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Kleines Dorf, großes Heimatgefühl: Stolzenbach ist Borkens zweitkleinster Stadtteil

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Von: Claudia Brandau

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Sie sind die letzten Vollerwerbslandwirte in Stolzenbach: Tobias und Nina Klippert in ihrem Stall. Alle
Sie sind die letzten Vollerwerbslandwirte in Stolzenbach: Tobias und Nina Klippert in ihrem Stall. Alle © Claudia Brandau

Jeder Ort im Kreisteil hat etwas zu bieten. Ob jahrhundertealte Geschichte, lustige Anekdoten oder eindrucksvolle Vereine. Für unsere „Gespräche am Gartenzaun“ waren wir in Stolzenbach unterwegs.

Stolzenbach – Als Florian und Christin Schidlovksi ihre kleine Ferienwohnung ins Internet stellten, rechneten sie nicht mit einem Ansturm. Doch kaum im Netz inseriert, meldeten sich die ersten, die in der Stolzenbacher Ferienwohnung „Klein, aber fein“ Urlaub machen wollten. Die Gäste kommen bis aus China, und alle sind sich einig: 157 Gäste haben Dorf und Wohnung positiv bewertet. Das ist fast doppelt so viel wie die Einwohnerzahl des 84-Seelen-Dorfs Stolzenbach.

Und auch die sind sich einig: Das Leben im Borkener Stadtteil ist herrlich. „Ich war an vielen Ecken auf der Welt – aber ich bin ein Dorfkind, kann mir nicht vorstelllen, woanders zu wohnen“, sagt Karl Otto. Der frühere Elektro-Ingenieur füttert gerade seine zierlichen japanischen Shamo- und indischen Asil-Hähne, als der Rundgang an seinem Garten vorbeiführt. 36 Tiere zählen zur Ottoschen Hühnerschar. Ihr Gegacker verstärkt den Eindruck, den man von Stolzenbach beim Spaziergang durch den Ort hat: Das kleine Dorf ist eine große Idylle.

Das wissen Ulrich und Hannelore Kiwitt längst. Sie wissen, wie Karl Otto und viele Nachbarn, das Leben in Stolzenbach zu schätzen. Und stehen damit nicht alleine, denn gerade sind etliche junge Einwohner, die zum Arbeiten oder Studieren weggezogen waren, zurückgekommen. „Es kommt wieder junges Leben hier an“, freut sich Ortsvorsteher Kiwitt.

Doch man muss gleich eine feste Adresse an der Hand haben, um in Stolzenbach leben zu können. Es gibt keinen Leerstand – aber auch kein Bauland. Die Region ums Dorf gilt als Bergbau-Senkungsgebiet.

Und gerade weil Wohnraum so knapp ist, sei es umso ärgerlicher, dass gleich am Ortseingang ein großes marodes Fachwerkhaus in sich zusammenfällt. Erben gibt es keine. „Wir müssen sehen, was draus wird“, seufzt Kiwitt. Er gehört zu denen, denen die Blutgruppe „i“ nachgesagt wird: „i“ wie ingefreijet, also eingeheiratet. Und doch sei es für die „Bigefrejeten“ immer leicht gewesen, in Stolzenbach heimisch zu werden, berichtet Kiwitt: „Die Dorfgemeinschaft ist einfach richtig gut.“

Karl Otto hat eine große Hühnerschar: Die sind keine großen Eierleger, sorgen mit dem Gegacker aber für eine original dörfliche Akustik.
Karl Otto hat eine große Hühnerschar: Die sind keine großen Eierleger, sorgen mit dem Gegacker aber für eine original dörfliche Akustik. © Brandau, Claudia

Das hört man schon als Ortsfremde beim Rundgang: „Wir sehen uns nachher“, rufen sich die Frauen zu. Sie kommen dienstags zusammen um sich zu treffen und um zu erzählen. Die Dienstagsfrauen sind ein großer und wichtiger Mosaiksteinchen im großen „Wir-Gefühl“ der Dorfgemeinschaft.

Früher gab es sogar ein Unter- und ein Oberdorf, doch heute ist Stolzenbach das, was es ist: Ein in sich fest verwachsenes Dorf, das aber über die Jahrzehnte viele Veränderungen erlebt hat. Noch vor wenigen Jahrzehnten, berichtet Tobias Klippert, habe es zwölf Vollerwerbslandwirte im nahen Dillich und fünf Bauern in Stolzenbach gegeben.

Heute ist Klippert der einzige in Stolzenbach, der von seinem landwirtschaftlichen Betrieb lebt, in dessen Ställen Bullen und Schweine leben. Seine Frau Nina ist damals von ihrem Elternhaus im Unterdorf auf den Bauernhof im Oberdorf gezogen – damals, als es diese Unterscheidung noch gab.

Heute würdigen die Einwohner, dass man sich kennt, jeder jeden grüßt, zur Not gern Blumen gießt und Katzen füttert. Die Stolzenbacher sind sich dieser Qualitäten bewusst. „Ich möchte nicht woanders leben“, sagt Ingrid Henke.

Doch den Ruf der Idylle mussten sich viele Orte auf dem Land erst hart erkämpfen: „Wohin wollen Sie ziehen? Nach Stolzenbach? Ach du: Ich dachte, von da zieht man nur weg!“, hörte Ingrid Henke 1972, als sie sagte, dort wohnen zu wollen. Heute denken wohl die Wenigsten ans Wegziehen. Das Landleben, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, hat viel zu bieten. Stolzenbach ist ein Beispiel dafür. (Claudia Brandau)

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