Vergütungsverhandlungen gescheitert

Weg zum Arzt wird schwer: Altersheime beklagen neue Bedingungen für AOK-Versicherte

Im Altersheim Blumenhain Borken fehlen die Krankenfahrten: vorn Martin Lehmann von Krankentransporte Heßler, Alexander Felsing hinter Heinz Bank (92) im Rollstuhl, die stellvertretende Heimleiterin Manuela Freidhof, Matthias Heßler von Krankentransport Heßler aus Gombeth.
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Im Altersheim Blumenhain Borken fehlen die Krankenfahrten: vorn Martin Lehmann von Krankentransporte Heßler, Alexander Felsing hinter Heinz Bank (92) im Rollstuhl, die stellvertretende Heimleiterin Manuela Freidhof, Matthias Heßler von Krankentransport Heßler aus Gombeth.

Die Preisverhandlungen zwischen AOK Hessen und vielen Dienstleistern für Liegend- und Tragestuhlkrankenfahrten sind geplatzt. Das hat Folgen für die Bewohner von Altenheimen. 

Borken – Das Borkener Altersheim Blumenhain schlägt Alarm: 87 seiner 330 Bewohner können seit dem Jahreswechsel nicht mehr zum Facharzt gebracht werden: Die Preisverhandlungen zwischen AOK Hessen und vielen Dienstleistern für Liegend- und Tragestuhlkrankenfahrten sind geplatzt (HNA berichtete) – und damit auch Behandlungstermine schwerkranker und gehunfähiger Heimbewohner.

Manuela Freidhof von der Geschäftsleitung steht damit vor einem großen Problem: Im Blumenhain herrsche mit einem Mal ein Zwei-Klassen-System in der medizinischen Versorgung. Bewohner würden wie bislang zur ärztlichen Behandlung von den bisherigen Unternehmen gefahren – aber nicht die, die bei der AOK-Hessen versichert sind. Die Krankenkasse konnte sich mit Krankentransport-Unternehmen wie Heßler aus Gombeth und Marggraf aus Melsungen und Fritzlar nicht über die Vergütung ab 2022 einigen. Beide Unternehmen haben deshalb wie viele andere Kranken-Transport-Betriebe die Verträge gekündigt, damit Kunden und Aufträge verloren – verweisen aber auf stark gestiegene Spritpreise und geforderte Mindestlöhne.

Kranken-Transport-Betriebe haben die Verträge mit der AOK gekündigt: Altenheime und Bewohner stehen vor ganz neuen Problemen

Viele Heime und deren Bewohner stehen damit vor ganz neuen Problemen. Familie Freidhof hat aber noch kein Unternehmen gefunden, das über genügend Kapazitäten, Wissen oder Ausstattung verfügt, um jetzt die schon im vorigen Jahr ausgemachten Termine bei Fachärzten zu übernehmen – weder in Schwalm-Eder noch in Waldeck-Frankenberg. Freidhofs haben die AOK über die Misere informiert, da sie auch bald Qualitäts- und Pflegemakel befürchten. „Ohne fundierte internistische und urologische Versorgung kommt es rasch zu gesundheitlichen Problemen.“

Die Arbeiterwohlfahrt Nordhessen (Awo):  „Derzeit gibt es in den Pflegeheimen im Kreis keine Bewohner, auf die die Konstellation spezieller Transportbedarf und AOK-Versicherung zutrifft“, teilt Pressesprecherin Sigrid Wieder mit. „Das ist jedoch eine Frage der Zeit, irgendwann wird der Bedarf akut.“ Deshalb appelliere die Awo Nordhessen an die Vertragspartner, rasch eine Einigung herbeizuführen. „Möglicherweise muss sich auch das Sozialministerium vermittelnd einbringen,“ so Wieder. Auch im Pflegeheim Dorea-Familie Schwarzenborn gibt es noch keine Schwierigkeiten: in den ersten Tagen 2022 habe noch kein Patient gefahren werden müssen, so Sprecher Steffen Ritter.

