Richard Stengele fing Funkspruch auf

28 Jahre Stolzenbacher Grubenunglück: Die Suche nach der Wahrheit

Als Elektriker unter Tage: Richard Stengele (Mitte) in der Grube Stolzenbach, an seinem Arbeitsplatz. Foto: privat

Stolzenbach. Es gibt keinen einzigen Tag, an dem Richard Stengele nicht an das Grubenunglück von Stolzenbach denkt. 28 Jahre sind seit der Explosion vergangen, bei der 51 Bergleute ums Leben kamen, bei der 51 Frauen ihre Männer und 81 Kinder ihre Väter verloren.

Fast drei Jahrzehnte sind seit der Katastrophe vergangen. Und noch immer, sagt Stengele, würde vieles zur damaligen Rettungsaktion falsch dargestellt.

Er schildert den Tag, von dem er nie auch nur eine einzige Minute vergessen wird, aus seiner Sicht.

Mittwoch, 1. Juni 1988, 12.35 Uhr:

In der Schachtanlage Stolzenbach im Borkener Braunkohlerevier kommt es zu einer Kohlenstaubexplosion. 57 Männer befinden sich zu diesem Zeitpunkt unter Tage.

Richard Stengele, damals Betriebsführer und elektrotechnischer Werkssachverständiger der Preußen Elektra, befindet sich dienstlich in Wölfersheim. Als er vom Unglück erfährt, rast er zurück nach Borken. Zusammen mit fast drei Dutzend Elektrikern baut er ein Funkprovisorium auf - in der Hoffnung, Kontakt zu Überlebenden zu bekommen.

Mittwoch, 1. Juni 1988, 15.25 Uhr:

Das Unglück von Stolzenbach lässt ihn nicht los: Richard Stengele aus Borken mit der Karte vom Stolzenbacher Schacht, der nach der Explosion 1988 nie mehr bewirtschaftet wurde. Foto: Brandau

Tatsächlich: Stengele und sein Team fangen den Funkspruch von eingeschlossenen Bergleuten auf. Sechs Männer haben die gewaltige Explosion überlebt: Sie sitzen im Ostteil der Grubenanlage fest. Er habe sofort den Krisenstab verständigt, habe auch den genauen Aufenthaltsort der Männer genannt, sagt Stengele. Und dennoch habe ihm sein Direktor nicht geglaubt. „Er hat den Funkspruch als Hirngespinste der Elektroniker abgetan“, sagt Stengele. Er kann es heute noch nicht fassen, dass er damals nirgends Gehör fand.

Erst viel später bestätigte sich, dass der Erstkontakt zu den Überlebenden - also jener Funkspruch, der später in den Medien als „ignoriert“ und „verschlampt“ bezeichnet wurde - tatsächlich stattgefunden hatte.

Als zwei Tage nach der Explosion ein Reporter des Hessischen Rundfunks auf die Idee kam, ein Richtmikrofon an jener Stelle nach unten zu lassen, wo auf der Suche nach Verschütteten gebohrt worden war, da hatte es endlich den Beweis gegeben, der Stengele am Unglückstag selbst gefehlt hatte.

Wie aber hätte er den Funkspruch dokumentieren können, fragt er sich. „Wir hatten doch nur ein Provisorium und nicht etwa ein Tonstudio“, sagt der 82-Jährige.

Montag, 30. Mai 2016:

Richard Stengele hat eine große Karte vom Stolzenbacher Schacht auf seinem Esszimmertisch ausgebreitet. Man sieht dem Plan an, dass er bereits aberhunderte Male auseinander und wieder zusammen gefaltet wurde. Er ist vergilbt, weist zigfache Risse auf. Richard Stengele hat ungezählte Stunden darauf gestarrt, hat sich dabei immer wieder gefragt, ob die Rettung der sechs Bergmänner besser und effektiver hätte verlaufen können. Ja, sagt er heute, das hätte sie.

Todesanzeige erschien

Allein die Tatsache, dass die Namen der Überlebenden am Tag vor ihrer Rettung bereits in der Todesanzeige für all die Gestorbenen gestanden hatten, sei Beweis dafür, dass keiner der Krisenmanager je an die Möglichkeit geglaubt habe, dass jemand lebend ans Tageslicht geholt werden könnte. Und doch hatten die Kumpel in einer Luftblase überlebt. Sie saßen von Mittwoch, 12.35 Uhr, bis Samstag, 6 Uhr in der Frühe, unter Tage fest. Ein Albtraum. Den man früher hätte beenden können, sagt Richard Stengele. Wenn ihm nur irgendjemand geglaubt hätte.

Hilferuf nicht missachtet

Das Unglück, das das Leben so vieler Familienangehöriger und Freunde der 51 Toten veränderte, das so viel Schmerz auslöste, verfolgt Stengele. Und die Sorge, dass jemand glauben könnte, er habe während dieser drei grauenhaften Tage nicht alles Menschenmögliche getan, um Leben zu retten und damit Leid und Trauer zu verhindern. Der Funkspruch kam bei ihm an - er habe diesen Hilferuf weder missachtet noch ignoriert, wie es jahrelang immer wieder in den Medien geheißen hatte.

Er leidet unter der Vorstellung, dass ihm ein Angehöriger einen solchen Vorwurf machen könnte. „Es hat einfach niemand vom Krisenstab an diesen Funkspruch glauben wollen“, beteuert er.

28 Jahre nach der Explosion geht es Richard Stengele immer noch um das Thema, das auch viele Familienangehörige weiterhin täglich beschäftigt: Die Wahrheit über Stolzenbach.

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