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Sie feiert ihr 107. Fest: Gertrud Schmidt aus Borken kam 1915 in Kassel zur Welt

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Von: Claudia Brandau

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Sie feiert zum 107. Mal Weihnachten: Gertrud Schmidt dürfte eine der ältesten Bewohnerinnen des Landkreises sein. Die 107-Jährige stammt aus Kassel und lebt im Altersheim Blumenhain in Borken.
Sie feiert zum 107. Mal Weihnachten: Gertrud Schmidt dürfte eine der ältesten Bewohnerinnen des Landkreises sein. Die 107-Jährige stammt aus Kassel und lebt im Altersheim Blumenhain in Borken. © Claudia Brandau

Gertrud Schmidt kennt vieles auf der Welt, aber keinen Weihnachtsstress. Weder in ihrer Kindheit noch in ihrem Erwachsenenleben hat für sie das Fest der Feste große Wellen geschlagen. Und das tut es nun erst recht nicht im Alter.

Borken – Mit ihren 107 Jahren zeigt die gebürtige Kasselerin entsprechende Gelassenheit, was den Weihnachtstrubel angeht: „Das ist nicht so wichtig.“

Viel wichtiger wäre es der Bewohnerin des Borkener Altersheims Blumenhain, wenn sie ein bisschen besser sehen könnte: „Früher habe ich so gern gelesen – jetzt aber sind die Augen schlecht, ich kann nur noch Umrisse erkennen.“ Auch das Hören fällt schwerer, genau wie das Schmecken: „Es verabschieden sich gerade viele Sinne,“ sagt Gertrud Schmidt. Was aber hervorragend funktioniert, ist ihr Hirn. Sie erinnert sich genau, welche Geschäfte sich Anfang der 1950er-Jahre in der Friedrich-Ebert-Straße befanden, wie Kassel vor und nach dem Krieg aussah.

Und sie erinnert sich an das Weihnachtsritual ihrer Familie: Als Kinder mussten Gertrud und ihre Schwester Hedwig und Bruder Walter das Haus verlassen, wenn der Baum geschmückt wurde – sie sollte nicht durchs Schlüsselloch linsen. „Dabei sah der Baum doch in jedem Jahr absolut gleich aus“, sagt Gertrud Schmidt und lacht. „Er hatte immer weiße Kerzen, weiße Kugeln und ganz viel Lametta. Damals durfte man viel Lametta haben.“

Ihr schönstes Weihnachtsgeschenk war eine Puppenküche

Aber der Baum war auch schon der aufregendste Part des Weihnachtsgeschehens, denn es gab kaum Geschenke. „Woher sollten denn die denn kommen?“, fragt sie sichtlich entrüstet. „Es gab gebastelte Strohsterne oder gestickte Lesezeichen, aber nicht mehr. Die Kinder heute würden lachen über das, was uns damals glücklich gemacht hat.“

Ihr schönstes Weihnachtsgeschenk? Gertrud Schmidt muss nicht lange überlegen, sie weiß es noch genau: Das war die Puppenküche, die ihr drei Jahre älterer Bruder für sie und ihre ein Jahr ältere Schwester aus fester Pappe gebaut hatte. „Da gab es eine Küche mit einem kleinen Herd samt winzigen Kochtöpfen: Hedwig und ich haben gejubelt“, sagt die 107-Jährige.

Überhaupt taucht das Wort Freude oft auf, wenn die Seniorin, die seit zehn Jahren im Altersheim lebt, von früher erzählt. „Wir hatten zwar kein Geld, aber ein schönes Zuhause. Und viel Freude am Turnen, Singen, Wandern, Spielen.“

Die Eltern hatten ein kleines Jagdhaus in der Söhre gepachtet, dort verbrachte die Familie die Wochenenden, genoss die Freiheit, die sie in der Wohnung am Königstor 19 nicht hatte. „Es waren die kleinen Momente, die uns glücklich gemacht haben“, sagt sie.

Glücklich war sie später auch mit ihrem Mann, der genau wie sie am 28. November Geburtstag hatte – aber schon 1961 eines Abends tot umfiel. Damals war er 53, sie 46. Später gab es noch einen Bekannten, wie sie sagt, aber auch der schied früh aus dem Leben – und Gertrud Schmidt beschloss, allein zu bleiben.

Gertrud Schmidt legt jeden Nachmittag Handtücher zusammen

Hätte sie denn geglaubt, dass sie so lange leben würde? „Iwo, woher denn?“, fragt sie und lacht. „Meine Schwester ist ja schon mit 92 gestorben.“

Vielleicht, sagt sie, die gelernte Verkäuferin, liegt es daran, dass sie ihr Leben lang gearbeitet hat – und das auch sehr gerne. Das tut sie bis heute: Sie legt, schlechte Augen hin oder her, noch jeden Nachmittag Handtücher aus der Wäscherei für die Bewohner zusammen. „Und das akkurat, da können Sie gerne nachschauen“, sagt sie stolz.

Beim Abschied hält sie inne, gibt der 58-jährigen Zeitungsfrau die zarte Hand und auch einen altersweisen Rat mit in die Weihnachtszeit: „Passen Sie gut auf, junge Frau: Die Jahre gehen ganz schnell dahin.“ (Claudia Brandau)

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