Eisdielenbetreiber: ""Ich habe nichts getan"

Nach Razzia: Michele Sculco aus Borken wehrt sich gegen Mafia-Verdacht

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Will sein Leben zurück: Eisdielenbesitzer Michele Sculco aus Borken wehrt sich gegen die Vorwürfe, der Mafia anzugehören. Der Italiener ist nach zwei Monaten aus der Haft entlassen worden – er sieht sich zu Unrecht beschuldigt und verfolgt.

Borken. Zwei Monate saß Michele Sculco in Haft. Der Borkener war unter dem Verdacht verhaftet worden, der Mafia anzugehören. Jetzt wurde der 58-Jährige entlassen.

Der Borkener Eisdielenbesitzer Michele Sculco ist zwar wieder auf freiem Fuß – aber alles andere als glücklich. Im Gespräch mit unserer Zeitung verwahrt sich der 58-Jährige in Gegenwart seines Anwalts Uwe Bauers gegen alle Vorwürfe, die die Justiz gegen ihn erhebt. Sculco sieht sich zu Unrecht beschuldigt – und in seiner Existenz bedroht.

Sie wurden im Januar verhaftet, die Vorwürfe wiegen schwer. Hätten Sie geglaubt, so schnell wieder frei zu sein?

Michele Sculco: Ich hätte vor allem nie geglaubt, dass ich verhaftet werde! Als das Spezialeinsatzkommando kam und die Tür sprengte, war das ein Schock! Ich habe an eine Verwechslung geglaubt, ich habe doch nichts getan! Im Gefängnis habe ich die erste Woche in meiner Zelle gesessen und nur geweint.

Uwe Bauers: Mein Mandat saß in Auslieferungshaft – die endet nach zwei Monaten, wenn es nicht weiteres belastendes Material gibt. Und das gibt es nicht: Die Generalstaatsanwaltschaft hat Herrn Sculco deshalb freigelassen.

Also sind jetzt alle Vorwürfe vom Tisch?

Bauers: Nein. Die deutsche Justiz hat den europäischen Haftbefehl im Januar vollzogen. Jetzt sind die italienischen Behörden am Zug. Sie müssen nun die Vorwürfe prüfen: Wenn sie weitere Indizien finden, die gegen Herrn Sculco sprechen, kann es zu einer neuen Haftfestnahme kommen. Das Auslieferungsverfahren ist noch nicht beendet.

Heißt das, Sie müssen jeden Tag damit rechnen, wieder ins Gefängnis zu kommen?

Sculco: Ja. Das ist schrecklich. Ich weiß ja nicht einmal, was ich überhaupt gemacht haben soll! Ich habe wirklich kein Verbrechen begangen.

Sie sollen Weine für sich und andere Wirte aus Quellen bestellt haben, die die ‘Ndrangheta kontrolliert.

Sculco: Das ist nicht wahr. Ich habe Wein bestellt, ja. Aber für Wirte, die ich kenne, denen ich oft helfe. Nicht nur beim Bestellen, auch bei vielen anderen Dingen. Ich habe nichts gemacht – ich habe einfach nur den falschen Wein gekauft!

Bauers: Bei dieser Hilfe handelte es sich um ganz neutrale Unterstützungshandlungen meines Mandanten. Jetzt wird deswegen in Italien geprüft, ob er Mitglied in einer mafiaartigen Organisation ist.

Sculco: Das bin ich nicht!

Bauers: Der Verdacht der Behörden aber reichte für einen Haftbefehl, aber er reichte nicht für eine Auslieferung. Wir gehen davon aus, dass der Kronzeuge, der jetzt gegen den Clan aussagt, Herrn Sculcos Namen nicht nennt.

Was passiert jetzt?

Bauers: Die italienische Justiz steht in der Beweispflicht, ob Herr Sculco wirklich eine kriminelle Vereinigung unterstützt hat. Und das geht nicht von heute auf morgen, das dauert seine Zeit.

Was bedeutet das für Sie, Herr Sculco?

Sculco: Dass ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Ob ich hierbleiben und weiter arbeiten kann, oder ob ich nach Italien ausreisen muss. Ich weiß nicht, was mit meiner Eisdiele wird, ich weiß nichts.

Aber Sie sind doch aus der Haft entlassen? Und frei?

Bauers: Die deutschen Behörden sahen die Haft als unverhältnismäßig an – wie gesagt, der Kronzeuge hat ihn ja nicht belastet. Die Italiener aber haben auch den Haftbefehl nicht zurückgenommen. Deshalb läuft das Auslieferungsverfahren weiter.

Für Sie, Herr Sculco, heißt das jetzt was?

Sculco: Viele schlimme Sachen. Dass ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Dass ich nicht wirklich frei bin. Dass meine Existenz auf dem Spiel steht. Dass mein Ruf beschädigt ist.

Deshalb sprechen Sie jetzt mit unserer Zeitung?

Sculco: Ja. Die Leute sollen alle wissen, dass ich wieder da bin. Und dass ich nichts Falsches gemacht habe. Nur den falschen Wein gekauft. Ich bin zu 1000 Prozent unschuldig.

Das sagt die Justiz: Auslieferungsverfahren läuft weiter

Die italienischen Strafverfolgungsbehörden ermitteln gegen eine kriminelle Vereinigung nach Art der Mafia mit Namen „‘Ndrangheta - Farao Marincola“ aus dem Ort Ciro in Kalabrien. Das Oberlandesgericht Frankfurt hat nun laut Pressemitteilung eine Auslieferungshaft gegen drei der mutmaßlichen Mitglieder der ‘Ndrangheta, einer mafiaähnlichen Vereinigung, angeordnet. Sie waren zusammen mit zwei weiteren Hessen festgenommen worden, einer davon war Michele Sculco. Er wurde jetzt zwar von der Generalstaatsanwaltschaft aus der Haft in Frankfurt entlassen, das Auslieferungsverfahren läuft aber weiter. Der fünfte Mann habe sich bereit erklärt, sich freiwillig der italienischen Justiz zu stellen, heißt es in der Mitteilung.

Hintergrund: Er soll Gastwirte genötigt haben

Der Vorwurf gegen Michele Sculco: Der Borkener wird verdächtigt, als Mitglied der kriminellen Vereinigung „‘Ndrangheta Farao Marincola“ italienische Gastwirte in Nordhessen zur Abnahme von überteuerten Lebensmitteln, vor allem Wein, gezwungen haben. Die sollen aus Wirtschaftszweigen stammen, die von der ‘Ndrangheta kontrolliert werden. (dpa/bra)

Lesen Sie dazu: Melsungen war in den 80er- und 90er-Jahren eine Mafiahochburg

Zur Person

Michele Sculco wurde 1960 in Ciro in Kalabrien geboren – dem Sitz des mafiaartigen Klans der Familie Farao-Marincola. Von 1997 bis 2002 besaß er eine Eisdiele in Melsungen, ab 2010 war er mit einem Eiswagen in Spangenberg unterwegs. In Italien, sagt er, sei er seit 2005 nicht mehr gewesen. Seit 2010 betreibt er eine Eisdiele und einen Eiswagen in Borken. Sculco lebt in Borken und ist liiert.

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