Corona im Altenheim Blumenhain in Borken

Nach Corona-Ausbruch: Mitarbeiter des Altenheims Blumenhain berichten über Ausgrenzung

Mitarbeiter des Altenheims Blumenhain in Borken vier Frauen und ein Mann stehen vor dem Gebäude
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Mitarbeiter des Altenheims Blumenhain in Borken

Sie sind im Einsatz, um für Menschen da zu sein, die Pflege nötig haben: Mitarbeiter in Alten- und Pflegezentren. Zu Beginn der Coronapandemie wurde für Pflegekräfte applaudiert, gesungen, musiziert – auch im Schwalm-Eder-Kreis. Und auch für die Frauen und Männer, die im Altenheim Blumenhain in Borken arbeiten. Jetzt ist in der Einrichtung das Coronavirus ausgebrochen – 18 Bewohner und neun Mitarbeiter sind erkrankt. Das Team des Blumenhains, dort sorgen über 160 Mitarbeiter für 291 Bewohner, müssen nun aber nicht nur ihren Job unter erschwerten Bedingungen meistern, sie sind auch ganz persönlich Ausgrenzungen und Anfeindungen ausgesetzt. Fünf Mitarbeiter erzählen im HNA-Gespräch von ihren Erlebnissen.

Beim Einkaufen

Eigentlich wollte Altenpflegehelferin Jana Neubert nur schnell ein paar Dinge in einem Discounter in Borken einkaufen, als sie plötzlich von einem Kunden angepöbelt wurde. „Er schimpfte, wir Mitarbeiter des Blumenhains hätten alle das Coronavirus und man sollte uns und die Bewohner einsperren“, erinnert sich Neubert. „Ich war sprachlos, hatte einen Kloß im Hals und war geschockt.“ Doch dann habe sie sich gefangen und geantwortet, dass die Mitarbeiter getestet seien. „Wer das Virus hat, lebt in Isolation“, sagte die 49-Jährige und ließ den Mann stehen. Einige Kunden des Geschäfts hätten ihr applaudiert. Für sie das Wort ergriffen habe aber niemand.

Ein positives Erlebnis hatte Mona Jungermann, die stellvertretende Wohnbereichsleiterin aus Gensungen. Sie wurde in einer Fleischerei von einer Verkäuferin besorgt gefragt, wie es ihr gehe. „Das fühlte sich an wie eine Streicheleinheit über den Rücken“, sagt sie. Doch sei diese Reaktion die Ausnahme.

Die Angehörigen

„Von einigen Angehörigen der Bewohner bin ich sehr enttäuscht“, sagt Veronika Freiwald, Wohnbereichsleiterin im Blumenhain. Sie und ihre Kolleginnen hätten sich Vorwürfe anhören müssen, weil das Heim unter Quarantäne steht, Besuche deshalb nicht mehr erlaubt sind. „Ausgerechnet die Angehörigen, die wir vor dem Corona-Ausbruch bei uns immer wieder zur Einhaltung der Hygienevorschriften ermahnen mussten, beschimpfen uns jetzt“, sagt sie und zuckt resigniert mit den Schultern.

Seit 14 Jahren arbeite sie im Blumenhain, sie und ihre Kollegen wünschten sich gerade jetzt mehr Verständnis von Angehörigen. „Forderungen, die Möbel aus den Zimmern infizierter Bewohner zu ihnen auf die Isolierstation zu tragen, können wir nicht nachkommen.“ Der Aufwand wäre riesig, weil alle Möbel desinfiziert werden müssten. „Wir kümmern uns lieber um die Menschen als um deren Möbel“, sagt sie.

