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Brasilianische Klänge in Bad Zwesten

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Von: Christina Zapf

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Annette Möhle beherrscht ihre Instrumente und unterrichtet brasilianische Klänge. Von links sind eine Gongue (Glocke aus Metall), eine Shékere (Rassel) und eine Basstrommel zu sehen.
Annette Möhle beherrscht ihre Instrumente und unterrichtet brasilianische Klänge. Von links sind eine Gongue (Glocke aus Metall), eine Shékere (Rassel) und eine Basstrommel zu sehen. © Christina Zapf

Annette Möhle unterrichtet neben Samba auch Musikstile aus dem Nordosten von Brasilien. Sie würde gerne eine Maracatu-Gruppe gründen.

Bad Zwesten – Annette Möhle fühlt den Rhythmus der Musikstile aus Pernambuco in Nordostbrasilien. In der Region, aus der Präsident Lula da Silva stammt, gebe es weit mehr als nur Samba, für den das südamerikanische Land berühmt ist. Seit sie 2001 zwei Monate in der Region verbrachte, ist sie begeistert von den traditionellen Klängen. „Es war faszinierend für mich. Ich habe dort viele neue Musikstile entdeckt.“

In Pernambuco seien viele brasilianische Rhythmen und Tänze zu Hause. Beispielsweise der Musikstil Frevo. In der Stadt Olinda, wo Möhle 2001 unter anderem war, wird er zum Karneval gespielt. Als Teil einer Musikgruppe durfte sie damals beim Umzug mitlaufen. „Frevo ist höllisch schnell, macht aber Spaß“, sagt die 55-Jährige. Der Musikstil wurde 2012 von der Unesco zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit ernannt. Die Klänge werden von Percussion- und Blechblasinstrumenten erzeugt, so Möhle. „Dazu haben alle miteinander getanzt.“

Die 55-Jährige hat damals mit Brasilianern musiziert und auch gelernt, wie sie ihre Basstrommeln aus Holz, Tierhaut und Seilen bauen. Sie kann das Instrument, bei dem die Bespannung hin und wieder erneuert werden muss, reparieren.

Im Nordosten von Brasilien sind viele Musikstile beheimatet

„Pernambuco war einst der Schmelztiegel für afrikanische, indianische und europäische Musik“, sagt Möhle über den brasilianischen Bundesstaat.

Daraus entstanden ist eine Vielzahl an Musikstilen. Einer davon ist der eng mit dem Karneval verknüpfte Maracatu in den Städten Recife und Olinda – im Herzen von Pernambuco. Er geht auf traditionelle afrikanische Musikformen zurück und verbreitete sich über die afrobrasilianischen Sklaven. „Der Maracatu ist fast gestorben, doch dann hat der brasilianische Musiker Chico Science ihn mit Punk und Funk vermischt und er lebte wieder auf.“ Chico Science wurde selbst in Pernambuco geboren. In Erinnerung an ihn sind dort heute beispielsweise Straßen nach ihm benannt. Wenn Möhle über die unterschiedlichen Musikstile spricht, gerät sie mit leuchtenden Augen ins Schwärmen.

Von Côco bis Forró: Traditionelle Musikstile aus Pernambuco

Und so kommt sie auf den Côco zu sprechen. Der Rhythmus dieses Musikstils wird von Ganzá (Rassel), Surdo (Zylindertrommel), Pandeiro (kleine Rahmentrommel mit Schellenkranz) und Triangel geprägt. „Er wird in einem Kreis oder auch paarweise getanzt. Die Bewegungen sehen aus, als würde man etwas stampfen“, sagt Möhle. „Côco war früher die Musik der Sklaven während der Arbeit.“ Als Nächstes verweist sie auf einen Kreistanz aus dem nordbrasilianischen Bundesstaat. „Den Ciranda kennt in Pernambuco jeder“, sagt die 55-Jährige. „Ihn haben früher die Frauen der Fischer getanzt, um sich die Zeit zu vertreiben, während sie auf die Rückkehr ihrer Männer gewartet haben.“

Im Gegensatz zu den meisten anderen Musikstilen aus Pernambuco sei der Forró, zugleich ein Paartanz, nicht nur in seiner Entstehungsregion, sondern in ganz Brasilien bekannt. Als bekanntester Forró-Musiker gelte Luiz Gonzaga aus Pernambuco. Bei all den Musikstilen aus dem Nordosten Brasiliens darf laut Möhle ein Instrument nicht fehlen: das Pandeiro – „das Schlagzeug der Brasilianer“. Mehrmals war sie auch schon in den Städten São Paulo und Rio de Janeiro. Dort hat Möhle Samba-Schulen besucht und viel über diese Musik gelernt. „Ich habe die Atmosphäre aufgesogen.“ Auch ihr Aufenthalt in Pernambuco hat sie nachhaltig geprägt und so möchte sie gerne noch mal in die Region reisen.

Präsident stammt aus Pernambuco

Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt in Brasilien hat sich der linke Ex-Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva (Partido dos Trabalhadores (PT)) im Oktober durchgesetzt. Er kam auf 50,9 Prozent der Stimmen, der rechtspopulistische bis rechtsextreme Amtsinhaber Jair Bolsonaro (Partido Liberal) auf 49,1 Prozent. Lula da Silva war in der Vergangenheit bereits zwei Amtszeiten lang Präsident von Brasilien, von 2003 bis 2011. Der 77-Jährige stammt aus Caetés, Pernambuco. Anfang der 1980er-Jahre war er Mitbegründer der Arbeiterpartei PT. Da Silva hatte schon die erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewonnen, allerdings knapper als in Umfragen prognostiziert. Brasilien ist gespalten, der Wahlkampf hatte das Land weiter polarisiert. (ciz)

Brasilianische Klänge: Maracatu-Gruppe soll entstehen

Annette Möhle, die bis Anfang 2020 im Raum Köln-Bonn lebte, hat eine schwere Zeit hinter sich. Denn die Corona-Pandemie sorgte von heute auf Morgen dafür, dass sie keine Arbeit mehr hatte. Plötzlich durfte sie ihre Sambagruppen nicht mehr unterrichten.

Die Lockdowns haben ihre Spuren hinterlassen. Nur noch eine von sechs Sambagruppen sei übrig geblieben. Um diese zu unterrichten, fährt Möhle einmal im Monat nach Bonn.

Doch die Pandemie habe auch positive Veränderungen in ihrem Leben bewirkt. Im März 2020 war Möhle mit ihrem Hund Mia zehn Tage in einer Hundeschule in Volkmarsen. Damals schloss sie Nordhessen in ihr Herz. Und so entschied sie danach, als alles stillstand, ihren Lebensmittelpunkt dorthin zu verlagern. In Bad Zwesten hat sie nun eine Bleibe gefunden. Aktuell arbeitet sie als Physiotherapeutin in Bad Wildungen. Diesen Beruf hat sie, ebenso wie Heilpraktikerin, erlernt.

Annette Möhle will Technik und „Spirit“ vermitteln

Doch die Tätigkeit sei nur Mittel zum Zweck. „Ich will mehr mit Musik machen“, sagt die 55-Jährige. So würde sie etwa gerne eine Maracatu-Gruppe gründen, die sie einmal im Monat unterrichtet.

Die Voraussetzungen: „Ein bisschen musikalisches Verständnis sollte vorhanden sein. Rhythmisch ist Maracatu nicht einfach.“ Möhle ist es wichtig, neben der Technik auch den „Spirit“ des Musikstils zu vermitteln. (Christina Zapf)

Kontakt: Tel. 0170/4237797, Mail: info@girassol.de

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