Wildbestand steigt

Land- und Forstwirte beklagen Schäden durch Rotwild

Starker Kerl, starker Fresser: Landwirte und Waldinteressentenschaften rund um Bad Zwesten klagen über die stark gewachsene Zahl des Rotwildes, das Bäume an- und Felder abfrisst.
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Starker Kerl, starker Fresser: Landwirte und Waldinteressentenschaften rund um Bad Zwesten klagen über die stark gewachsene Zahl des Rotwildes, das Bäume an- und Felder abfrisst.

Abgefressene Felder und zerstörte Buchenbestände und keine Chance auf Waldverjüngung – im Wald bei Oberurff richten große Rudel von Rotwild immense Schäden an.

Als Martin Häusling neulich von seiner Terrasse auf die Felder vorm Wald bei Oberurff schaute, traute er seinen Augen nicht: Dutzende Hirsche schritten dort auf der Suche nach Futter in aller Seelenruhe über die Äcker. Häusling nahm die Kamera, um das Rudel zu filmen: 70 Tiere fressen da das Futter weg, das doch eigentlich für Häuslings Kühe gedacht war. „Ohne Video hätte mir doch niemand geglaubt“, sagt der Bio-Landwirt.

Heinrich Haupt aber hätte ihm aufs Wort geglaubt. Der Vorsitzende der Waldinteressentenschaft Bad Zwesten weiß selbst um die Konsequenz des beständig steigenden Rotwilds in den Wäldern rund um Bad Zwesten. „Wald und Wild sind längst völlig aus dem Gleichgewicht“, sagt er und beschreibt, wie die Tiere die Baumbestände ruinieren, indem sie die Bäume auf Fresshöhe rundum schälen. Früher waren es Fichten, seitdem die wegsterben, schmecken den Hirschen auch die Buchen. Die aber, sagt Heinrich Haupt, werden sich vom Verbiss nicht mehr erholen und eingehen.

Für die betroffenen Förster, Waldbesitzer und Bauern steht der Grund fest, warum sich ausgerechnet in diesem Bereich des 55 000 Hektar großen Rotwildgebietes so unglaublich viele Hirsche tummeln: Der Jagdpächter, so ihr Vorwurf, füttere die Tiere. Es gibt Fotos aus diesen Tagen, die Zuckerrüben und Trester im Wald zeigen – beides Dinge, die Hirschen gut schmecken.

Schäden, weil das Wild das Territorium nicht verlassen muss

Normalerweise wandern Hirsche – doch im Wald bei Oberurff scheinen solch ideale Bedingungen zu herrschen, dass kein Grund fürs Wild besteht, das Territorium wieder zu verlassen, was es normalerweise täte, sagt Ulrich Gerhold, stellvertretender Leiter des Forstamts Jesberg. Auch er spricht von einer auffälligen Häufung der Tiere und von langfristigen Schäden an den Bäumen. Was können Waldbesitzer tun, um die Bestände zu schützen? Ein Umzäunen ist zu teuer, kommt allein aus Kostengründen nicht in Frage, doch sind Lösungen gefordert: Zur anhaltenden Trockenheit kommen die Schälschäden als weitere Störfaktoren. „Das ist katastrophal für den Wald und die neuen Baumgenerationen.“

„Das große Wildaufkommen sorgt dafür, dass es keine Nachhaltigkeit mehr gibt“, sagt Bernd Seebert von der Waldgemeinschaft Urffer Keller. Förster Ulrich Gerhold spricht gar von einem echten „Schadens-Hotspot“.

Erst vor Kurzem habe die Untere Jagdbehörde des Landkreises deshalb für diesen Bereich einen Mindestabschuss von 24 Stück Rotwild bis Ende des Jahres festgesetzt. Denn die Bilder der Wärmebildkameras hätten gezeigt, dass die Wildbestände in diesem Bereich noch viel größer seien als alle Rückrechnungen und Schätzungen.

Sichten die jüngsten dokumentierten Wildschäden im Kellerwald: von links Landwirt Martin Häusling, Heinrich Haupt von der Waldinteressentenschaft Bad Zwesten, Vize-Forstamtsleiter Ulrich Gerhold aus Jesberg und Bernd Seebert von der Waldgemeinschaft Urffer Keller.

Für Heinrich Haupt gibt es gleich zwei Gründe für die außerordentlich hohe Konzentration des Rotwilds, die sonst in keinem anderen Waldbereich in der Region zu finden sei: „Das Wild wird zum einen künstlich am Ort gehalten, indem es gefüttert wird. Zum anderen werden viel zu wenige Tiere geschossen.“ Allein schon jetzt zögen 50 Tiere durchs Urfftal: „Die werden bei der Futtersuche im Winter riesige Schäden anrichten.“ Ulrich Gerhold bezeichnet das Thema als „massive Problematik“. Eine, bei der dringend geklärt werden müsse, was mehr Priorität habe: das Wild oder der Wald.

