1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fritzlar-Homberg
  4. Bad Zwesten

„Überwiegend Männer betroffen“ – Dr. Christoph Berwanger über Clusterkopfschmerzen

Erstellt:

Von: Christina Zapf

Kommentare

Dr. Christoph Berwanger, Ärztlicher Direktor der Hardtwaldklinik I in Bad Zwesten, Er ist Experte für Clusterkopfschmerzen.
Dr. Christoph Berwanger, Ärztlicher Direktor der Hardtwaldklinik I in Bad Zwesten, Er ist Experte für Clusterkopfschmerzen. © Hardtwaldklinik I

Wir haben mit Dr. Christoph Berwanger über Clusterkopfschmerzen gesprochen.

Bad Zwesten – Die häufigste Form der trigemino-autonomen Kopfschmerzen ist der Clusterkopfschmerz. Die Hardtwaldklinik I widmet sich als Clusterkopfschmerz-Reha-Competence-Center (CCC) der Diagnose und Therapie von Patienten mit dieser Erkrankung. Doch was sind Clusterkopfschmerzen überhaupt? Wer ist davon betroffen? Wie sieht die Therapie aus? Darüber haben wir mit Dr. Christoph Berwanger, Ärztlicher Direktor der Hardtwaldklinik I und Leiter des CCC, gesprochen.

Herr Dr. Berwanger, Clusterkopfschmerzen sind also die häufigste Form der trigemino-autonome Kopfschmerzen. Woran erkennt man sie? Trigemino-autonome Kopfschmerzen heißen so, weil der Gesichtsnerv (Nervus trigeminus) beteiligt ist, es sich also mehr um einen Geschichtsschmerz als einen Kopfschmerz handelt. Und autonom bedeutet, dass Symptome dabei sind, die nicht unserem Willen unterworfen sind. Es kommt zum Augentränen oder zu einer Rötung des Auges.

Bei wem treten Cluster-Kopfschmerzen vorwiegend auf? Clusterkopfschmerzen beginnen oft im dritten Lebensjahrzehnt, es gibt aber auch Kinder, die betroffen sind. Ab einem Alter von 60 bis 65 bessern sich die Schmerzen meistens. Jährlich kommen 50 bis 70 Clusterkopfschmerz-Patienten zu uns in die Hardtwaldklinik I. So selten sind Cluster-Patienten nicht: 100 000 bis 120 000 von ihnen gibt es in Deutschland, fast so viele wie mit Multipler Sklerose. Das Besondere bei Clusterkopfschmerzen: Es sind überwiegend Männer betroffen. Das Verhältnis Männer und Frauen liegt bei fünf zu eins. Bei chronischen Clusterkopfschmerzen ist das Verhältnis sogar 15 zu eins.

Wieso das Ungleichgewicht? Das ist nicht genau bekannt. Vermutlich gibt es einen genetischen Hintergrund. Man weiß nicht, ob das Rauchen damit zu tun hat. Auffällig ist, dass die meisten Cluster-Patienten rauchen. Leider beeinflusst ein Nikotinverzicht die Schmerzen nach unserer Erfahrung nicht wesentlich.

Woher kommt der Name? „Cluster“ heißt Bündel. Auf das Jahr betrachtet, treten die Schmerzen episodisch im Frühjahr und im Herbst gehäuft auf. Oft entwickelt sich daraus ein chronischer Cluster-Kopfschmerz. Diese Patienten haben das ganze Jahr über Attacken und nicht einmal vier Wochen Ruhe.

Wie stark sind die Schmerzen? Die Schmerzintensität wird schlimmer als bei Migräne eingeschätzt. Lokalisiert ist der Schmerz im Bereich der Stirn, oft hinter dem Auge. Viele Patienten sagen, der Schmerz fühle sich so an, als würde ihnen jemand ein glühendes Messer ins Auge stechen. Die Amerikaner sprechen auch von suicide headache (Suizid-Kopfschmerz). Wir wissen aus Befragungen, dass mindestens ein Viertel der Betroffenen sich mit Suizid-Gedanken beschäftigt.

