ein. Dazu gehören auch spektakuläre öffentlichkeitswirksame Aktionen mit Bannern oder anderen kreativen Requisiten.

Die Fachtagung findet in Bad Zwesten statt. Was wissen Sie über den hiesigen Wald? Ein Teil der Buchenwälder im Nationalpark Kellerwald-Edersee gehört zum Unesco-Weltnaturerbe. Die dortigen Hanglagen und die spezielle Witterung zeigen die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Buche. Dort wachsen zum Beispiel spannende Krüppelbuchen. Der Kellerwald ist ein überregional bekanntes Musterbeispiel für die Vielfältigkeit innerhalb heimischer Baumarten. Ich freue mich auf die Exkursion in den Kellerwald am Samstag nach der Fachtagung.

Was erhoffen Sie sich von der Fachtagung? Es ist schön, sich wieder Face-to-Face zu treffen und es tut gut, miteinander und nicht übereinander zu reden. Viele Referenten und Referentinnen aus ganz unterschiedlichen Bereichen mit hoher Expertise kommen zusammen: Nichtregierungsorganisationen, Politik, Forschung und Waldbesitzende. Alle haben einen unterschiedlichen Blickwinkel auf den Wald. Es geht darum, eine Bestandsaufnahme zu machen, über die ökonomische Nutzung des Waldes und über seinen Schutz zu sprechen. Die Waldbesitzenden können ihre durchaus gerechtfertigten ökonomischen Sorgen darstellen und wir ihnen manche Werkzeuge und das Wissen für eine schonendere und naturnahe Bewirtschaftung an die Hand geben. (Christina Zapf)

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