Mann tötete zahmen Vogel seiner Nachbarn

Er war frech wie Oskar: Familie trauert um erschlagenen Raben

Rabe Oskar auf seinem Lieblingsplatz: Der Schulter von Martin Andermann. Der achtmonatige Sohn Finley hatte sich längst an das ungewöhnliche Haustier gewöhnt. Foto:  privat/nh

Lendorf. Nie im Leben hätte Corinna Andermann geglaubt, dass ein Vogel so zahm sein könnte. Bis Oskar vor einigen Wochen zum offenen Fenster herein flatterte.

Die Rabenkrähe tat vom ersten Moment so, als sei sie seit Jahr und Tag im Haus der Familie im Borkener Stadtteil Lendorf zu Hause.

„Wir hatten schon viele Nymphensittiche, aber dass ein Vogel so zutraulich sein könnte, das habe ich nicht gewusst“, sagt die 29-Jährige.

Diese Erfahrung hätten auch viele Nachbarn gemacht: Wenn es irgendwo etwas zu fressen gab, war Oskar da. Die einen fütterten ihn mit roter Wurst, die anderen mit Apfelstückchen. Er klaute dem jüngsten Andermann-Spross den Schnuller und landete sogar mit Münzen im Schnabel auf dem Tisch. „Er war ein frecher freier Vogel“, sagt Martin Andermann.

Seine Familie bedauert es sehr, dass das Tier tot ist. Auch wenn sie auf ihrem Hof Hasen, Gänse, Katzen halten, war der zahme Rabe doch etwas Besonderes für die vier Kinder und zwei Erwachsenen. Natürlich sei er auch hin und wieder lästig geworden - doch dann habe man nur mit der Hand wedeln müssen, dass sei er davon geflattert, sagt der 44-Jährige. Niemals aber sei eine Gefahr von dem Tier ausgegangen, sagt Martin Andermann. Das nämlich habe der Nachbar gesagt, der auch bereits zugegeben hat, den Raben am Wochenende auf seinem Grundstück erschlagen zu haben.

Der Mann sieht das Geschehen komplett anders. Der Rabe habe sich vorige Woche mehrfach auf seine Frau gestürzt, die im Garten Johannisbeeren pflückte. Und habe sie dabei so sehr erschreckt, dass sie von dem Stuhl fiel, auf dem sie beim Pflücken saß. Dabei habe sie sich Prellungen zugezogen, berichtet der Nachbar.

Auch beim zweiten Mal habe er den Vogel lediglich verscheucht. Doch das habe nichts genutzt, der Rabe sei immer wieder gekommen. In dem Moment aber, als er ins offene Gewächshaus geflogen sei und dort Schalen und Töpfe zerdeppert habe, sei ihm der Kragen geplatzt. Er habe den Vogel getreten und das verletzte Tier dann erschlagen.

„Was hätte ich denn tun sollen“, sagte der Lendorfer: „Der Rabe wäre doch immer wieder gekommen und hätte uns belästigt. Es war für mich ein Wildtier, das uns immer wieder erschreckt hat.“

Das Argument zieht für Martin Andermann nicht. „Ganz gleich, ob Wild- oder Haustier, ob zahm oder nicht - man kann doch nicht einfach so ein Tier erschlagen.“ Er hat nun Anzeige erstattet. Der beschuldigte Nachbar kann das nicht verstehen: „Man muss sich doch verteidigen dürfen. Wenn das vor Gericht geht, verstehe ich die Welt nicht mehr.“

Dr. Wolfgang Fröhlich kann die Begründung des Mannes, dass er sich vom Raben belästigt fühlte, nicht nachvollziehen. Der Leiter des Wildparks Knüll verweist auf das deutsche Tierschutzgesetz: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen“, heißt es dort im ersten Paragraf. Ein vernünftiger Grund könne sein, dass man schweren Schaden abwenden wolle - nicht aber die Begründung, dass man sich von einem Tier belästigt oder genervt fühle. Zudem verlange das Gesetz, dass nur der ein Wirbeltier töten, der auch die „entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten“ habe wie beispielsweise ein Jäger.

Natürlich könnten Raben mit ihren großen Schnäbeln aber auch bedrohlich wirken, sagt Manfred Gunia von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz. Er könne gut verstehen, dass sich so mancher vor Raben fürchte, auch wenn die zahm seien, sagt der Waberner. „Wenn Hundebesitzer sagen, dass sein Tier nichts tut, dann heißt das nicht, dass der wirklich nicht beißt.“

Der zahme Rabe habe eine Fehlprägung gehabt: So nennt der Fachmann es, wenn Vögel von Menschen aufgezogen werden und später lieber den Kontakt zu ihnen als zu Artgenossen suchen.

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