Aus der Idylle wurde Geröllhalde

Anwohnerstreit: In Borken wurde ein Wäldchen unter Erdaushub begraben

Die Wurzeln liegen offen, sind bereits von Pilzen befallen: Biologe David Schomberg gibt den noch stehenden Bäumen am Hang keine Chance.
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Die Wurzeln liegen offen, sind bereits von Pilzen befallen: Biologe David Schomberg gibt den noch stehenden Bäumen am Hang keine Chance.

Am Borkener Altenheim Blumenhain wurde tonnenweise Aushub für einen Neubau in ein Wäldchen abgekippt, Büsche und Bäume zerstört. Die Anwohner sind entsetzt.

Borken – Wenn Viktor und Julia Schwabauer aus Borken aus dem Fenster sehen, schauen sie auf ein Bild der Verwüstung. Was bislang ein grüner Mix aus Bäumen, Sträuchern und Hecken war, ist heute eine große Abraumhalde.

Tausende Tonnen Geröll, Basalt und Erde wurden mit schwerem Gerät zu fester Masse verdichtet, Bäume gerodet oder einfach meterhoch zugeschüttet. Aus der Natur-Idylle unterhalb des Altersheims Blumenhain ist eine Mondlandschaft geworden.

So sah es vorher aus: eine grüne Idylle.

Schwabauers und viele Anwohner aus dem Hüttschlager Weg haben wochenlang verfolgt, wie der begrünte Hang mit Geröll zugekippt, mit Fahrwegen versehen und von Radladern geglättet wurde. „Die Laster haben im Zehn-Minuten-Takt Aushub abgeladen“, erzählen sie.

Der Aushub stammt vom Neubau des Appartementhauses für Pflegekräfte, das die Betreiber des Seniorenheims Blumenhain auf der anderen Seite des Geländes am Metzen Tannen errichten. Da dieses Appartementhaus aber mit einer Tiefgarage versehen werden soll, fällt entsprechend viel Erde an. Und der, so der Vorwurf der Anwohner, wurde nun nicht auf die Deponie gefahren, sondern kostengünstig im ehemaligen Wäldchen angehäuft. Auf Kosten der Natur.

Schwabauers hatten das Thema erst nicht an die große Glocke hängen wollen, das benachbarte Altersheim sei durch Corona bereits hart getroffen: „Gerade in diesen Zeiten wollten wir rücksichtsvoll sein“, sagt Viktor Schwabauer. Doch mittlerweile sind die Anwohner aus dem Hüttschlager Weg so zornig über das, was direkt an ihrer Grundstücksgrenze geschieht, dass sie viele Stellen und Behörden eingeschaltet haben. „Wir sind erschüttert von der Respektlosigkeit, mit der die Natur behandelt wird.“

Aus der Nussallee am Hüttschlager Weg in Borken wurde eine Geröllhalde: Die Anwohner Viktor und Julia Schwabauer sind fassungslos über die tausenden Tonnen Abraum, die vom Bau eines Gebäudes am Altenheim Blumenhain stammen und in den Wald gekippt wurden. 

Zudem sehen sie die dicken Felsbrocken, die am Hang liegen und von denen viele auf den unten vorbeiführenden Spazierweg gefallen sind. Dort hat die Stadt eine Warnbake aufgestellt, die Wanderer und Sportler so vor Steinschlag und anderen Gefahren schützen soll. Die Borkener nutzen den Weg entlang der Nussallee, wie die ehemals malerische Ecke heißt, dennoch in großer Zahl.

„Wissen Sie denn vielleicht, was hier Schlimmes passiert ist?“, fragt eine Spaziergängerin, die beim HNA-Ortstermin mit ihrem Mann des Weges kommt. Beide zeigen sich entsetzt vom Ausmaß der Zerstörung und ziehen kopfschüttelnd weiter.

