Gefahr in der Flugbahn

In Gombeth bringen Hochspannungsleitungen den Schwänen beim Anflug auf die Seen den Tod

Die Stromleitungen sind oft ihr Tod: Auf einem Feld bei Gombeth lagern Schwäne. Auf dem Weg zum Wasser verfangen sie sich oft in den Hochspannungsleitungen, werden dabei verletzt oder gar getötet.
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Die Stromleitungen sind oft ihr Tod: Auf einem Feld bei Gombeth lagern Schwäne. Auf dem Weg zum Wasser verfangen sie sich oft in den Hochspannungsleitungen, werden dabei verletzt oder gar getötet.

Schwänen, die auf einem Feld zwischen Gombeth und Kleinenglis lagern und in Richtung Gombether See und Schwalm fliegen wollen, kommt das dichte Netz aus Stromleitungen in die Quere.

Gombeth – Wenn Iris Gutsche aus Gombeth Flügelschläge hört, mag sie gar nicht mehr nach oben schauen: Zu groß ist die Sorge, dass einer der vielen Vögel am Himmel, in den Stromleitungen hängen bleibt, die sich durch die Landschaft ziehen.

Vor allem sind es Schwäne, die ihr Leben an den Leitungen lassen: In Schwärmen lagern sie seit einem guten Jahr auf einem Feld zwischen Gombeth und Kleinenglis. Wenn die Tiere in Richtung Gombether See und Schwalm fliegen, kommt ihnen das dichte Netz aus Stromleitungen in die Quere, das sie vom Gewässer trennt.

Oft fehlt ihnen die Wendigkeit, den Leitungen auszuweichen, denn meist nehmen sie die Hindernisse in der Luft zu spät wahr, können nicht mehr ausweichen und stürzen ab. Iris Gutsche leidet mit den Tieren mit – sie ist nicht die einzige.

Sonja Henschel-Dörr vom Tierschutzverein Homberg/Borken geht es genauso. Sie kann nicht verstehen, dass das Problem nach wie vor besteht, wo Unfälle quasi vorprogrammiert seien: „Der Netzbetreiber opfert die Tiere bewusst – aus Kostengründen.“ Nicht nur Schwäne, auch Enten, Gänse, Graureiher, Haubentaucher, und andere große Vögel verfingen sich in den Leitungen.

Schwäne verunglücken an den Hochspannungsleitungen: Das Problem ist bekannt

Das Problem sei bekannt, sagt auch Andrea Krüger-Wiegand von der Storchenstation in Wabern. Wasservögel wechselten die Seen – und würden dabei durch ihre spezielle Sehtechnik (siehe Hintergrund) die Leitungen so spät erkennen, dass sie hineinflögen. Krüger-Wiegands fordert, dass die Leitungen besser sichtbar gemacht und gekennzeichnet werden. „Gerade für schwerfällige Tiere wie Schwäne oder Störche ist das wichtig und sinnvoll,“ sagt die Waberner Fachfrau.

Und gerade wenn die schwerfälligen Schwäne dann auch noch in Schwärmen flögen, das Sichtfeld noch weiter eingeschränkt sei, könnten sie Hindernissen in der Luft noch schlechter ausweichen. Auch Krüger-Wiegands weist auf das träge Flugverhalten und eingeschränkte Sehvermögen von Großvögeln hin. Die Augen von Enten, Gänsen und anderen Wasservögeln befinden sich seitlich am Kopf, im Gegenteil zu Greifvögeln, die nach vorne schauen. » WEITERE ARTIKEL

Hindernisse für Vögel sichtbar machen

Die Kreisnaturschutzbehörde kennt das Problem von Schwänen, die bei Kollisionen mit Stromleitungen schwere bis tödliche Verletzungen erleiden. Die einzige Lösung seien Marker wie Bälle oder Lamellen an Stromleitungen, die das Hindernis für Vögel auch aus größerer Entfernung sichtbar machen, sodass Tiere mit eher schlechter Manövrierfähigkeit ausweichen könnten.

„Ein weiteres Problem stellt die Sehrichtung vieler dieser Arten dar“, teilt die Behörde mit. Diese sei bei Schwänen nicht nach vorne fokussiert, sondern eher seitlich, was den Tieren einen Rundumblick ermögliche. Die Vögel erkennen folglich schmale Hindernisse wie Stromleitungen zu spät und können ihnen nicht mehr rechtzeitig ausweichen. 

In Borken laufen viele Leitungen zusammen

In Borken laufen wegen des ehemaligen Kraftwerks viele Leitungen zusammen. Wir haben bei verschiedenen Betreibern nach Lösungen für den Vogelschlag nachgefragt.

Die EAM betreibt die Mittel- und Niederspannungsnetze in der Region. Sie habe viel in die Netze investiert und bereits 95 Prozent ihres Niederspannungsnetzes und 81 Prozent des Mittelspannungsnetzes auf Erdkabel umgestellt, teilt Sandra Hübner vom Kasseler Geschäftsführungsbüro der EAM mit. Die Erdkabel seien weniger anfällig für Störungen als Freileitungen und stellten auch keine Gefahr für Vögel dar.

.Auch die Sprecherin der Avacon-Unternehmensgruppe kennt das Problem: „Es kommt hin und wieder vor, dass Enten und Schwäne gegen die Leiterseile fliegen“, teilt Sprecherin Michaela Fiedler mit.

In Vogelschutzgebieten rüste Avacon deshalb Leitungen mit Schutzmarkern aus. Bei Leitungsneubauten in ornithologisch sensiblen Bereichen seien Markierungen am obersten Seil der Leitungen mittlerweile Standard.

Die Hochspannungsleitungen können mit Markern für die Schwäne sichtbar gemacht werden: Doch das ist teuer

Doch das sei teuer: Die Markierungen werden vom Hubschrauber aus im Abstand von 25 Metern am obersten Seil der Leitung angebracht. Jede koste rund 150 Euro. In Borken verlaufen neben den 110-kV-Leitungen der Avacon die noch höheren 380-kV-Leitungen von Tennet.

Somit hingen dort mehrere Leitungen auf dem gleichen Gestänge. 110-kV-Leitungen verliefen also unter den 380-kV-Leitungen oder parallel zu ihnen. Keine 110-kV-Leitung kreuze dort allein die Einflugschneisen zu den Seen, so Fiedler.

Es müsse eine gute Begründung und Beweise fürs Nachrüsten geben, sagt Tennet-Sprecher Markus Lieberknecht. Denn die mit Marker versehenen Leitungen wiegen dann mehr, dass eventuell die Statik der Masten überprüft werden müsse.

Das Problem sei durchaus bekannt, denn jährlich sterben deutschlandweit bis zu 2,8 Millionen Vögel an Hoch- und Höchstspannungsleitungen. Tennet arbeitet mit dem Naturschutzbund zusammen, der führt ein Melderegister im Internet unter nabu.de Wer einen Vogel finde, der an einer Stromleitung verendet ist, sollte seinen Fund der Vogelschlaghotline unter 0 30/28 49 84 55 00 melden.

Von Claudia Brandau

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