Buch überstand die Flucht - Poesiealbum der Mutter in Ehren

Irmgard Wunderlich mit dem kleinen Büchlein, das ihrer Mutter gehörte und Einträge noch aus der Zeit vor der Flucht aus dem Sudetenland beinhaltet. Fotos: Thiery

Borken. Wertvoll ist für Irmgard Wunderlich aus Borken das Poesiealbum ihrer Mutter. Die Borkenerin hält das Büchlein mit dem roten Samteinband fest in den Händen. Ihre Mutter hatte es 1946 mit auf die Flucht genommen, als sie aus dem Sudetenland nach Hessen verschlagen wurde.

Weihnachten 1918 hatte die junge Irma das Buch von ihrem Vater geschenkt bekommen, erzählt Wunderlich. Er sei in Parchen-Schelten Glasmaler gewesen, weshalb er den Eintrag im Januar 1919 kunstvoll verzierte. Blumenranken ummanteln das klassische Gedicht. „Edel sei dein Herz, hilfreich und gut, so wandere durchs Leben, denn die Zeit vergeht im Flug.“

Klebebildchen in Rokokooptik und auch ein Spruch der Mutter befinden sich darin. „So heiter wie ein Frühlingsmorgen, verfließe deine Lebenszeit, von Kummer frei und ohne Sorgen, in göttlicher Zufriedenheit.“

So hatte sich die Mutter der Inhaberin des Büchleins das Leben für ihre Tochter gewünscht. In den Zeiten des Kriegs und der Vertreibung traf dies nicht ganz so ein.

Irmgard Wunderlichs Mutter wurde 1908 geboren und arbeitete vor der Vertreibung als Postangestellte. Sie stöpselte die Telefonverbindungen, wie es damals noch üblich war. Sie sei sehr sprachbegabt gewesen, erinnert sich die Tochter. Das hat Irmgard Wunderlich wohl geerbt, die Borkenerin arbeitete als Dolmetscherin für Englisch und Französisch in einem Industriebetrieb. Heute ist auch sie schon 74 und berichtet von ihrem Leben.

Sie heiratete, verließ Borken und lebte lange Zeit in Salzburg, bevor sie vor zehn Jahren wieder zurückkam, um das Haus ihrer Eltern in der Bergmannstadt zu übernehmen.

Vom Geben und Nehmen handelt ein Spruch von einer Freundin namens Eva Quadrat. Sie schrieb 1920 hinein. „Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück“. Es finden sich auch überraschende Verbindungen in dem Buch. Eine Freundin der Mutter, die sich dort in der Jugend eingetragen hatte, ist die Tante von Hans Wunderlich, dem Ehemann der Borkenerin.

Das Paar hatte sich nach der Flucht aus dem Sudetenland auf einem Heimatfest der Vertriebenen kennen gelernt, wo viele ehemalige Flüchtlinge aus dem Sudetenland zusammen trafen.

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