Biologe David Schomberg weist auf eine offenliegende, armdicke Wurzel einer alten Eiche, auf der sich die ersten Pilze bereits angesiedelt haben. Der Baum wird die Verletzung nicht überstehen, ist sich der Naturschutzbeauftragte aus Kleinenglis sicher. „Es ist schlimm, wie Menschen mit der Natur umgehen“, sagt er: „In diesen Zeiten, in denen dringend Lebensräume für Vögel, Igel, Insekten gesucht werden, war das hier ein großer Schatz. Der Schaden ist nicht zu beheben.“

Der Blumenhain war früher ein Steinbruch, deshalb besteht der Erdaushub nicht aus fetter Erde, sondern aus felsigem Untergrund. Material also, das Pflanzen und Bäume erstickt. „Eichen sind wirklich hart im Nehmen“, sagt David Schomberg, „aber was hier zu sehen ist, sprengt jede Skala des Zulässigen.“ Durch den enormen Druck, den die angekarrten Steine und Felsen auf den Wurzelbereich ausüben, schließen sie die Luftzufuhr ab. „In der Regel faulen die Wurzeln, der Baum stirbt,“ so Schomberg

Die Proteste der Anwohner haben zum Baustopp geführt. Jetzt blicken sie auf breit ausgewalzte Fahrwege, Stark-regen, so die Sorge, werde Teile des Hangs wegspülen. Wie es weiter gehen soll auf der Halde, darüber haben sie keine Informationen.

Stadt Borken: „Eigentümer ist in der Bringschuld“

Es sei keine gute Idee gewesen, den Abraum auf eigenem Grundstück einzubauen, so Bauamtsleiter Christoph Bachmann. Was auf den ersten Blick als kostengünstige Lösung gewirkt haben könnte, erweise sich nun als Gegenteil: „Wir als Stadt legen ernsthaft Wert darauf, dass die Bäume gerettet werden. Es ist unwahrscheinlich, dass Gras über die Sache wachsen wird.“ Es sei schwer, den Originalzustand herzustellen, aber nun seien die Eigentümer in der Bringschuld. 

Bauaufsicht Schwalm-Eder: „Illegale Abfalllagerung muss entfernt werden“

Das private Gelände unterhalb des Blumenhains sei als Biotop ausgewiesen, teilt die untere Bauaufsichtsbehörde des Schwalm-Eder-Kreises auf Anfrage der HNA mit: „Als zulässige Art der baulichen Nutzung ist eine private Grünfläche festgesetzt.“ Zudem handele es sich um einen Bereich, der „für den Schutz, die Pflege und Entwicklung der Landschaft“ festgesetzt ist. Für die Arbeiten im Wäldchen habe keine Baugenehmigung vorgelegen, die aber sei ab einer Fläche von mehr als 30 Quadratmetern und einer Höhe von mehr als zwei Metern Pflicht.

Da bei der Geländeauffüllung offensichtlich illegal Abfälle entsorgt worden seien, sei das Regierungspräsidium Kassel als zuständige Abfallbehörde mit eingebunden. Die Auffüllung sei „aus baurechtlicher- und naturschutzfachlicher Sicht nicht genehmigungsfähig und aus abfallrechtlicher Sicht als illegale Abfalllagerung zu betrachten – und zu entfernen“, teilt die Bauaufsichtsbehörde mit.

Sie hatte den Baustopp angeordnet, die Eigentümer wurden zum Rückbau gehört, mittlerweile läge auch „die Erklärung der Verursacher zum freiwilligen Rückbau der Aufschüttungen“ vor. Ein Gutachten komme zum Ergebnis, dass die Standsicherheit der Böschung im angeschütteten Zustand gegeben ist.

Wie es weitergehe, sei aber noch unklar: „Die Entscheidung über weitere Maßnahmen erfolgt nach dem Rückbau der Auffüllungen“. Ob die Eigentümer mit einer Geldstrafe rechnen müssen, beantwortet die Behörde nicht.

Aber sie schreibt: „Bei Bauarbeiten ohne erforderliche Baugenehmigung handelt es sich um einen Ordnungswidrigkeitstatbestand.“

Eigentümer: Geröll wird abtransportiert 

Es habe sich einfach angeboten, den Hang mit dem Erdaushub zu verfüllen, denn dort sollte zugleich die Grünanlage für die Bewohner des Seniorenheims erweitert werden, sagt Manfred Freidhof von der Betreiberfamilie. Es seien ein Fußweg und ein Garten mit Bänken geplant gewesen. Da es sich ums eigene Grundstück handele, sei man davon ausgegangen, keine Genehmigung zu benötigen. Der Hang sei auch 1996 beim Bau des Seniorenheims mit dem damaligen Erdaushub verfüllt worden. Dass es jetzt eine solche Aufregung gibt, sei kaum nachzuvollziehen, es sei schon immer dort Erde gelagert worden. Doch nun müsse der Aushub wieder entfernt und in einen Steinbruch transportiert werden. „Das geht aber nicht von heute auf morgen.“ 

(Claudia Brandau)

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