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Marmorkrebse sind Gefahr für Seen im Schwalm-Eder-Kreis

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Von: Maja Yüce

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Gefahr für heimische Arten: Marmorkrebse gelten als Plage. Sie bedrohen Flora und Fauna in Gewässern. Im Landkreis wurden sie bislang im Singliser See offiziell nachgewiesen.
Gefahr für heimische Arten: Marmorkrebse gelten als Plage. Sie bedrohen Flora und Fauna in Gewässern. Im Landkreis wurden sie bislang im Singliser See offiziell nachgewiesen. © Bernd Meise/nh

Sie klonen sich selbst und bedrohen das Ökosystem – auch für die Gewässer des Schwalm-Eder-Kreises sind sie eine Gefahr: Marmorkrebse. 

Nachgewiesen wurden sie bisher im Singliser See. Dort mahnen mehrere Hinweisschilder Besucher davor, die Tiere nicht aus dem See zu nehmen. „Die Krebse sollten zwingend im Gewässer belassen und auf keinen Fall gefangen werden, um sie in anderen Gewässern auszusetzen oder für die Pfanne, das Aquarium oder den eigenen Gartenteich mit nach Hause zu nehmen“, erklärt Hendrik Kalvelage vom Regierungspräsidium Kassel.

Grund dafür: Marmorkrebse gehören zu den gebietsfremden invasiven Arten. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Marmorkrebse von reinen Aquarienbewohnern zu gefürchteten Vielfraßen entwickelt und stellen somit eine Bedrohung für heimische Flora und Fauna dar. Trotzdem gebe es auch (noch) eine gute Nachricht: „Obwohl immer wieder davon berichtet wird, dass Marmorkrebse aus dem Singliser See entnommen und in andere Gewässer ausgesetzt würden, liegen bisher keine offiziellen Nachweise aus anderen Gewässern vor“, sagt Kalvelage. Und das obwohl Marmorkrebse die Fähigkeit haben, ein Gewässer zu verlassen, um in das Nächstliegende einzuwandern und sich dort anzusiedeln.

Entdeckung der Tiere melden

Bislang gelten Marmorkrebse im Schwalm-Eder-Kreis nur im Singliser See offiziell als nachgewiesene Art, so die Obere Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums Kassel. Wer Marmorkrebse in anderen Gewässern entdeckt, kann diese online im Meldeportal „Meldeart“ des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie angeben. Die Internetseite dazu: hlnug.de/themen/naturschutz/tiere-und-pflanzen/arten-melden 

Doch auch der Mensch spiele bei der Einschleppung eine Rolle: Der Marmorkrebs ist ein amerikanischer Krebs, der ab den frühen 90er-Jahren im deutschen Aquarienhandel auftauchte. „Vermutlich ist der Bestand im Singliser See durch Besatz aus Aquarienhaltung entstanden“, sagt Kalvelage. Eine hohe Vermehrungsrate, ähnlich wie bei anderen gebietsfremden Arten, könne dazu führen, dass der „überschüssige“ Nachwuchs aus falsch verstandener Tierliebe oder zur „Bereicherung der Natur“ illegal ausgesetzt werde. „Stark frequentierte Freizeitgewässer wie der Singliser See sind besonders durch illegale Aussetzungen gefährdet“, so Kalvelage.

Eine Besonderheit dieser Art sei es, dass die weiblichen Tiere auch ohne Männchen dauerhaft für Nachwuchs sorgen können. Im Aquarium zeichne sich der Marmorkrebs durch seine hohe Vermehrungsrate aus. Ein ausgesetzter Marmorkrebs könne daher ausreichen, um einen neuen Bestand zu gründen. Da es nahezu unmöglich sei, die Tiere wieder vollständig aus einem See zu entfernen, richte man den Fokus darauf, wie die Ausbreitung verhindert werden könne.

Marmorkrebse breiten sich im Singliser See aus

Borken – Eine Invasion von Marmorkrebsen bedroht den Singliser See und somit auch weitere Gewässer im Schwalm-Eder-Kreis. Marmorkrebse vermehren sich schnell, breiten sich mit – und auch ohne – Hilfe von Menschen aus, denn die vermehren sich auch ohne Artgenossen. Darüber hinaus fressen sie fast alles, was ihnen vor die Scheren kommt. Die Obere Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums Kassel beantwortet Fragen rund um die Krebsplage.

Wie erkennt man Marmorkrebse?