Das sagt die AOK

Die AOK Hessen habe alle Fahrten im Januar für die AOK-Versicherten aus dem Pflegeheim Blumenhain kurzfristig umgesteuert, sagt Sprecher Stephan Gill. „Dazu fanden Telefonate zwischen der Einrichtung und unserem Fachbereich statt. Es gibt aus unserer Sicht keinen signifikanten Steuerungsaufwand für die Einrichtungen.“ Denn auch für die Zukunft gelte über das Seniorenheim Blumenhain hinaus: „Sollte es Schwierigkeiten geben, eine Fahrt zu organisieren, reicht ein Anruf bei der AOK seitens der Versicherten, Betreuenden oder auch der Einrichtung selbst aus: Wir kümmern uns sofort um die Umsteuerung.“ bra

Keine Einigung auf Vergütung für Transporte: Neue Transportunternehmen sind schwer zu finden

Es ist eine vertrackte Situation: Der Fachverband Pkw-Verkehr Hessen und die Krankenkassen AOK Hessen und Knappschaft können sich nicht über die Preise von Krankentransporten einigen, die Verhandlungen sind gescheitert.

Was da so pragmatisch klingt, stellt viele Altersheime in der Region vor Probleme: Denn sie haben schon im vorigen Jahr Behandlungstermine in ärztlichen Einrichtungen ausgemacht – wissen nun aber nicht, wie sie die Patienten in die Praxen bekommen sollen. Regionale Anbieter wie die Krankentransport-Unternehmen Firmen Heßler aus Gombeth und Marggraf aus Melsungen, die zum Fachverband Pkw-Verkehr Hessen gehören, haben zum Jahresende ihre Verträge mit der AOK Hessen gekündigt. Wer bei dieser Krankenkasse versichert ist, muss auf andere Unternehmen im Liege- und Tragesegment ausweichen.

Die aber seien nur schwer zu finden, die meisten Auftragsbücher seien lange voll – oder die Firmen nicht auf den Transport von Kranken eingerichtet, berichtet Manuela Freidhof von der Leitung des Altersheims Blumenhain in Borken, die gerade viel Zeit am Telefon verbringt, um längst ausgemachte Fahrten und Termine neu zu organisieren. Allein in dieser Woche waren es zehn. „Die Altersheime haben am meisten unter dem Konflikt zwischen AOK und Fachverband zu leiden – wir haben jetzt jede Menge Mehrarbeit zu leisten.“ Die meist planbaren Fahrten in ärztliche Einrichtungen würden aber doch von der Krankenkasse umgesteuert, teilt die AOK auf Anfrage mit. „Wir kümmern uns darum.“

Gescheiterte Vergüntungsverhandlungen zwischen AOK und Fachverband Pkw-Hessen: Patienten vermissen die bekannten Gesichter ihrer Fahrer

Manuela Freidhof bestätigt zwar einen regen Kontakt mit der AOK – aber der beschränke sich auf die ständige Suche nach entsprechenden Vertragspartnern. „Finden Sie mal ein spezialisiertes Unternehmen, das flexibel ist, gerade freie Kapazitäten, die zusätzlichen Fahrer und noch dazu die entsprechende Ausstattung hat. Da sitzen Sie lange am Telefon.“ Jetzt hat sie ein solches Unternehmen gefunden – in Neustadt. Dessen Fahrzeuge rauschten den weiten Weg in die Bergmannstadt an, um dann nur kurze Strecken wie zwischen dem Altenheim Borken und Facharzt in Homberg bezahlt zu bekommen.

Für Freidhof ein weiteres Manko: Viele der alten und nicht selten auch dementen Patienten vermissten schon jetzt die seit Jahren bekannten Gesichter der Fahrer. „Da fehlt jetzt jedes Vertrauen in die neuen Betriebe.“ Die Heimleiterin ist erbost über das neue Problem, das sie zusätzlich zum Fachkräftemangel und den Corona-Herausforderungen in den Weg lösen muss. „Die Heime haben einen Versorgungsauftrag zu erfüllen – aber man legt ihnen unfassbar viele Steine in den Weg“, sagt sie. (Claudia Brandau)

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