"Es gibt kein Gen für Humor"

Erziehungswissenschaftlerin Charmaine Liebertz erklärt, wie wichtig Humor in der Erziehung ist

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Hat selbst eine humorvolle Erziehung genossen: Charmaine Liebertz macht Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräften klar, weshalb Kinder so früh wie möglich mit Humor konfrontiert werden sollten.

Borken. „Lachen ist die beste Medizin“, heißt es im Volksmund. Und doch tun wir es zu selten: Der durchschnittliche Erwachsene kommt laut wissenschaftlichen Untersuchungen am Tag gerade einmal auf 15 Lacher.

Kinder dagegen lachen im Schnitt 400 Mal am Tag – werden Kichern, Gröhlen und andere Ausdrucksformen des Fröhlichseins gezählt. Aber auch das will gelernt sein: „Der Humor fällt nicht vom Himmel“, sagt Dr. Charmaine Liebertz, Leiterin der Gesellschaft für Ganzheitliches Lernen. Am Dienstagabend war sie zu Besuch im Parkhotel Borken – und hat dort vor etwa 430 Erzieherinnen, Lehrkräften und Eltern über „Humor in der Erziehung“ referiert. Wir haben mit ihr gesprochen.

Seit wann spielt Humor in der Erziehung überhaupt eine Rolle?

Charmaine Liebertz: Die Eltern der heutigen Generation sind die fürsorglichsten, die wir je hatten. Wurde die Erziehung früher nebenbei erledigt, steht das Kind heute im Mittelpunkt. Auch wissen wir heute dank Erkenntnissen aus der Hirnforschung, dass Lerninhalte durch eine positive Bindung zum Kind viel besser transportiert und behalten werden. Aus dem Autoritätsklima von früher ist die jetzige Generation längst raus.

Was bedeutet Humor in der Erziehung?

Liebertz: Humorvoll erziehen bedeutet nicht, sich eine Pappnase aufzuziehen und Karneval zu spielen. Es ist viel mehr eine Frage der Haltung: Wie gehe ich mit Schwächen und Fehlern um. Welchen Tonfall wähle ich, wenn ich mein Kind ermahne? Stehe ich immer ganz gerade und wirke dadurch streng und autoritär oder beuge ich mich zur Seite und mache das Ganze spielerisch. Ich habe mal ein Clown-Seminar in Konstanz besucht, nur um etwas an meiner Haltung zu ändern.

Ist Humor erlernbar?

Liebertz: Kein Kind kommt mit Humor im Kreißsaal zur Welt. Es gibt auch kein Gen dafür. Der Humor muss gefördert werden. Dazu gehört zum Beispiel auch, Witze zu machen, die das Kind vielleicht nicht auf Anhieb versteht – und diese anschließend zu erklären und gemeinsam zu lachen. Wichtig ist es, den Kindern beizubringen, dass sie selbst entscheiden können, wann sie Humor haben.

Ab wann sollten Kinder mit Humor konfrontiert werden?

Liebertz:Mütter sollten am besten schon während der Geburt humorvoll pressen. Spaß beiseite. So früh wie möglich! Humor fängt im Säuglingsalter an. Mit kleinen, spielerischen Berührungen oder einem Kitzeln.

Wird durch Humor nicht die eigene Autorität gefährdet?

Liebertz: Wer sich nicht traut zu lachen, weil er Angst hat, seine Autorität zu verlieren, hat nie welche besessen. Mein Vater zum Beispiel war ein waschechter Kölner, wir haben immer viel gelacht. Ich hätte trotzdem nicht im Traum daran gedacht, seine Autorität infrage zu stellen. Wer nicht souverän ist, kann auch keinen Humor ertragen.

Kann eine humorvolle Erziehung auch schiefgehen und seine Wirkung verfehlen?

Liebertz:Der Humor sollte nicht ausschließlich auf Kosten der Kinder gehen, kränkend oder herabsetzend sein. Auch mit ironischen oder sarkastischen Bemerkungen wäre ich vorsichtig – allerdings lassen sich auch die erklären: mit einem bestimmten Tonfall oder einer spielerischen Geste. Der größte Fehler wäre allerdings, überhaupt keinen Humor zu haben.

Lachen Kinder zu wenig?

Liebertz:Kinder lachen zu wenig in der Schule. Da ist es nicht überraschend, wenn es während des Unterrichts zu Lachkrämpfen kommt. Denn je öfter gelacht wird, desto einfacher kann auch wieder damit aufgehört werden. Lachen ist schließlich ein Ventil.

Ich finde, dass angehende Lehrer in ihrer Ausbildung mehr über die Humorentwicklung von Kindern lernen sollten.

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