Der Sattel macht den Unterschied

Radfahren kann negative Folgen für Männer haben: Sportwissenschaftler gibt Tipps

Hans-Günther Rieger aus Bad Zwesten steht in einem Garten und hält zwei Fahrradsättel in den Händen.
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Hans-Günther Rieger aus Bad Zwesten erklärt, warum Fahrradfahren mit dem falschen Sattel für Männer ungesund ist.

Hans-Günther Rieger aus Bad Zwesten schwant bei den meisten Fahrradsätteln Böses: Da sieht er schmerzende Hintern und bei Männern ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich.

Der ehemalige Olympiateilnehmer, Sportlehrer und Inhaber eines Sportartikel-Geschäfts in Bad Wildungen kennt sich aus. 23 Jahre lang ist er selbst jeden Tag – egal ob bei Sonnenschein, Regen, Eis oder Schnee – mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren.

Von Beruf ist Rieger Sportwissenschaftler mit Biomechanik-Ausbildung. Diese Wissenschaft beschäftigt sich mit der statischen Beschaffenheit des menschlichen Körpers sowie mit der Verbindung zwischen Nerven, Muskeln und Sportgeräten.

„Männer wissen leider selbst nicht, was sie sich beim Radfahren antun“, sagt der 81-Jährige. „Sie sitzen total falsch auf den Rädern.“ Tatsächlich sitze man auf dem Fahrrad nicht auf den Gesäßmuskeln, sondern auf den Sitzhöckern. „Die sind beim Mann ungefähr so breit wie die Handfläche“, sagt Rieger. Beim Radfahren laste auf ihnen das komplette Gewicht des Oberkörpers – das sei das Problem. Hinzukomme, dass die Arterie, die den Penis mit Blut versorgt, gequetscht werde. Zusätzlich kann der Nervus pudendus – ein wichtiger Nerv für den Beckenboden und die Genitalien – gegen den Schambeinknochen gedrückt werden, hervorgerufen durch die Vorwärtsneigung des Oberkörpers.

Hinzukomme, dass sich der Großteil der männlichen Genitalien nicht ohne Grund außerhalb des Körpers befindet. Nur so kann ihre Temperatur für eine ideale Spermienproduktion etwas unter der übrigen Körpertemperatur liegen. „Der Genitalbereich des Mannes ist kühl und wird erst mit der sexuellen Erregung warm“, erklärt Rieger. Und – ungewollt – auch beim Radfahren.

Radfahren bei Männern: Taubheitsgefühle im Genitalbereich

„Wenn der Mann sich aufs Fahrrad setzt, erzeugt er mit seiner Beinmuskulatur beim Treten Wärme und heizt so den Genitalbereich auf“, sagt Rieger. „Nach dreißig Minuten auf einem geschlossenen Sattel, auf dem die Luft nicht zirkulieren kann, haben Männer im Genitalbereich Taubheits- und Kribbelgefühle.“ Die meisten Radfahrer würden das Problem lösen, indem sie sich während der Fahrt kurz vom Sattel erheben, damit die Genitalien wieder durchblutet werden. Gerade bei Männern, die häufig Fahrrad fahren, könne so die Harnröhre in Mitleidenschaft gezogen werden. „Die Fibrillen sind oft Schlägen ausgesetzt, das kann zu Inkontinenz führen.“ Normalerweise würden diese den Harnfluss verhindern.

Bei Frauen gebe es aufgrund der anatomischen Gegebenheiten diese Probleme nicht. „Sie haben höchstens eine wunde Schambeinfuge“, sagt Rieger. Das Gute: Es gibt Sättel, die diese Probleme aufheben. Sie sind so gebaut, dass der Fahrtwind den Genitalbereich kühle. „Es gibt hunderte geeignete Sättel, aber keiner weiß, dass es sie gibt“, sagt Rieger. Doch auch bei diesen Sätteln sei wichtig, dass sie auf dem Fahrrad, basierend auf anatomischen Maßen, richtig positioniert werden. Entscheidend seien hierbei Beinlänge, Rumpflänge und Armlänge. „Der Abstand muss stimmen, damit die Hebelverhältnisse so sind, dass die Kraft zentral auf die Pedale fließt“, erklärt Hans-Günther Rieger.

Doch ist der richtige Sattel gefunden, sei manchmal noch etwas Durchhaltevermögen gefragt. Schließlich muss sich der Po erst an ihn gewöhnen. Diese Erfahrung hat Rieger vor Jahren selbst mit seinem Carbonsattel gemacht. „Die erste Fahrt war eine Tortur“, sagt der Bad Zwestener. Er habe befürchtet, sein Fahrrad nach Hause schieben zu müssen. Doch von Tag zu Tag ging es besser – und heute will er keinen anderen Sattel mehr.

Das sagt die Urologin: Radfahren kann zu Reizung der Prostata führen

„Bei Patienten mit einer chronischen Prostataentzündung kann Radfahren zu einer Reizung des Organs führen“, sagt die Homberger Urologin Dr. Meike Vink. Das heißt, die Beschwerden verschlimmern sich. In diesen Fällen helfen pflanzliche Prosturol-Zäpfchen, denn die Entzündung sei dann nicht bakteriell. Das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, werde durch Radfahren nicht gesteigert, sagt sie.

Es komme auch nicht zu einer Erhitzung der Hoden. Für Männer, die an einer chronischen Prostata-Entzündung leiden, gebe es spezielle Fahrradsättel, die dafür sorgen, dass der Druck auf die Prostata verringert wird. Allerdings haben Männer, die viel mit dem Fahrrad unterwegs sind, laut Vink oft einen erhöhten PSA-Wert. Auch bei Prostatakrebs ist das der Fall. Das kranke Organ gebe vermehrt das Protein prostataspezifisches Antigen (PSA) ab. „Deshalb raten wir Herren, die viel Rad fahren, vor der Blutabnahme einige Tage auszusetzen.“ (Christina Zapf)

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