Kreis untersagt das Füttern von Wild

Der Schwalm-Eder-Kreis hat jetzt die Wildfütterung in den Eigenjagdbezirken der Waldinteressenten Niederurff und Oberurff-Schiffelborn untersagt.

Der Unteren Jagdbehörde sei angezeigt worden, dass es in bestimmten Bereichen des Rotwildgebiets zu Verstößen gegen das Futterverbot gekommen sein soll, sagt Erster Kreisbeigeordneter Jürgen Kaufmann. Das würde das massive Aufkommen von Rotwild erklären, das auch in den Nachbarrevieren Schäden anrichte. Deshalb habe der Kreis die Abschusszahlen nachjustiert: Nun dürften zusätzlich zum Abschussplan zwei Dutzend weitere Tiere zur Strecke gebracht werden. „Dann schauen wir, wie sich die Schäden entwickeln.“

Der Kreis schreite nach Recht und Gesetz ein, untersage das Füttern und fordere den Pächter auf, auch die Futterbehälter zu entfernen. In Zeiten, in denen Privatwaldbesitzer, Land- und Forstwirte, ohnehin unter dem Klimawandel litten, seien weitere Schälschäden nicht zu verantworten.

Das sagt der Kreisjagdberater: Fingerspitzengefühl ist gefragt

Die Schälschäden bei Oberurff seien so groß, weil das Wild neben zunehmenden Störungen in seinem Lebensraum auch unter den witterungsbedingten Kalamitäten leide, sagt Kreisjagdberater Werner Wittich.

In diesen heißen und trockenen Jahren mangele es an Klee, Gräser, Farnen, Beeren. Das Wild suche sich andere Nahrung: „Die Baumrinde und die Knospen junger Bäume sind da ein gefundenes Fressen.“ Das Füttern könne die Untere Jagdbehörde in Absprache mit der Veterinärverwaltung in Notzeiten erlauben. Aber nur die Behörde dürfe festlegen, wann Not herrsche: Das könnten sowohl Schneemassen als auch Waldbrände sein – also extremen Situationen. Das Gesetz mache nur eine Ausnahme, indem es Jagdausübungsberechtigten erlaube, Raufutter wie Heu für wiederkäuendes Schalenwild auszubringen.

Das viele Wild, das sich bei Oberurff tummele, belaste den Wald grundsätzlich massiv. Der Wildverbiss störe die Erneuerung des Waldes, viele Baumarten können sich ungeschützt nicht mehr verjüngen. Ziel des Jagdgesetzes und der Abschusszahlen sei es, ein gesundes Verhältnis zwischen Wald und Wild zu ermöglichen: „Wir haben in Deutschland keine Natur-, sondern eine Kulturlandschaft.“ Die Untere Jagdbehörde lege im Frühjahr die Abschussquote fest und passe sie nach Bedarf und nach guter Begründung an. Der Pächter müsse bis Ende der Jagdzeit oder einer vorgegebenen Frist die neuen Vorgaben zwingend umsetzen.

Generell obläge Jagdpächtern große Verpflichtung und Verantwortung. „Jäger, Förster, Landwirte müssen zusammen arbeiten - und das erfordert großes gegenseitiges Verständnis und Fingerspitzengefühl.“

Wildfütterung: Jagdpächter wehrt sich gegen Vorwürfe

Jagdpächter Klaus Gill bestreitet den Vorwurf, dass er eine Wildfütterung vornehme: „Das ist Schwachsinn.“ Im Revier gebe es zwei Vorratsbehälter für Notfälle – und eine Lagerung sei nicht verboten. Zudem habe erst eine Prüfung ergeben, dass keine Schälschäden vorlägen. Beim Streit gehe es vor allem um Schäden an landwirtschaftlichen Flächen. Im Gebiet gebe es so viel Wild, weil Zuwachs aus dem Naturpark Kellerwald hineinrücke. Dass das auf der Suche nach Nahrung auch auf Feldern unterwegs sei, wundere ihn nicht: „Es regnet nicht! Die Hälfte des Waldes ist kaputt, das Wild findet dort nichts zu Fressen, es zieht raus auf die grüne Fläche.“

Schon jetzt zahle er eine „horrende Wildschadenpauschale“ – also einen Betrag, der Schäden ausgleicht. Seit dem Beginn der Jagdzeit im August habe er 14 Tiere erlegt, einen hohen Prozentsatz der Vorgabe also bereits erfüllt. Zudem sei er nicht allein für den Bereich zuständig. Er ist erstaunt, dass sich bislang keine anderen Waldinteressentenschaften beschwert haben. Im Übrigen behalte er sich vor, juristisch gegen die Vorwürfe vorzugehen. 

Von Claudia Brandau

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