Die Menschen brauchen Mut

Pfarrerin Vera Seebaß macht Kirchen zu „Seelen-Tankstellen“

Lädt in die Kirchen Kleinenglis, Arnsbach und Kerstenhausen ein, um die Sorgen loszulassen: Pfarrerin Vera Seebaß hat eine Mutmach-Aktion initiiert.
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Lädt in die Kirchen Kleinenglis, Arnsbach und Kerstenhausen ein, um die Sorgen loszulassen: Pfarrerin Vera Seebaß hat eine Mutmach-Aktion initiiert.

Im ersten Moment könnte man glauben, dass die Kleinengliser Kirche bald zur Baustelle wird: Vor dem Altarraum sind dicke rote Steine aufgestapelt. Doch statt Bauarbeiter erwartet Pfarrerin Vera Seebaß viele Besucher im kantigen Gotteshaus. Die aufgeschichteten Steine stellen eine Klagemauer dar, die ab heute die Sorgen und Nöte der Menschen aufnehmen soll.

Kleinenglis - Nicht nur in der Kirche Kleinenglis, sondern auch in den Kirchen von Arnsbach und Kerstenhausen, die ebenso zum Kirchspiel zählen.

„Viele Menschen fühlen sich durch die anhaltende Coronakrise zermürbt, erschöpft und voller Angst“, sagt Seebaß: „Die Klagemauer kann für die Besucher ein Ventil sein, um das loszuwerden, was ihnen auf der Seele lastet.“

Klagemauer: Aufnehmen, was Besucher mit- und vor Gott bringen wollen

Die Klagemauer soll all das aufnehmen, was die Besucher mit- und vor Gott bringen wollen. Nicht in Form von lautem Klagen und Weinen, wie man es von der Klagemauer in Jerusalem her kennt, sondern in Form von Zetteln, auf denen die Menschen das formulieren, was sie bedrückt. Und das dann in den Öffnungen der Steine dort lassen.

Pfarrerin Vera Seebaß steht an der aus Ziegeln gebauten Klagemauer in der Kirche Kleinenglis.

„Die Klagemauer ist ein uralter Brauch, Gott auf diese Weise nahezukommen: Sie kann den Menschen zum Ventil werden, damit sie ihre Last loswerden, sich befreiter fühlen“, sagt Vera Seebaß. Und dieses Ventil sei nötiger denn je: „Wir sind alle im Lockdown gefangen, das zehrt an der Seele.“

Anfangs habe sie eher an eine Pinnwand gedacht, an der die Besucher ihre Sorgenzettel aufhängen könnten, doch zusammen mit dem Kirchenvorstand sei die Idee zur deutlich eindrucksvolleren Mauer entwickelt worden. Die Firma Rininsland aus Arnsbach lieferte die benötigten Steine in die drei Gotteshäuser und stellt sie kostenlos zur Verfügung.

Zettel laden zum Nachdenken, Formulieren, Niederschreiben und Loslassen ein

Auf dem Altar der Kirchen liegen Zettel parat. Sie laden zum Nachdenken, Formulieren, Niederschreiben und bewussten Loslassen ein. Am Ende, so hofft Vera Seebaß, werden die Steine voller Gedanken und Gefühle der Menschen stecken.

Es ist eine Aktion, die sich an den Einzelnen richtet, doch jeder Zettel wird am Ende Teil des großen Ganzen – das am Ende deutlich zeigen soll, dass die Menschen auch in der Krise eine Gemeinschaft bilden. Wann aber dieses Ende sein wird, weiß weder Vera Seebaß noch sonst irgendjemand – die Krise hat keinen Fahrplan. „Es ist Platz für einen Jeden da: Sowohl an der Klagemauer als auch in der Gemeinde“, sagt die Pfarrerin.

Am Ende des Kirchenbesuchs können sich die Besucher Mutmach-Worte aus einem Körbchen mitnehmen, das am Altar steht. Mitglieder des Kirchenvorstands haben dort Begriffe, Lieder, Texte zusammengetragen. Mit der Aktion werden die Kirchen zu einer Anlaufstelle, die Vera Seebaß als „Seelentankstelle“ bezeichnet: Einem Ort, an dem die Menschen Mut und Zuversicht tanken können. Das Einzige, was man mitbringen sollte, ist ein Kuli. Alles andere, was man braucht, um sich erleichtert zu fühlen, finden die Besucher in den Kirchen. (Claudia Brandau)

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