Marmorkrebse werden bis zu 12 Zentimeter lang und sind gut an ihrem auffällig marmoriert gefleckten Vorderkörper zu erkennen, der ihm auch den Namen gab. Die Scheren sind im Vergleich zum Körper eher klein. Die kleinen, an den Seiten befindlichen Dornen und die eng zusammenlaufenden Rückenfurchen sind weitere Bestimmungsmerkmale.

Wie sind die Krebse in den Singliser See gekommen?

Der Marmorkrebs ist ein amerikanischer Krebs, der ab den frühen 90er Jahren im deutschen Aquarienhandel auftauchte. „Vermutlich ist der Bestand im Singliser See durch Besatz aus Aquarienhaltung entstanden. Stark frequentierte Freizeitgewässer wie der Singliser See sind besonders durch illegale Aussetzungen gefährdet. Das Ausbringen von Tieren in der freien Natur bedarf nach dem Bundesnaturschutzgesetz einer Genehmigung“, erklärt Hendrik Kalvelage vom Regierungspräsidium Kassel.

Warum sind Marmorkrebse ein Problem?

Der Großteil der gebietsfremden Arten spiele für Ökosysteme, Biotope und andere Arten aus Naturschutzsicht keine Rolle, aber es gebe invasive gebietsfremde Arten, die negative Auswirkungen auf andere Gattungen, Lebensgemeinschaften oder Biotope haben. „Dazu gehören verschiedene invasive gebietsfremde Krebsarten wie der Marmorkrebs, dessen Auftreten zur Verschiebung der Artenzusammensetzung in Gewässern führt“, so das RP.

Was passiert bei einer Verschiebung der Artenzusammensetzung?

„Dabei werden gebietsheimische Krebsarten wie der Edelkrebs durch direkte Lebensraum- und Nahrungskonkurrenz verdrängt. Die gebietsfremden Krebsarten erreichen zum Beispiel schneller die Geschlechtsreife und haben eine größere Vermehrungsrate. Zudem sind sie unempfindlicher gegen Umweltveränderungen“, sagt Kalvelage.

Übertragen Marmorkrebse auch Krankheiten?

Eine besondere Gefahr für gebietsheimische Krebsarten gehe von den invasiven gebietsfremden Krebsgattungen durch das Übertragen der Krebspest aus, da die gebietsfremden Krebsarten weitgehend immun dagegen seien, während die Krebspest bei den heimischen Gruppen tödlich ende. „Weiterhin besteht der Verdacht, dass die gebietsfremden Krebsarten Überträger des Chytrid-Pilzes sind, der Amphibien befällt und zum Teil zu hohen Verlusten führt“, so Kalvelage.

Und wie wirken sich die Marmorkrebse auf die Bestände in den Seen aus?

„Der Rückgang natürlicher Gewässerstrukturen, aber vor allem die zunehmende Ausbreitung invasiver gebietsfremder Krebsarten haben dazu geführt, dass die natürlichen Bestände unserer heimischen Krebsarten bis auf kleinste Restpopulationen zurückgegangen sind“, so das RP.

Sind die Krebse erst einmal in einem Gewässer, können sie dann wieder vollständig entfernt werden?

Eine vollständige Entfernung aus Gewässern sei fast nicht möglich. In Fließgewässern könne lediglich durch den Einbau von Barrieren (Krebssperren) versucht werden, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Auch bei Stillgewässern sei die Chance auf eine vollständige Entfernung äußerst gering, da dies nur über ein vollständiges Ablassen oder durch Verfüllen und Neuanlage von kleineren Gewässern möglich wäre. „Bei solchen Maßnahmen kann es aber zu erheblichen Beeinträchtigungen von geschützten Arten und Biotopen kommen, sodass dies immer im Einzelfall abgewogen werden muss. Schon aufgrund der Größe des Singliser Sees ist eine solches Vorgehen dort aber auszuschließen“, betont Kalvelage.

Wie kann die weitere Verbreitung verhindert werden?

Seit Anfang 2018 werden in Deutschland Marmorkrebse bekämpft. Als Grundlage diene auch ein bundesweit abgestimmtes Vorgehen. Dazu zählen: Öffentlichkeitsarbeit, Entnahme sowie gegebenenfalls die vorübergehende Zulassung der kommerziellen Nutzung, Schaffung von Pufferzonen, die Errichtung von Krebssperren oder Erhaltung bestehender Barrieren, das Ablassen oder Verfüllen und Neuanlage von Stillgewässern sowie die gezielte Förderung von natürlichen Gegenspielern.

Wer darf die Krebse aus einem See entnehmen?

Marmorkrebse unterliegen dem Fischereirecht und dürfen daher nur von fischereiberechtigten Personen entnommen werden.

(Maja Yüce)

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