Finazielle Not wegen Corona

2021 war eine Katastrophe: Inhaber des Mitmachzirkus aus Borken ist an ALS erkrankt

Niemand weiß, wie lange Karl Lagrin noch arbeiten kann: Der Inhaber des Mitmach-Zirkus Inakso aus Dillich ist krank. Von links Karl, Madeleine mit Leandro auf dem Arm, davor Luciano und Mary-Lou Lagrin.
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Niemand weiß, wie lange Karl Lagrin noch arbeiten kann: Der Inhaber des Mitmach-Zirkus Inakso aus Dillich ist krank. Von links Karl, Madeleine mit Leandro auf dem Arm, davor Luciano und Mary-Lou Lagrin.

Karl Lagrin hätte sich kein schrecklicheres Jahr als dieses vorstellen können. Erst zerstörte Corona seine berufliche Existenz, nun hat er noch eine schreckliche Diagnose erhalten.

Dillich – Nicht in seinen schlimmsten Träumen hätte sich Karl Lagrin ein schrecklicheres Jahr als dieses vorstellen können. Erst zerstörte Corona seine berufliche Existenz, nun hat er auch noch eine schreckliche Diagnose erhalten: Der Inhaber des Kinder-Mitmachzirkus „Inakso“ aus dem Borkener Stadtteil Dillich leidet unter einer Motoneuron-Erkrankung. Dabei sterben jene Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark ab, die die Muskeln steuern. Die Krankheit gilt als nicht heilbar.

Alles begann im Mai beim Teekochen: Als Karl Lagrin an jenem Morgen den Wasserkocher heben wollte, versagte seine Muskulatur. Es war ihm unmöglich, den Tee aufzugießen. Der 40-Jährige ging zum Arzt, der sofort einen Schlaganfall vermutete. Doch die Untersuchungen ergaben keinen Hinweis darauf, der Arm wurde immer schlapper und schwächer, bald konnte der trainierte Artist links nichts mehr heben oder tragen.

Lange herrschte Unklarheit über die Ursache von Lagrins Beschwerden

Lagrin ging von einem Therapeuten zum anderen, besuchte Chiropraktiker, Masseure, Akupunkteure – immer in der Hoffnung, dass er sich doch bitte nur einen Wirbel oder einen Nerv eingeklemmt haben möge, den man lösen könnte. Doch nichts half.

Erst der Besuch der Neurologischen Akutklinik in Bad Zwesten brachte Anfang Dezember Gewissheit – und eine niederschmetternde Nachricht. Karl Lagrin leidet unter der Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Man kennt sie vom Hörensagen: Auch der bekannte britische Physiker Stephen Hawking war daran erkrankt. Die Medizin stößt bei ALS an ihre Grenzen: „Machen Sie sich noch ein schönes Leben“, habe ein Arzt bedauernd zu ihm gesagt, sagt Lagrin.

Lagrin macht sich Sorgen um die Zukunft von seinem Zirkus und seiner Familie

Doch wie bitte soll man sich ein schönes Leben machen, wenn man weiß, dass man bald hinfällig und gebrechlich sein könnte? Dass Frau und drei Kinder unversorgt sind? Wie soll ein Leben im Wohnwagen mit Treppen davor aussehen, wenn er vielleicht eine behindertengerechte Umgebung braucht? Die Familie lebt sommers wie winters in zwei Wohnwagen in Dillich.

Sohn Luciano ist zehn, Tochter Mary Lou sieben Jahre alt. Im April wurde Leandro geboren: einen Monat vor der Diagnose. „Damals war die Welt noch in Ordnung“, sagt der 40-Jährige.

Karl Lagrin leitet den Mitmach-Zirkus Inakso in Borken: Nun bekam er die Diagnose ALS

Karl Lagrin ist Zirkuskind in siebter Generation, er bringt sein ganzes Leben lang Kinder bei Projektwochen in Grundschulen und Kindergärten zum Lachen und zum Staunen. Viele Jahre lief der Mitmach-Zirkus richtig gut, viele Jahre hat die Familie Lagrin unzählige Kinder ermutigt, Neues zu wagen, sich auszuprobieren, neue Talente zu entdecken.

Auch das ist vorbei, die Pandemie gibt Künstlern kaum Chancen. Ein einziges kurzes Gastspiel hatte die Familie jetzt in der Vorweihnachtszeit am Ratio-Einkaufszentrum in Kassel – sonst geht beruflich nichts. Karl Lagrin weiß, dass er bald gar nicht mehr auftreten kann. Selbst dann, wenn Corona es zulassen würde – wer weiß, was seine Gesundheit noch zulässt, die Krankheit beginnt auch im rechten Arm zu rumoren, er kann es spüren.

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Karl Lagrin und seine Familie suchen nun nach Möglichkeiten, wie es trotz ALS irgendwie weitergehen kann

Karl Lagrins Sorge ist, dass er schon bald auf den Rollstuhl angewiesen sein könnte. Zu all den schlimmen Gedanken kommt noch die schwierige finanzielle Situation: „Wir sind doch gar nicht drauf eingerichtet, dass wir keine Einnahmen haben“, sagt der 40-Jährige, der immer gearbeitet hat und auch immer arbeiten wollte. Wie es weitergehen soll, weiß er nicht.

Das verdiente Geld zerrinnt schnell ohne Einnahmen. Die Familie sucht jetzt nach einer festen Standfläche in Borken, um das ständige Auf- und Abbauen des Zeltes zu vermeiden. „Wir suchen einfach Möglichkeiten, wie es weiter gehen kann – auch ohne mich“, sagt Lagrin. Er sagt es ganz sachlich. „Vielleicht ist das alles noch gar nicht bei mir angekommen.“ (Claudia Brandau)

Info: Wer den Mitmachzirkus und die Familie Lagrin unterstützen will: Karl Lagrin, Iban: DE 81 37 01 0050 0672 0455 07, Postbank.

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