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Landmarkt in Großenenglis braucht mehr Unterstützer

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Von: Claudia Brandau

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Sie laden zum Einkaufen ein: Der Dorfmarkt Großenenglis hat viel zu bieten. Ulla Brehm, Roswitha Fischer, Meik Koch und Ute Riehl (von links) suchen Unterstützer, damit das Lädchen weiterhin bestehen kann.
Sie laden zum Einkaufen ein: Der Dorfmarkt Großenenglis hat viel zu bieten. Ulla Brehm, Roswitha Fischer, Meik Koch und Ute Riehl (von links) suchen Unterstützer, damit das Lädchen weiterhin bestehen kann. © Claudia Brandau

Als der Landmarkt Großenenglis 2020 eröffnete, gaben sich die Käufer die Klinke in die Hand. Jetzt ist es deutlich ruhiger geworden im Laden – viel zu ruhig.

In den ersten Wochen war der Ansturm groß. Als der Landmarkt Großenenglis im September 2020 eröffnete, gaben sich die Käufer die Klinke in die Hand. Jetzt ist es deutlich ruhiger geworden im Laden.

Großenenglis – Viel zu ruhig, sagen Ulla Brehm und Ute Riehl, die den Laden zusammen mit Meik Koch managen. Die Energiepreise steigen ständig, die Zahl der Kunden dagegen sinkt: „Kaufmann im Dorf zu sein ist ein hartes Brot“, sagt Ulla Brehm. Dabei war das Team mit einer großen Mischung aus Euphorie und Engagement vor einhalb Jahren an den Start gegangen. „In der Zwischenzeit sind wir in der Realität angekommen, wissen genau, was ein Dorfladen kann und was nicht,“ sagt Brehm.

Dem Preisdruck der Discounter beispielsweise kann der Dorfmarkt nicht standhalten. „Wir brauchen solide Preise, um die Kosten zu bestreiten“, sagt Ute Riehl und zählt die lange Liste der Posten auf, die Monat für Monat bezahlt werden müssen. Der Vermieter kommt dem Dorfmarkt zwar bereits mit dem Preis entgegen, doch der Einkauf, die Löhne – und vor allem die unfassbar hohen Energiekosten machen sich stark bemerkbar.

Man kann sogar hören, dass der Stromzähler lustig rattert: Die Kühlgeräte brummen laut vor sich hin, viele Lebensmittel müssen kalt stehen. Und trotzdem wird das Team quasi vom Haltbarkeitsdatum der Produkte gehetzt. Denn wo die Käufer fehlen, rückt der Engpass rasch gefährlich nahe: „Wir spüren das Defizit, das sich mit der Ware mit Haltbarkeitsdatum auftut, schmerzhafter und schneller als andere, größere Läden“, sagt Ute Riehl. „Wir versuchen, die Nebenkosten weiter zu senken, aber das ist schwer im Lebensmittelbereich.“

Schließung wäre großer Verlust

Jörg Werner und seine Tochter Julia aus Großenenglis aber gehören zu den Kunden, die gerne dafür sorgen, dass die Ware schnell an den Mann beziehungsweise in den heimischen Kühlschrank kommt: Die beiden kaufen regelmäßig im Landmarkt ein. „Wir finden den Laden absolut gut“, sagt Jörg Werner. „Er ist fußläufig zu erreichen, spart so lange Wege und Sprit und bietet regionale Produkte und viele Grundlebensmittel – da darf das eine oder andere gerne ein bisschen mehr kosten.“ Für ihn steht fest: „Wenn der Laden schließen müsste, wäre das ein großer Verlust fürs Dorf.“

 Jörg Werner und Tochter Julia stehen im Laden vor dem Kühlregal.
Kaufen regelmäßig im Landmarkt ein: Jörg Werner und Tochter Julia nutzen gerne die Möglichkeit, fußläufig für Nachschub sorgen zu können. © Claudia Brandau

Für Jörg Werner stellt der Einkauf auch ein Statement dar: „Wenn man hier einkauft, profitiert das ganze Dorf. Vor allem die, die nicht mobil sind und deshalb den Laden dringend brauchen.“

Reinhard Neutzer ist einer von denen, die nicht auf den Laden angewiesen sind, ihn aber dennoch regelmäßig besuchen: „Er ist um die Ecke, spart Zeit – und ich erfahre auch noch das Neueste aus dem Dorf“, sagt der Großenengliser und lacht. Was ihm wichtig ist: Dass die Senioren im Dorf dort eine Einkaufsmöglichkeit und Anlaufstelle haben. Im Sommer gibt es Sitzmöglichkeiten draußen, im Winter drinnen, Kaffee und Kuchen ist immer im Angebot – ein weiterer Grund, vorbeizuschauen.

Landmarkt braucht Unterstützer

In der Zwischenzeit kommen andere Kunden rein, die meisten geben rasch ein Paket an der Kasse ab – und verlassen den Laden, ohne auch nur ein Brot oder eine Zeitschrift gekauft zu haben.Was braucht der Laden, um weiter bestehen zu können? Unterstützung, sagen Ute Riehl und Ulla Brehm. „Uns wäre geholfen, wenn mehr Leute Dinge kaufen würden – es muss ja kein Groß- oder Wocheneinkauf sein: Es geht einfach um Solidarität.“

Eineinhalb Jahre hat sich das Team samt ehrenamtlichen Helfern in die Arbeit gekniet, hat eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet, die Regale von Vorgänger Dieter Mette gekauft, ein Angebot zusammengestellt: „Mittlerweile ist uns der Laden ein so großes Anliegen, dass wir es unbedingt schaffen wollen: Wir wollen das Angebot weiter fürs Dorf machen – und können es uns gar nicht vorstellen, irgendwann schließen zu müssen,“ sagt Ulla Brehm.

Reinhard Neutzer hat alles, was er braucht, er geht mit seiner vollen Einkaufstasche zur Tür. „Tschüss, bis bald!“, ruft er. Und er weiß: Sein Einkauf zählt. Nicht nur in der Ladenkasse. Sondern auch fürs Leben im Dorf.

Das sagt der Ortsvorsteher:

„Für viele Ältere im Dorf wäre es schlimm, wenn nicht gar eine Katastrophe, wenn der Laden zumachen würde“, sagt Ortsvorsteher Horst Simmen. Doch auch er sieht die Problematik: Der Dorfmarkt sollte ein Nischenladen sein, nicht nur Billigangebote machen, sondern auch Gutes, Frisches, Regionales, auch in Bioqualität anbieten. Aber rein statistisch gesehen seien bundesweit nur 20 Prozent der Bevölkerung bereit, mehr Geld für die Ernährung auszugeben – alle anderen kauften allein über das Preiskriterium ein: „Nicht umsonst ist der Lebensmittelmarkt hart umkämpft, wie man ja jede Woche an den vielen Werbeblättern sieht“, sagt Simmen. „Und ein solch kleiner Laden wie unser Dorfmarkt kann da beim besten Willen nicht mit mithalten.“ Sein Wunsch: Dass dennoch mehr Menschen aufs Angebot des Dorfladens zurückgreifen. Denn der bietet neben Lebensmitteln auch Kaffee, Kuchen und Kontakte. (Claudia Brandau)

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