Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land

Arztpraxis ist überlastet: Neuerungen sollen für Erleichterung im Praxisalltag sorgen

Arzt Ralf Wittwer und das Team der Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land in Bad Zwesten greifen abends noch zum Hörer.
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Arzt Ralf Wittwer und das Team der Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land in Bad Zwesten greifen abends noch zum Hörer.

Auch in der Praxis Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land in Bad Zwesten hat die vierte Coronawelle den Andrang und das Arbeitsvolumen stark erhöht. 

Bad Zwesten – In der Praxis Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land in Bad Zwesten gibt es Arbeit ohne Ende. An einem Tag seien 860 Anrufe gezählt worden, so der ärztliche Leiter Ralf Wittwer. Die Überlastung spürten auch die Patienten. Damit sich die Lage künftig etwas entspannt, mussten sich die Patienten bereits an einige Veränderungen gewöhnen.

Das Arbeitsvolumen in der ehemaligen Praxis von Detlef Schürbrock ist laut Wittwer, einem von drei Gesellschaftern der Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land, mittlerweile doppelt so hoch wie vor der Corona-Pandemie. Bewältigt werden müsse das Mehr an Arbeit jedoch von einem kleineren Team.

Gerade bei den Medizinischen Fachangestellten bestehe ein Mangel. Einige seien in den Ruhestand verabschiedet worden und andere hat Wittwer aufgrund der extremen psychischen Belastung, die der stressigere Praxisalltag mit sich bringt, verloren. Er suche derzeit nach Mitarbeitern für die Rezeption – auch ungelernte Kräfte. Für den Standort in Jesberg bedeuten die fehlenden Medizinischen Fachangestellten: Die Sprechzeiten werden eingeschränkt.

Durch die Corona-Pandemie sind weitere Aufgaben für das Team in der Praxis dazugekommen

Zusätzlich zum normalen Praxisalltag rufen Menschen an, die einen PCR-, Schnelltest oder eine Corona-Schutzimpfung möchten. Seit rund vier Monaten sei die Lage deshalb angespannt. Am Telefon kommen Patienten nicht durch und vor der Praxis bilden sich mitunter lange Warteschlangen, da im Wartezimmer aufgrund der Pandemie nur wenige Menschen Platz nehmen dürfen.

Um der angespannten Lage wieder Herr zu werden, habe er inzwischen die Telefone auf Online-Telefonie umgestellt. „Das ist ein großer Schritt nach vorne“, sagt Wittwer. Auch ein Rezepttelefon gibt es bereits. „Alles um das Telefonaufkommen zu reduzieren.“

Zur Region Kellerwald der Hausarztgemeinschaft zählen Praxen in Jesberg (vormals Dr. Annegret Döring), Neuental (vormals Hans-Günther Möges) und Bad Zwesten. Detlef Schürbrock ist seit Anfang Dezember im Ruhestand. Zum 1. Januar 2021 hatte er seine Praxis an die Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land abgegeben. Rund ein Jahr hatte er noch mitgearbeitet.

Hausarztgemeinschaft: Anrufe laufen nicht mehr ins Leere

Könne in einer der Kellerwald-Praxen gerade niemand ans Telefon gehen, würden die Patienten weitergeleitet an die Haupttelefonstation in Bad Zwesten. Gebe es immer noch kein Durchkommen, dann schalte sich der Anrufbeantworter ein. Der Vorteil für die Patienten ist laut Wittwer: Ihr Anruf läuft nicht mehr komplett ins Leere. Allerdings komme diese Lösung nicht bei allen gut an, es gebe auch Beschwerden.

„Die Nachrichten hören wir dann abends ab“, sagt Wittwer. Für ihn und sein Team bedeutet das noch eine Runde Arbeit nach Ende der Sprechstunde, die bis 19 Uhr dauert. Sie rufen dann die Menschen zurück und klären ihre Anliegen. 50 bis 80 Telefonate stünden jeden Abend an, so Wittwer. Er arbeitet eigentlich in der Praxis in Sachsenhausen. Momentan sei er in Bad Zwesten, um zwei Ärzte einzuarbeiten.

Hausarztgemeinschaft: Online-Telefonie und Terminsystem sollen helfen, den Andrang abzufedern

Neben der Online-Telefonie gibt es eine weitere Neuerung in der Bad Zwestener Praxis: Ein Terminsystem wird eingeführt. Künftig sollen alle Patienten einen Termin haben – das bedeute eine Umstellung, auch für das Personal. Das Problem sei gewesen, dass viele Menschen die Hausarztpraxis mit dem Bäcker verwechselt hätten und einfach, ohne vorher einen Termin zu vereinbaren, vorbeikamen. Die Folge: lange Warteschlangen vor der Praxis, besonders am Montagmorgen. Das müsse sich ändern. „Niemand geht zum Augenarzt oder Zahnarzt ohne Termin“, sagt Wittwer.

Und: Termine sollen künftig nicht mehr nur per Anruf oder persönlich während der Sprechstunde vereinbart werden können, sondern auch online. „Wir machen nun das, was Fachärzte seit zehn Jahren vormachen“, so Wittwer. Die Digitalisierung halte mit elektronischen Rezepten und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen Einzug.

Hausarztgemeinschaft wächst weiter: Gesundheitszentrum in Jesberg wird gebaut

Die Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land ist laut des ärztlichen Leiters Ralf Wittwer die größte in Hessen. Derzeit umfasst sie neun Standorte in den Landkreisen Waldeck-Frankenberg, Wolfhagen und Schwalm-Eder. Weitere Praxen sollen dazukommen. Er habe mehrere Anfragen für Praxisübernahmen erhalten. Viele Hausärzte im ländlichen Raum haben Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden.

Die Corona-Pandemie habe sich als Katalysator für diese Entwicklung erwiesen. „Viele Hausärzte bekommen das mit dem Impfen nicht auf die Reihe“, sagt Wittwer. Gerade für kleine Praxen sei es eine zu große Belastung. Der Vorteil der Hausarztgemeinschaft: „Wir haben Manpower und Logistik.“ 70 Mitarbeiter, darunter 16 Ärzte, und jede Menge Impfstoff erlaubten die Schaffung von Impfzentren in Jesberg und Sachsenhausen.

Die Praxis in Jesberg sei veraltet. „Dort kann man nicht vernünftig arbeiten.“ Deshalb plant die Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land in der Frankenberger Straße ein Gesundheitszentrum. Neben einem Hausarzt soll dort Platz für einen Zahnarzt und ein Sanitätshaus sein, so Wittwer. Ziel sei, einen attraktiven, modernen Arbeitsplatz für junge Ärzte zu schaffen. (Christina Zapf)

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