„Wir nehmen keine Minderheiten auf“

Rauswurf von Sinti-Familie: Camping Club bereut „unsäglichen Vorfall“

Es hätte so schon sein können: Die Familie von Robert Unger wollte auf dem Campingplatz in Bad Zwesten Urlaub machen. Doch wurde sie aufgrund ihrer Herkunft abgewiesen. Das Bild entstand auf einem anderen Platz.
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Es hätte so schön sein können: Die Familie von Robert Unger wollte auf dem Campingplatz in Bad Zwesten Urlaub machen. Doch wurde sie aufgrund ihrer Herkunft abgewiesen. Das Bild entstand auf einem anderen Platz.

In Bad Zwesten ist eine Sinti-Familie von einem Campingplatz verwiesen worden. Nach Berichten über den Vorfall entschuldigt sich der Camping Club Kassel nun.

Update vom Donnerstag, 12.08.2021, 13.07 Uhr: Nach dem Rauswurf einer Sinti-Familie von seinem Campingplatz hat der Camping Club Kassel (CCK) beim Landesverband der Deutschen Sinti und Roma und der Familie Unger um Entschuldigung für sein Fehlverhalten gebeten.

In seinem Entschuldigungsschreiben, das der HNA vorliegt, räumt der Verein sein Fehlverhalten ein. „Wir haben gelernt!“, heißt es darin. „Der Vorstandsbeschluss, der zu diesem unsäglichen Vorfall geführt hat ist selbstverständlich sofort aufgehoben worden.“ Laut diesem waren Gruppen von Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft einer Minderheit angehören, auf dem Waldcampingplatz Bad Zwesten nicht erwünscht.

Camping Club in Bad Zwesten wirft Sinti-Familie raus: „Wir nehmen keine Minderheiten auf“

Erstmeldung vom Dienstag, 10.08.2021, 15.49 Uhr: Bad Zwesten – Eine Sinti-Familie ist am Donnerstag (05.08.2021) wegen ihrer Herkunft vom Waldcampingplatz in Bad Zwesten verwiesen worden. „Sinti sind auf diesem Campingplatz nicht erwünscht.“ Mit diesem Satz sei seine Familie gebeten worden, zu gehen, sagt Robert Unger.

Er war mit seiner Frau, seinen drei Kindern und seiner Mutter aus Hamm angereist. Eine Woche vorher habe er den Stellplatz für zwei Wohnwagen gebucht, erzählt er im HNA-Gespräch. Mit zwei Cousins aus Paderborn und deren Familien wollte die Familie ein paar Tage auf dem Campingplatz Urlaub machen. Doch noch während die Familie sich auf ihrem Platz einrichtete, wurde sie aufgefordert, wieder abzureisen.

Doch nicht nur diese Familie wurde rassistisch diskriminiert: Nach eigenen Angaben hat der Camping Club Kassel (CCK), der den Platz betreut, vor Jahren beschlossen, bestimmte Gäste nicht mehr zuzulassen. „Wir nehmen keine Minderheiten auf“, sagt Michael Zollmann, Vorstandsmitglied des Vereins. Dieser Beschluss sei vom Vorstand vor mehreren Jahren verabschiedet worden. Grund seien schlechte Erfahrungen mit campenden Sinti- und Roma-Familien gewesen. „Wir bedauern den Vorfall. Das ist nicht schön gelaufen“, sagt Zollmann im HNA-Gespräch.

Bad Zwesten: Sinti-Familie von Waldcampingplatz verwiesen

„Diese Form des Antiziganismus haben wir im Landkreis lange nicht erfahren“, sagt Dorothea Hamacher vom Verein „Mach Mit“ in Gudensberg. Eine solch große Diskriminierung und Ausgrenzung sei nicht hinnehmbar. Hamacher kümmert sich für den AKGG, der im Schwalm-Eder-Kreis bei Integrationsaufgaben hilft, um die Aufarbeitung des Falls. „Wir sind sehr entsetzt.“

Auch die Gemeinde Bad Zwesten kritisiert den Vorfall auf dem Waldcampingplatz, den sie an den Verein verpachtet. „Der Beschluss des Vorstands war der Gemeinde nicht bekannt“, sagt Bürgermeister Michael Köhler. „In unserer Gemeinde ist kein Platz für Rassismus. Wenn sich einzelne danebenbenehmen, muss man das auch einzeln sanktionieren.“ Er habe gegenüber dem Vorsitzenden des CCK, der derzeit im Urlaub ist, seinen Unmut geäußert.

Nach dessen Rückkehr hat Köhler den Vereinsvorstand des CCK zu einem Gespräch ins Rathaus geladen, um den Vorfall aufzuarbeiten.

Sinti-Familie von Campingplatz in Bad Zwesten verwiesen: „Verstoß gegen das Grundgesetz“

„Eine der Familien hat sich an uns gewandt und den Vorfall geschildert“, sagt Rinaldo Strauß, Pressesprecher des hessischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma. „Dabei handelt es sich um einen Verstoß gegen das Grundgesetz“, so Strauß über den Umgang der Campinglatz-Pächter mit der Familie.

Rassismus gegenüber Sinti und Roma

Antiziganismus (von französisch tsigane – „Zigeuner“) bezeichnet Stereotype und Vorbehalte gegenüber Sinti und Roma. Laut Bundesinnenministerium sind diese historisch gewachsen und ein „tradiertes gesamteuropäisches Vorurteil“. Dabei handelt es sich um eine Form des Rassismus gegenüber Sinti, Roma und Fahrenden. Sie werden häufig als „Zigeuner“ stigmatisiert. Der Begriff Antiziganismus selbst ist umstritten, da er die abwertende Bezeichnung des Z-Wortes enthält. (chm)

Er bezeichnet den Vorfall als offen feindlich: „Wir sind schockiert, dass so was heute noch möglich ist.“ Veraltete Stereotype und Vorstellungen würden vom Camping Club Kassel (CCK) aufgegriffen. Dass Sinti und Roma im 21. Jahrhundert als zahlende Gäste vertrieben werden, sei nicht hinnehmbar.

„Zu was Antiziganismus, Rassismus und Antisemitismus auch heute noch führen kann, haben wir in Halle, Hanau, Kassel und München gesehen. Es liegt in unserer aller Verantwortung jeglicher Diskriminierung entgegenzutreten und diese zu bekämpfen“, heißt es vonseiten des hessischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma. (Christina Zapf und Chantal Müller)

In Bad Emstal gab es einen ähnlichen Vorfall, als eine Roma-Familie einen Campingplatz räumen musste. In einem Interview äußerte sich Rinaldo Strauß über Rassismus gegenüber Sinti und Roma.

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