Peter Reichert war 50 Jahre beim Kasseler Rüstungsbetrieb Krauss-Maffei Wegmann beschäftigt

Ein Berufs-Leben in einer Firma

Ein Leben lang mit der Firma verbunden: Peter Reichert begann als 14-Jähriger bei Wegmann in Kassel zu arbeiten. Foto: Thiery

Niederbeisheim. Bewerbungsfristen einhalten, komplizierte Einstellungstest: All das hat Peter Reichert nicht gebraucht, um beim Waggon- und späteren Rüstungsbetrieb Krauss-Maffei Wegmann in Kassel beschäftigt zu werden. Er fragte vor 50 Jahren einfach beim Chef der Firma, ob er dort nicht technischer Zeichner lernen könne.

Er konnte. Und verbrachte seine ganze Lebens-Arbeitszeit dort. Jetzt ging er in den Ruhestand.

Im März 1965 stiefelte der 14-Jährige einfach ins Sekretariat des Unternehmens und bat um ein Gespräch mit dem damaligen Geschäftsführer Fritz Bode. Der rief ihn ins Büro und fragte: „Was willste?“ Was der Junge wollte, war klar: „Ich will bei Ihnen Technischer Zeichner lernen.“ „Und was kannste?“, fragte Bode. „Wenn ich was könnte, bräuchte ich ja nicht zu lernen“, antwortete er damals schlagfertig. Das brachte ihm die sofortige Zusage des Chefs ein. „Montag kannste anfangen. Aber denke nicht, dass du gleich im Kittel kommen kannst, bring einen Blaumann mit.“

„Ich war von Anfang an fasziniert von dem Beruf.“

Peter Reichert

Der Kittel war die Kleidung der Ingenieure und Zeichner. Damit man nicht dreckig wurde, wenn man in die Produktion ging. Die Kleiderordnung sei streng gewesen, über Hemd mit Krawatte trug der Lehrling Nylonkittel. „Darunter hat man vielleicht geschwitzt“, erinnert er sich.

Aber für ihn kam nichts anderes in Frage. „Ich war von Anfang an fasziniert von dem Beruf“, schwärmt er noch heute. Gezeichnet wurde noch auf Transparenzpapier mit Feder und Zirkel, nicht wie heute am Computer. Reichert lernte aber erst zu schweißen, hobeln, nieten und schleifen, bevor er ans Reißbrett durfte.

Wegmann stellte damals Zugwaggons im großen Stil her. Drehgestelle dafür zu konstruieren war ein Schwerpunkt der Arbeit. Später fusionierte der Betrieb und wurde zum Rüstungskonzern Kraus-Maffei Wegmann, dessen berühmtestes Produkt der Kampfpanzer Leopard ist.

Als es soweit war, hatte Reichert schon längst Entwicklungstechnik studiert. Seit 1993 war der heute 65-Jährige als technischer Redakteur beschäftigt, hat zahllose Bedienungsanleitungen für Ausbildungsanlagen und Simulatoren geschrieben, war Gruppenleiter und Ausbilder.

Nach Niederbeisheim kam der Kasseler durch das Canberra, der ersten Disko im Knüll, wo er seine Frau Emmi kennenlernte. Dort bauten die beiden ein Haus, bekamen zwei Kinder.

Mittlerweile hat die Firma Krauss-Maffei Wegmann fast doppelt so viele Mitarbeiter wie noch in den 60er-Jahren, mehrere Niederlassungen im Ausland, der Hauptsitz befindet sich in München, erzählt Reichert.

Vieles habe sich geändert, einfach ins Büro der Chefetage reinstapfen könne man sicher nicht mehr. Und es gebe nur noch wenige Mitarbeiter, die noch 50 Jahre in einer Firma bleiben.

An Fritz Bode erinnert sich Reichert auch heute noch gern. „Der kannte jeden Mitarbeiter, die Leute wären damals für ihn durchs Feuer gegangen.“ Diese Dankbarkeit hat für ihn selbst 50 Jahre gereicht.

Seit dem 1. April ist er im Ruhestand, war ein Jahr in Altersteilzeit zu Hause und hat sich schon im Rentnerdasein eingerichtet. Mit Sport und Arbeit rund um Haus und Hof ist er gut beschäftigt.

Von Christine Thiery

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