Auf der Straße

„Viele Leute machen um uns einen Bogen, wenn wir in der Stadt unterwegs sind“, sagen Veronika Freiwald, Mona Jungermann und Anja Rothbauth. „Das fühlt sich an als hätten wir die Seuche“, sagt Freiwald. Sie gehe nicht mehr einkaufen und fahre nur noch zur Arbeit und dann wieder nach Hause, um keinen Kontakt zu anderen Menschen zu haben. „Diesen Blicken will ich mich nicht aussetzen“, sagt sie und schweigt. „Das tut weh. Wir wurden doch getestet und geben unser Bestes. Wir sind für die Bewohner auch in der Krise da. Es fehlt nur noch, dass man uns mit Desinfektionsmittel bespritzt“, sagt Freiwald und schweigt wieder. Die Stille durchbricht Mona Jungermann: „Niemand denkt daran, wie es unseren Angehörigen geht, die wir seit Beginn der Krise nicht oder nur auf Abstand sehen konnten.“ Ihr Mann sei Telekommunikationselektroniker im Außendienst. Er arbeite jetzt nicht, um sie nicht der Ansteckungsgefahr auszusetzen. „Damit ich weiterhin arbeiten kann“, so die stellvertretende Wohnbereichsleiterin.

Ein Lieferant

Steve Kuhlmann, der seit zehn Jahren als Koch im Blumenhain arbeitet, dachte er verhöre sich, als ihm ein Lieferant sagte, dass er die Ware nicht im Laden abholen dürfe. „Ich sollte das Geschäft nicht betreten, weil von mir eine Coronagefahr ausgehe. Mir wurde die Ware dann vor die Tür gestellt. Das fühlte sich komisch. Ich wurde doch negativ getestet“, sagt er.

Die Nachbarn

Es klingelte vor einigen Tagen an der Haustür von Anja Rothbauth in Borken. Die 37-Jährige öffnete, vor ihr standen Nachbarn. Sie fragten die Frau, die im Blumenhain in der Pflege arbeitet, ganz direkt, warum sie überhaupt zuhause und nicht in Isolation im Heim sei. „Das war ein komisches Gefühl und mein Mann war schockiert“, sagt sie. „Ich habe kein Corona, ich bin aber für Menschen da, die in einem Heim leben, in dem das Virus ausgebrochen ist.“, sagt sie. Und: Ihre Haustür würde sie nun jedenfalls nicht mehr einfach so öffnen.

Eine Arztpraxis

Regelmäßig gewechselt werden müssen bei einigen Bewohnern Blasenkatheter die durch die Bauchdecke gelegt wurden. „Passiert das nicht, kann es zu einer Sepsis kommen“, sagt Veronika Freiwald. Für das Auswechseln zuständig war lange Zeit eine feste Arztpraxis. Doch die habe nach dem Corona-Ausbruch im Altenheim die Behandlung verweigert. „Uns wurde gesagt, es sollte erst mal die Quarantäne abgewartet und danach der Katheter gewechselt werden.“ Das könne sie nicht nachvollziehen. Es gebe doch die Möglichkeit des Iso-Transports und in dem Fahrzeug könne man auch die Behandlung vornehmen. „Das ist machbar“, sagt die 50-Jährige. Die Praxis sei nicht mehr zuständig, eine andere habe sich der Patienten angenommen.

Das Team

„Das Team stärkt sich gegenseitig und hält zusammen“, sagt Veronika Freiwald. Vor allem den Kollegen, die auf der Isolierstation arbeiteten, zolle sie Respekt – „Hut ab!“

Insgesamt sei die Arbeit für alle gerade sehr, sehr anstrengend. „Es tut weh, dass wir ausgegrenzt werden. Der Applaus, der uns vor ein paar Wochen noch galt, war scheinheilig“, sagen die Frauen. Und dann wollen sie noch eines unbedingt loswerden: „Wir haben kein Verständnis für die Menschen, die sich nicht an die Coronaregeln halten. Egal, ob am Badesee oder im Geschäft. Die Menschen, die dagegen verstoßen, wissen offenbar nicht, was sie ihren Mitmenschen antun. Das ist schlimm.“

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