Wie lange dauert eine Attacke? Eine Attacke kann 15 Minuten bis drei Stunden dauern – im Schnitt eine Stunde bis anderthalb Stunden. Betroffene haben bis zehn Attacken pro Tag. Der Beginn liegt meist in der Nacht und in den frühen Morgenstunden. Viele Patienten können die Uhr danach stellen. Deshalb vermutet man, dass gewisse Zentren im Gehirn damit zu tun haben, die für unsere Tagesrhythmik verantwortlich sind. Die starken Schmerzen führen dazu, dass die Betroffenen oft nicht durchschlafen können und dann tagsüber beruflich nur eingeschränkt leistungsfähig sind.

Gibt es sonst noch Folgen? Es gibt seelische Begleiterkrankungen – Betroffene werden nicht selten depressiv. Außerdem steigt die Suchtgefahr: Viele Patienten fangen an zu trinken oder nehmen Cannabis ein. Alles das, um den Schmerz irgendwie zu betäuben.

Welche Therapien helfen? Normale Schmerzmittel wie Ibuprofen wirken bei Clusterkopfschmerzen nicht. Was meistens hilft, ist reiner Sauerstoff, den die Patienten im Sitzen während einer Attacke zehn bis 20 Minuten über eine Maske inhalieren. Damit können sie diese beenden. Was auch hilft, sind Triptane – Medikamente, die eigentlich für Migräne entwickelt wurden. Allerdings sind die Attacken zu kurz, um sie mit Tabletten zu bekämpfen. Bei Clusterkopfschmerz-Patienten wird ein Triptan unter die Haut gespritzt – wie Insulin – und wirkt schnell. Auch in Form von Nasensprays werden Triptane schnell über die Schleimhäute aufgenommen.

Kann man auch prophylaktisch etwas tun? Man kann Medikamente nehmen, in der Hoffnung, dass die Attacken seltener werden. Cortison hat sich als Kurzzeitprophylaxe bewährt. Dadurch gewinnt man Zeit für die eigentliche Prophylaxe: das Herzmedikament Verapamil. Clusterkopfschmerz-Patienten erhalten davon teilweise eine viel höhere Dosis, als sie für Menschen mit Herzerkrankungen zugelassen ist. Deshalb überwachen wir die Patienten klinisch gut und mit regelmäßigen EKGs. Die Dosierung wird langsam gesteigert. Viele Patienten sprechen erfreulicherweise auf Verapamil an. Falls nicht, gibt es weitere medikamentöse Möglichkeiten.

Sind Clusterkopfschmerzen heilbar? Nein, denn bei primären Kopfschmerzen ist die Ursache unbekannt. Fest steht, dass der Eiweißstoff CGRP (Abkürzung für Calcitonin Gene-Related Peptide) eine Rolle bei Migräne spielt. Spezielle Antikörper, die in regelmäßigen Abständen unter die Haut oder in die Vene gespritzt werden, helfen, das CGRP zu blockieren und unwirksam zu machen. Für die Migräneprophylaxe sind sie zugelassen. Erste wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass diese Antikörper bei Clusterkopfschmerz-Patienten eine gute Alternative für die Prophylaxe wären.

Wie entsteht die Diagnose in der Reha? Die Diagnose bei Kopfschmerzen lebt von der Anamnese, anhand der beschriebenen Symptome können wir sie stellen. Wir schauen uns in der Reha die Attacken an und untersuchen die Patienten, um andere Krankheiten auszuschließen, beispielsweise mit Kernspintomografie (MRT). Dann strukturieren wir die medikamentöse Behandlung für die Akut-Phase und die Prophylaxe und schulen die Patienten im Gebrauch.

Wie versuchen Sie, den Patienten noch zu helfen? Wir arbeiten auch mit anderen Verfahren der Neurologie: Entspannung, Ablenkung, Genusstherapie, Sport- und Bewegungstherapie, Akupunktur und Neuraltherapie (Quaddeln). Die meisten Patienten profitieren davon. Eine spezielle Ernährung scheint keine große Rolle zu spielen. Außerdem helfen wir den Patienten, mit Psychotherapie das Scherzerleben zu beeinflussen und die Krankheit zu verarbeiten. Wir sind von der Gruppentherapie überzeugt. Zur Reha gehört die Sozialberatung, denn nach längerer Krankheit bekommen die Patienten kein Krankengeld mehr. Und die Betroffenen befinden sich meist in der beruflich aktiven Zeit, weshalb sich die Frage der Erwerbsfähigkeit stellt, für die sich die Rentenversicherung interessiert. (Christina Zapf)

Auch interessant

Kommentare